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Eine Hexe


Nina K.

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Was ist denn eigentlich eine Hexe? Eine böse Alte, die obskure Dinge geschehen lässt, der man lieber nicht begegnen will? Eine, die Kräuter sammelt und daraus allerlei Tinkturen herstellt und Salben rührt? Hat sie Warzen im Gesicht und einen Buckel, der sie so krumm macht, dass man die Warzen nicht mehr sehen kann? Legt sie einen Fluch oder Bann, wenn man ihr doch in die Augen blickt? Oder ist sie vielleicht jung und hübsch, mit einem Lächeln um ihren Mund und einem beseelten Wesen, mit leuchtenden, tiefgründigen Augen, so dass die Leute ihren Blick suchen?

 

Mein Kind ist überzeugt, dass ich eine Hexe bin. Und das kam so:

Natürlich habe ich einen lieben Schatz. Natürlich zanken wir uns auch mal. Natürlich tue ich dann Dinge, die er nicht versteht. Wenn wir ausgezankt haben und einander wieder zuhören können, versteht er die Dinge, die er vorher nicht verstanden hat. Vielleicht deswegen, vielleicht aber auch, weil sein Blick verschleiert ist, sieht er in mir eine Hexe. Er glaubt, weil ich unserem Sohn abends zum Einschlafen Hopfentee koche, wäre ich eine Kräuterkundige. Und dann stehen da, quasi als weiteres Indiz, je ein Topf mit Petersilie und Schnittlauch auf der Fensterbank. Aber ehrlich, ich liebe es, das Wort „Hexe“ aus seinem Mund zu hören. Da schwingt so viel Ehrfurcht und Begeisterung für das Unbekannte (also das Weibliche) mit. Manchmal, wenn er nicht so sehr bei mir, sondern bei sich ist, sagt er „Mausi.“ Das verstört mich. So lieb, so klein, so grau. Ein Beutetier. Meistens merkt er das, und verbessert dann: „Hexi.“ Das kann ich akzeptieren. Wobei mich das „I“ am Ende doch ein bisschen stört.

 

Am Samstag haben Papa und Sohn mit der neuen Feuerwehr gespielt. Sie ist toll. Man kann die Türen aufmachen, den Schlauch abrollen und mit Wasser spritzen, die Sirene heulen lassen (gar nicht toll) und natürlich die Leiter ausfahren und drehen. Irgendwie waren sie übermütig, und haben die Leiter ist abgebrochen. Und der Papa kam mit diesem schuldbewussten Blick. Unser Sohn fand das gar nicht schlimm. „Na und. Die Mami ist doch eine Hexe. Wir fragen sie einfach mal, ob sie uns das wieder ganz hext.“ Ich muss mich aus der Bredrouille ziehen. „Ob ich soo gut hexen kann?“ Aber ich werde es versuchen. Die untere, breite Leiter ist auf einer Seite gebrochen, und die schmale Leiter zum Ausfahren hat mehrere lose Sprossen. Das wird schwer. Man wird die Leiter wohl nicht mehr ausfahren können. Ich füge die Teile zusammen um zu sehen, ob es passt, oder vielleicht ein Stück zwischendrin fehlt. Ich werde erst die schmale Leiter kleben, und 24 h trocknen lassen. Wenn es hält, kann ich morgen mit der breiten Leiter weitermachen. Im Schubfach finde ich noch eine halbleere Tube UHU-Alleskleber. Wenn ich geduldig genug bin und die Teile lange genug zusammen presse, könnte es halten. Ich streiche die Bruchstellen der schmalen Leiter mit Klebstoff ein und lass ihn ein bisschen antrocknen, bevor ich die Teile zusammenfüge. Mein Sohn guckt mir über die Schulter und bemerkt: „Puh, das stinkt. So richtig giftig!“ Und zum Papa: „Komm lieber mit ins Kinderzimmer, jetzt hext die Mami.“

Am nächsten Tag stellen wir erfreut fest, dass mein Geklebtes hält. Nun kann ich die Bruchstellen der breiten Leiter mit dem giftig stinkenden Klebstoff bestreichen um dann die schmale Leiter einzufügen. „Jetzt müssen wir wieder einen Tag warten, dann sehen wir, ob es hält.“

Am Montag nach dem Kindergarten dann der große Moment. Wir schauen nach der Feuerwehr, vorsichtig, richtig ehrfürchtig. Sachte berührt Lucas die Leiter. Drehen lässt sie sich noch. Und wenn wir behutsam genug sind, kann man sie auch noch einen Zentimeter ausfahren. Mehr lieber nicht.

 

Aber mein Kind ist nun erstrecht überzeugt, dass ich eine richtige Hexe bin. Stolz erzählt er, wie die Mami gehext hat, und wie das gestunken hat, und wie lange die Feuerwehr nicht angefasst werden durfte. Ja, meine Mami ist eine richtig tolle Hexe!

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Liebe @Nina K.

Tolle Überzeugungsarbeit geleistet.  Seinen Ruf muss man sich erarbeiten.  Vor allem dann,  wenn man die Rolle liebt.  Könnte einem ja irgendwann zum Vorteil geraten. Und irgendwie sind wir doch alle lieber Hexen als Engel.  Dann ist das Leben gleich viel bunter,  erlebnisreicher, aber vor allem respektvoller.  Und wer will das nicht.  Selbst Gargamel haben wir doch alle geliebt und gefürchtet....

