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Als ich elf Jahre alt war, fuhr ich mit meinen Eltern auf eine Almhütte in der hohen Tatra.

Herr Glogowski, der Besitzer dieser geräumigen und blitzsauberen Hütte war ein Gorale, erklärte mir mein Vater. Einer der wenigen noch lebenden Ureinwohner der polnischen hohen Tatra, die vorwiegend Viehzüchter, Holzfäller oder Flößer waren. Er lebte hier mit seiner Frau und den Kindern auf ihrem Anwesen im Naturschutzgebiet, mitten auf einer saftigen Alm, umgeben von schroffen Felsen und kleinen rauschenden Wasserfällen.

Als Großstadtkind fühlte ich mich hier in ein Natur- und Tierparadies versetzt.

Manchmal pfiffen draußen im Steinmeer die Murmeltiere. Es gab Hunde und Katzen,

Hühner und Schafe, Ferkel und eine braun gefleckte Kuh die Amanda hieß. Auch gab es ein süßes, schon etwas älteres Pony, das auf den Namen Hendryk hörte und ein bisschen lahmte, genau wie Jerzy, einer der Söhne Glokowsky's. Jerzys linkes Bein war gerade mal zwei Zentimeter kürzer als sein rechtes und das schon von Geburt an. Deshalb riefen ihn seine Geschwister und seine Schulkameraden Hinkebein.

Das Pony hingegen lahmte auf dem rechten Hinterbein beträchtlich und wurde nach wie vor Hendryk gerufen.

Als Jerzy den Stall ausmistete , fragte ich ihn : „Warum lässt du dir das gefallen ? Ich finde das hundsgemein.“ „Ach was“, sagte er lächelnd und hob die Schubkarre an, auf der er den Dung schräg über den Hof auf den Misthaufen karrte.

Jerzy war immer zu beschäftigt. Ich hörte mal, wie mein Vater zu meiner Mutter sagte : „So vergisst er wenigstens seine Behinderung.“

Aber wenn sein Vater , der tagsüber Bäume fällte, abends angetrunken herumschrie: „Hinkebein, hack Holz und schichte die Scheite ordentlich auf.“ Oder er drohte ihm mit einem großen Stecken : „Du Mistkerl, lässt das Unkraut statt Kartoffeln und Bohnen wachsen.“ Ud das obwohl auf dem winzigen Acker hinterm Haus gar kein Unkraut zu sehen war. Dann lief Jerzy vor Zorn dunkelrot an und seine Augen Funkelten.

Ich rannte dann zu der stillen Frau Glogowsky in die Küche oder zu meiner Mutter rauf und rief empört : „Warum hackt Herr Glogowsky immer auf Jerzy herum ? Er macht doch schon alles.

Er streut den Ferkeln duftiges Stroh, versorgt Amanda mit frischem Heu, schleppt den schweren Futtereimer in den Stall und gibt den Hühnern Körner. Auch wie Jerzy die Sense oder den riesigen Rechen schwingt, wenn er Grünfutter für die vielen Kaninchen macht.

Meine Mutter beruhigte mich. „Im Winter die Einsamkeit“ sagte sie, „ und das harte Leben auf der Alm bringt manchmal selbst einen gutmütigen Menschen dazu ungerecht zu werden. Darüber tröstet den armen Herrn Glogowsky auch sein Gott im Himmel nicht hinweg.“

 

Am kommenden Nachmittag ordnete mein Vater plötzlich an, für unseren Aufstieg zum Mont Everest, wie er scherzhaft sagte, alles bereit zu machen und früh ins Bett zu gehen. Sofort wollte ich Jerzy Bescheid geben aber mein Vater hielt mich zurück. „Uns führt Herr Glogowsky“, sagte er, „Jerzy muss sich auf die Schule vorbereiten“. Und das mitten in den Ferien ! „ Außerdem würde er mit seinem schwachen Bein, so einen anstrengenden Aufstieg auch gar nicht schaffen“. Um Ausreden sind erwachsene nie verlegen.

Vater reichte mir die Bergschuhe und die dicken Socken herüber. Ich fuhr in die Botten und maulte: „die Schuhe drücken !“. Da hieß es gleich : „Mach kein Theater, Kind !“ Ich konnte noch so bitten hier zu bleiben, aber meine Eltern waren nicht zu erweichen und ließen mich von nun an nicht mehr aus den Augen.

Am nächsten Morgen stiegen wir bereits vor Sonnenaufgang auf einem kurvenreichen Wanderpfad bergan. Jerzys Vater legte gleich ein mörderisches Tempo vor, dass sogar mein ehrgeiziger Vater große Mühe hatte mit ihm Schritt zu halten. Je höher wir stiegen, um so heller und wärmer wurde es und um so lauter schnaufte meine Mutter. Sie schleppte viel zu viele Pfunde bergauf, darum zog sie sich ihren letzten Pulli noch aus.

 

 

Als weiter oben mein Rucksack dann noch scheuerte, nahm ihn mir mein Vater wortlos ab und erklärte, während wir unsere Speckbrote aßen und Zitronenwasser dazu tranken, das der eiskalte Tümpel da unten ein Meeresauge sei, ein Überbleibsel aus der Zeit vor 60 Millionen Jahren, als die Berge aus dem Meer aufstiegen.

Währenddessen lehnte Herr Glogowsky abseits an einem Felsvorsprung. Er war stark verschnupft und sah vor Ärger ganz grün im Gesicht aus. Denn bevor wir unten aufgebrochen waren, hatte er überall gerufen : „Hinkebein, wo steckst du Himmelhund ?“. Seither redete er kein einziges Wort mehr mit uns. Und als wir dann, Gott sei dank, den Gipfel erreicht hatten, bekreuzigte er sich plötzlich.

Denn oben stand sein eigener Sohn Jerzy, der in einem dunklen Bergumhang mit spitzer Kaputze und dem Stecken in der Hand, mit dem ihm sein Vater des öfteren gedroht hatte, bereits am Gipfelkreuz und wartete auf uns.

Als sich Herr Glogowsky wieder einigermaßen von seinem Schrecken erholt hatte, wischte er sich den Schweiß von der Stirn, schüttelte seinen krausen Kopf und seufzte : „ So ein Teufelskerl“.

 


Überarbeitet: von Lia Mößner
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Hallo @Lia Mößner - die Liebe geht oft eigene Wege, die nur dem sich offenbaren, der sie sehen will. Deine Geschichte zeigt eine Variante auf, die dem kargen Bergbauernleben entspringt, dem Gefühle als Herausforderung begegnen. Du hast sie in eine wunderschöne Geschichte gebettet, damit Zuversicht und Vertrauen in den Urgedanken der Liebe zugelassen. Ausgesprochen gelungen und jedem Leser zu empfehlen.

LG Sonja

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