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Sie wartet noch


Nina K.

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Ben hat den ganzen Vormittag mit Katjas Sohn verbracht. Sie hatte Frühschicht im Hotel. Ben hat sein Studium geschmissen, jobbt jetzt in einem Supermarkt und wohnt zur Untermiete. Wenn Katja am Wochenende arbeiten geht, passt er auf den Kleinen auf. Das kommt ihr sehr entgegen, sie weiß Sohnemann gut versorgt und ihm kommt es entgegen, er braucht fast keine Miete zu bezahlen.

Wenn sie nach der Frühschicht nach Hause kommt, fährt Ben meistens zu seiner Freundin. Diesmal nicht. Er will seine Exfreundin treffen, die an diesem Wochenende in der Stadt ist. Das findet Katja schon ein bisschen eigenartig. Für ihn ist das völlig normal, sie haben sich in Freundschaft getrennt, nach fast 5 Jahren. Er freut sich immer, wenn er sie sehen kann und sie freut sich auch, ihn zu sehen.

Sie haben sich in einem kleinen Cafe verabredet, erzählt er am nächsten Tag. Sie hat ihre Doktorarbeit geschrieben und sogar schon eine Stelle in Aussicht. Ihr und ihrem Freund geht es gut und Kinder planen sie noch nicht. Sie solle sich nicht zu lange damit Zeit lassen, hat Ben gemahnt.

 

Irgendwie ist das doch komisch, denkt Katja. Ben dachte in den 5 Jahren seiner Beziehung immer, das ab jetzt alles nach Plan laufen wird. Sie werden beide ihr Studium beenden, in ein Haus ziehen vielleicht heiraten und dann auf jeden Fall Kinder haben. So, wie die guten Leute eben leben.

Aber Ben wurde dann depressiv. Er hat sich von Ihr getrennt, nicht im Bösen, aber er musste gehen, um sich selbst zu finden. Dann hat er sein Studium geschmissen, irgendwas gejobbt, und scheint weiterhin auf der Suche nach sich selbst zu sein. Er wirkt gar nicht depressiv und betreut gern Katjas Knirps. „Das erdet mich.“

 

Und er spricht mit viel innerer Achtung von seiner früheren Freundin. Sie hätte noch gemeint, wäre er nicht depressiv geworden, dann wären sie wohl immer noch zusammen.

Sie soll nicht zu lange warten mit dem Kinderkriegen, hat er ihr gesagt. Aber Katja meint in seiner Stimme zu hören und in seinem Gesicht sehen, dass er wissen müsste: Sie wartet noch auf IHN.


 

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Eine sehr schöne Geschichte, die in ihrer Hoffnung und von dieser lebt. Depressionen, die sich plötzlich in eine Beziehung drängen, sind für beide Betroffenen eine für immer offene Tragik. Weil nicht das Gefühl die Grundlage war, aber auch keine Hoffnung zugelassen werden kann. Echt sehr schön geschrieben liebe @Nina K.

LG Sonja

 

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Oh, da haben sich ja doch ein paar Leser für meine kleine Geschichte gefunden. Und sogar Likes und Kommentare. Vielen Dank dafür!

 

Also Carlos, du Faulpelz,

vielen Dank für deinen Beitrag. Es scheint ja fast so, als käme es dir nicht so gelegen, wenn ich noch ein paar Zeilen schreibe 😅. Aber ich kann das verstehen, mich schrecken lange Texte auch ab. Wenn man einen kurzen Text mit viel Inhalt gelesen hat, ist das einfach ein schönes Gefühl. 

Am 25.1.2021 um 21:29 schrieb Carlos:

du dich immer souveräner auf diesem Gebiet bewegst.

Oh, vielen Dank für das Lob. Wenn da irgendwas souverän war, dann dass ich es gepostet habe. Dieser Text war tatsächlich einer der ersten, die ich geschrieben habe.

 

LG

 

 

Liebe Sonja,

deine Worte haben mich wirklich nachdenklich werden lassen, wieso drücken wir einem Menschen den Stempel Depressiv auf. Es ist immer das Umfeld mitbetroffen, mit dem Thema und mit dem Leid. Jeder Mensch im Umfeld trägt sein eigenes Leid, auch ohne Diagnose.

Und zu meinem Protagonisten, da frage ich mich nun, kann ein Mensch, der nach sich selbst sucht, depressiv sein? Ich würde jetzt sagen, er sieht wohl depressiv aus, aber ist er nicht voller Hoffnung und fängt an, genau den besten Weg zu wählen, der für ihn möglich ist?

Also vielen Dank für deine Gedanken.

 

LG

 

 

Hallo Trollbär,

schön, dass du dich hier auch zu Wort meldest und meinen Text so positiv einschätzt.  Ob man in der Gegenwart oder in der Vergangenheit schreibt, zeigt ja auch, wie man als Autor auf das Geschehen sieht. 