Sehr schöne Geschichte einer modernen lebendigen und äußerst sympathischen Hexe.  

LG Sonja 

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Huhu Hexe!

 

Sehr schön aus dem zauberhaften Leben beschrieben. Da hat der Sohnemann wohl Glück gehabt.. zumindest in diesem Fall. Schön die dunklen Zauber stecken lassen.. mit stinkigen Flüssigkeiten fängt es an.. das ist mit Vorsicht zu genießen. Magierin will niemand sein? Immer nur Kräuterkundige, und Hexen.. der Drang zur dunklen Magie *g*

 

Ich verwandle mich mal zurück, zu Gargamel.. muss Azrael noch füttern *hexhex*

Sehr gerne gelesen 🙂

 

Liebe Grüße,

Stefan


Überarbeitet: von Lightning
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Ohhh, da habe ich aber Einige verhext, hi hi, ha ha...

Vielen Dank, ihr lieben Liker und Kommentatoren. Es freut mich sehr, dass ihr den kleinen Ausflug in meine Welt mitgemacht habt.

 

 

Liebe Sonja,

danke für deine Rückmeldung und deine Gedanken zum Text.

Überzeugen wollte ich niemanden, das wäre wider meine Natur.

 

Am 23.1.2021 um 07:32 schrieb Sonja Pistracher:

Und irgendwie sind wir doch alle lieber Hexen als Engel. 

Da stimme ich dir voll und ganz zu. Obwohl ich mich eigentlich wie ein Engel fühle, wenn meine Hexennatur erkannt und bewundert wird 🙃

 

Am 23.1.2021 um 07:32 schrieb Sonja Pistracher:

Selbst Gargamel haben wir doch alle geliebt und gefürchtet....

.... wohl, weil wir gesehen haben, dass er eigentlich nicht böse ist, sondern nur das Böse als leichten Weg sieht um vermeintlich lohnenswerte Ziele zu erreichen.

Haben wir nicht immer gesehen, dass er eigentlich ein Freund der Schlümpfe sein will, dass die ganze Action nur zu unserer Unterhaltung stattfindet? Am Ende wird immer alles gut.

 

Am 23.1.2021 um 07:32 schrieb Sonja Pistracher:

einer modernen lebendigen und äußerst sympathischen Hexe.  

DANKE! Da werd ich glatt verlegen. Besser kann man mich nicht beschreiben 🙂

 

 

 

Liebe Josina,

danke auch für deine Rückmeldung und Gedanken.

vor 18 Stunden schrieb Josina:

ist schon cool, eine Mama zu haben, die Feuerwehrautos

heile hexen kann und noch so einiges.

Jap, das hast du schön gesagt. Und es ist noch viel besser, einen Mann und ein Kind zu haben, die einem jeden Tag das Gefühl geben, etwas ganz Besonderes zu sein.

 

 

 

Hallo Carlos,

du Schlitzohr. Machst es dir wie immer leicht, und lässt die anderen alles sagen.^^

Auch über deine Rückmeldung habe ich mich sehr gefreut. Danke dafür.

 

 

 

Hallo Gargamel,

so, du steckst also  hinter diesem möchtegern Fiesling! Aber ich hab dich durchschaut, ich habe keine Angst vor dir, selbst wenn ich ein Schlumpf wäre... ich seh doch, dass hinter deinen ganzen Machenschaften einfach nur deine eigene Angst steckt. Geh ruhig Azrael füttern, aber pass auf ihn auf, dass er nicht meiner Minka über den Weg läuft. In ihr steckt eine gute Portion Wildkatze, und die sind keine Stubentiger🤪

 

Als Stefan oder Lightning bist du mir immernoch viel lieber, hoffentlich hast du dich zwischenzeitlich zurückverwandelt.

 

vor 16 Stunden schrieb Lightning:

Schön die dunklen Zauber stecken lassen.. mit stinkigen Flüssigkeiten fängt es an.. das ist mit Vorsicht zu genießen.

 

Jap, mit Vorsicht zu genießen. Wir wissen doch: auf die Dosis kommt es an! (hat wohl der Magier Paracelsus gesagt)

Heißt, ein wohldosiertes Gift kann helfen. Wiederholte Einnahme führt nicht unbedingt zu mehr Erfolg.

 

vor 16 Stunden schrieb Lightning:

.. der Drang zur dunklen Magie *g*

...also falls du noch Gargamel bist, wirst du wohl enttäuscht sein, ich habe wirklich keinen Drang zur dunklen Seite. Es liegt in meiner (Hexen-) Natur, zu sehen, dass diese auf lange Sicht nicht die geringste Chance hat.

 

Wenn mir von den zaubernden Helden aus Kindertagen jemand wirklich gefällt, ist es der Pumukl. Der doch eigentlich immer nur Spaß machen und lachen will und nur deswegen ständig aneckt, weil er die Regeln unseres Zusammenlebens nicht kennen kann. 

 

Es hat mich sehr gefreut, mit dir wieder auf eine kleine Phantasiereise zu gehen.

 

LG

 

Nina

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