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Nina K.

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Beseelt

Manchmal können alte Menschen Geschichten erzählen, bei denen der Zuhörer das Gefühl kriegt, der Erzähler kommt aus einer anderen Zeit. Für mich ist es immer faszinierend, solche Geschichten zu hören, weiß man als Zuhörer doch, so etwas wird es nicht mehr passieren, weil unsere Lebensumstände sich gewandelt haben. Ich bin noch längst nicht alt, aber neulich hab ich eine Geschichte erzählt und dabei hat mich das Gefühl beschlichen, aus einer vergangenen Epoche zu erzählen, von Dingen, die so vielleicht nicht mehr geschehen werden:


 

Oktober 2019

Ich bin ein Mann, der auf einem ganz guten Niveau durchs Leben geht. Nicht, dass ich mir was darauf einbilde, ich weiß einfach, dass nicht jeder so selbstverständlich die Annehmlichkeiten des Lebens genießen kann, wie ich es tue. Obwohl ich eigentlich ganz gewöhnlich bin. Ich habe eine liebe Frau, zwei Kinder und dank meines Studiums einen gutbezahlten Job in der Zentrale eines weltbekannten, großen Konzerns. Was meinen Arbeitsplatz so besonders macht, sind ein paar Dinge, die der Konzern bereitstellt, um unseren Arbeitsalltag angenehm und individuell zu gestalten. Und von solchen Annehmlichkeiten, die wir Mitarbeiter dort haben, möchte ich sprechen. Obwohl, man muss nicht in der Zentrale eines weltbekannten Großkonzerns arbeiten, um das zu bekommen, was meinen Arbeitsplatz so ausgesprochen angenehm macht.

Wie viele große Unternehmen weiß auch unsere Geschäftsleitung, dass ihr eigentliches Kapital die Mitarbeiter sind. Sicher merkt das nicht jeder Einzelne, es gibt bestimmt viele, die hier einen Knochenjob machen, und das Geld nicht so üppig fließt, wie bei mir. Aber mit einem Bürojob in der Zentrale geht es mir wirklich prächtig. Deswegen spreche ich von Annehmlichkeiten und hohem Niveau.

Um uns trotz der Schreibtischtätigkeit fit zu halten, gibt es ein hauseigenes Fitnessstudio mit modernen Geräten und Kursen wie Yoga, Wirbelsäulengymnastik, Augenfitness und sogar Selbstverteidigung. Natürlich nicht, damit sich jemand gegen einen bösen Kollegen oder Vorgesetzten verteidigen müsste oder könnte. Kampfsport ist einfach wunderbar um sich auszupowern, seinen Körper und sich selbst zu erfahren und damit eine Balance zwischen Körper und Geist zu herzustellen. Ein prima Ausgleich bei zu unserer sitzenden Tätigkeit.

Neben den Sportangeboten gibt es auch die Möglichkeit, Termine bei einem professionellen Masseur zu buchen. Drei Mal pro Woche ist er vor Ort und biegt so manchen krummen Rücken wieder gerade. Nicht, dass die Angebote kostenlos wären, wir bezahlen Mitgliedsbeitrag fürs Fitnessstudio und die Teilnahme an Kursen, und auch die Massagen werden von jedem selbst bezahlt. Und doch bin ich mir bewusst, dass es ein kleines Stück Luxus ist, das alles hier vor Ort in so exklusiver Qualität angeboten zu bekommen.

Als Mann mit einer Körpergröße von mehr als 1,90m finde ich es wichtig, meinen schlacksigen Körper zu bewegen und einen gewissen Muskeltonus aufzubauen.

Bei meiner Körpergröße ist es nicht verwunderlich, eine leichte Skoliose zu haben und eine Neigung zum Rundrücken. Nein, ich bin nicht unsportlich, zwei bis drei Mal in der Woche findet man mich hier oben im Fitnessstudio, dazu gehe ich noch viel laufen und in den Winterferien geht’s mit der Familie ins Riesengebirge zum Skifahren. Um meinen langen, skoliotischen Rundrücken auch mal etwas Gutes zu tun, gönne ich mir ab und zu eine Massage.

Ein Massagetermin dauert normalerweise 20 Minuten, das ist verdammt wenig. Das sehen viele so und buchen gleich zwei Termine hintereinander. Und auch für mich, mit meinem langen Rücken, ist das die bessere Option. Nach einer Massage ist mein Rücken nicht mehr so rund und skoliotisch, ich fühle mich gut durchgewalkt, und meine Gedanken sind zur Ruhe gekommen. Und dieses Gedanken zur Ruhe bringen, das ist es, was die Massage so besonders macht. Nicht jede Massage, aber diese. Während dieser Massage wird in meinem Gehirn der Resetknopf gedrückt. Ich weiß nicht wann und wie und wo, aber wenn ich aufstehe, merke ich, dass es passiert ist. Der Masseur arbeitet am Rücken und Nacken, spricht von der Skoliose und von der linken Schulter, die ein bisschen steif ist. Am Schluss macht er noch ein paar Zaubergriffe am Nacken, aber da ist es schon passiert, da ist der Resetknopf schon gedrückt, die Nackenarbeit hält mich einfach noch länger in der dieser Phase. Manche sagen, nach der Massage fühlt man sich wie in einer anderen Welt. Ich fühle mich in meiner Welt, bei mir. Fühle mich leicht und locker und vor allem gut gewappnet für die Herausforderungen des Arbeitstages. Irgendwie will ich das ausdrücken, aber mein Kopf ist schon wieder am Schreibtisch und findet keine adäquaten Worte.

Einmal begann mein Arbeitstag um 9:00 mit einer Massage. Noch nicht im Büroalltag versunken, kamen die Worte ganz von selbst: „Danke, für das Wunder, das ihre Hände immer wieder vollbringen. Jetzt kann ich beseelt in den Tag starten.“


 

Der Masseur hat mit seinen Händen wohl so manche Seele berührt. Und ich glaube diese Berührung hat mich stark gemacht, um in der andauernden Isolation nicht den Glauben an mich selbst zu verlieren. Danke.


 

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Liebe Nina

Die Arbeit und der Verdienst sind super. Auch noch die vielen Annehmlichkeiten(Fitness bezogen) vor Ort. Da denkt man sich zuerst nicht schlecht. Doch das LI ist den ganzen Tag Vorort.Wahrscheinlich bis spät Abends!

Nach dem Motto wir sind alle eine große Familie! 

Ein Hamsterrad!

Ich habe deine Geschichte gerne gelesen!

HG Josina

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Liebe Josina,

 

vielen Dank für deine Gedanken zu meinem Text. 

Ob mein Protagonist im Hamsterrad steckt oder sich in einer recht guten Situation befindet, kann ja aus unterschiedlichen Blickwinkeln oder je nach Schwerpunkt betrachtet werden.

Die eigentliche Überlegung ist ja quasi bevor seine Erzählung beginnt, ob er irgendwann zu seiner früheren "Normalität" zurückkehren wird.

Was ihm momentan hilft, über die Runden zu kommen, ist eine innere Stärke, der Glaube an sich selbst. Alles, was noch vor einem Jahr seinen Alltag bestimmt hat, existiert so nicht mehr, und so wirklich kann niemand wissen, wie die Welt in Zukunft funktionieren wird.

 

vor 9 Stunden schrieb Josina:

Ich habe deine Geschichte gerne gelesen!

😃 Das freut mich sehr.

 

LG

 

Nina

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