Dass Kurzgeschichten ein offenes Ende haben sollten, versuche ich mir zu merken. ...oder lieber nicht, wenn ich mal wieder was schreibe, lass ich mich einfach wieder von dem Ergebnis überraschen. 

LG

 

Nina

 

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vor 5 Minuten schrieb Nina K.:

deine Worte haben mich wirklich nachdenklich werden lassen, wieso drücken wir einem Menschen den Stempel Depressiv auf. Es ist immer das Umfeld mitbetroffen, mit dem Thema und mit dem Leid. Jeder Mensch im Umfeld trägt sein eigenes Leid, auch ohne Diagnose.

Liebe @Nina K. - das Wort "Depression" habe ich aus deinem Text übernommen und war der Auslöser für die Trennung - wie ich das gelesen habe. Depressionen sind zu einengend,

zu lebenseinschneidend für die Betroffenen, als dass man sie umschreiben müsste.

Und du hast völlig recht - es ist immer das Umfeld mitbetroffen und hier möchte ich nicht von Depression des Umfelds sprechen sondern oftmals von Hilflosigkeit. Nur ganz große Stärke kann diesen Umstand mittragen. Und sollte es auch tun.

Ich wollte nur nicht, dass du mich falsch verstehst. Ich würde niemals in jemandes innersten Kreis vordringen und mit Vorurteilen menschenverachtend reagieren. Zumindest bemühe ich mich sehr darum, es nicht zu tun.

LG Sonja

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Liebe Sonja,

 

das habe ich gestern abend gar nicht mehr gelesen, ich hoffe du konntest schlafen!

 

 

wenn ich schreibe, dass deine Zeilen mich nachdenklich stimmen, ist das keineswegs negativ. Und in deine stets wohlwollenden Kommentare etwas Negatives hineinzuinterpretieren, ist doch gar nicht möglich😃

 

Ich habe deine Worte einfach auf mich wirken lassen und dann bemerkt, dass man die Situation des Ben aus der Geschichte auch mit anderen Augen sehen kann. Wenn er auf der Suche nach sich selbst ist und in seinem Umfeld nichts mehr findet, was ihm entspricht, dann wirkt er zunächst mal depressiv. Er ist aber eigentlich auf einem positiven Weg, denn nur wenn er sein Inneres wirklich kennt, kann er in der äußeren Welt eine Entsprechung finden und sich selbst verwirklichen. Wobei ich bei Ben auch nicht von einer Krankheit mit entsprechender Medikation ausgehe, sondern von einer depressiven Stimmung, die länger andauert.

Soweit nochmal zu dem, welche Gedanken deine Worte in ihrer Gesamtheit bei mir ausgelöst haben.

 

Das wird natürlich deinem kurzen, inhaltsstarken Kommentar nicht gerecht und dein erneutes zu Wort melden macht nochmal deutlich, wie sehr dieses Thema dich berührt.

 

Am 26.1.2021 um 18:15 schrieb Sonja Pistracher:

Geschichte, die in ihrer Hoffnung und von dieser lebt.

Genau, eigentlich geht es um die frühere Beziehung des "Ben". Ben scheint an etwas festhalten zu wollen, das er so in seinem Leben nicht mehr haben will. Wird die frühere Freundin den "alten Kurs" beibehalten oder wird sie zu Ben's Weg umschwenken? Oder wird Ben "geheilt" und in Zukunft dieses Bilderbuchleben führen, welches bisher die Vorstellung von seiner Zukunft geprägt hat? Das bleibt offen und macht so vielleicht auch die Beklemmung spürbar, die der Situation entwächst. Und es bleibt nichts, als abzuwarten, wo der Weg hinführen wird.

 

Am 26.1.2021 um 18:15 schrieb Sonja Pistracher:

Depressionen, die sich plötzlich in eine Beziehung drängen, sind für beide Betroffenen eine für immer offene Tragik.

Auch das hast du sehr schön erkannt. Da mein Text gar nicht weiter auf die Situation der Exfreundin eingeht, ist es gar nicht so selbstverständlich, dass jemand erkennt, dass von der Veränderung des einen Partners letztendlich beide betroffen sind.

 

Am 26.1.2021 um 18:15 schrieb Sonja Pistracher:

Weil nicht das Gefühl die Grundlage war, aber auch keine Hoffnung zugelassen werden kann.

Das kann man wohl kaum besser zusammenfassen.

Das Gefühl ist die Verbundenheit der beiden, die einfach noch da ist, die aber in alten Mustern keine Chance hat.

 

Danke für deine erneute Rückmeldung, die mich veranlasst hat, mich noch mal eingehender mit deinem sehr reflektierten Kommentar zu beschäftigen.

 

LG

 

Nina

 

 

 

 


Überarbeitet: von Nina K.
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