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Midlife crisis


Nina K.

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Der Anfang der Coronakrise war ja eigentlich eine Klopapierkrise. Wie es dazu kommen konnte, kann sich im Nachhinein wohl niemand mehr erklären. Jedenfalls in dieser Zeit, als das Virus noch ganz neu war und wir uns größte Mühe geben mussten, um die Flut an Informationen zu befolgen und nicht ein wichtiges Detail im Kampf gegen C. außer Acht zu lassen, da habe ich, während ich die Zeitungen aus den Briefkästen meiner Nachbarn mopste, (Zeitungspapier eignet sich zur Toilettenhygiene deutlich besser als das etwas steife Druckerpapier) natürlich ganz und gar unfreiwillig folgenden Dialog aus der Parterrewohnung belauscht:

 

Er: „Sie haben die Zahl der Coronatoten nach oben korrigiert.“

 

Sie: „Das ist besorgniserregend. Vor zwei Wochen wurden sie noch nach unten korrigiert.“

 

Er: „Ach Schatz, du gehörst doch zu keiner Risikogruppe. Aber ich guck mal, ob sie was schreiben zu den Sterblichkeitsquoten.“

 

Sie: „Das meine ich nicht. Ich meine dass es besorgniserregend ist, wenn sie Panik machen. Dass die errechneten Zahlen ständig wieder korrigiert werden. Was soll das?“

 

Er: „Die Leute brauchen Zahlen, mehr gibt es doch noch nicht von dem Virus. Man muss das nehmen, was man hat und die Zahlen geben den Leuten Sicherheit.“

 

Sie: „Zahlen geben gar nichts und sie sagen auch nichts aus. Erst wenn sie interpretiert werden, dann dienen als Hilfsmittel, um eine Aussage zu treffen. Das hast du mir doch gesagt!“

 

Er: „Aber wenn man nichts anderes hat als die Zahlen….. es gibt doch noch keine Erkenntnisse zu dem Virus. Also die Sterblichkeitsrate für Leute zwischen 40 und 50 liegt bei 2,3 % oder so ähnlich, aber wenn man Diabetes hat, dann ist sie deutlich höher, mehr als doppelt so hoch….. Jana und Sven sind wirklich gefährdet, die haben beide Diabetes!“

 

Sie: „Ach, Sven hat auch Diabetes? Der Diabetes ist sicher ein größeres Risiko verfrüht zu sterben, als ein Virus.“

 

Er: „Aber Sven ist erst 34. Sein Risiko im Falle einer Infektion zu sterben ist nicht viel höher als deines. Er sollte auf jeden Fall aber vorsichtig sein.“

 

Sie: „Mit den Ferrero Küsschen..“

 

Er: „Nein, er sollte vorsichtig sein mit seinen Kontakten. Er ist Handwerker, er sieht jeden Tag so viele Leute. Und wenn er dann noch einkaufen geht…“

 

Sie: „Jedenfalls sagen doch die Zahlen in den Nachrichten nichts darüber, wie es um Svens Immunsystem bestellt ist.“

 

Er: „Aber sie sagen, wie gefährdet er durch das Virus ist!“

 

Sie: „Ach….., die Nachrichten wissen, wie Svens Immunsystem auf das Virus reagiert. Wissen die, wie er sich ernährt, ob er ausreichend schläft, ausreichend Wasser trinkt, wie hoch sein Stress- Level ist, ob Giftstoffe oder Schimmel in der Wohnung sind, pi pa po.…?“

 

Er: „Das hat doch aber keinen Einfluss auf das Virus!“

 

Sie: „Nö, aber auf Svens Immunsystem!“

 

Er: „Jedenfalls sind Zahlen die einzig verlässliche Aussage, auf etwas muss man sich ja berufen, und wenn man nichts anderes hat, dann nimmt man eben die Zahlen!“

 

Sie hat mittlerweile keine Lust mehr weiter zu diskutieren und denkt sich: "Da hat er nun so viele Jahre studiert und promoviert und mir erklärt, dass man mit einer Statistik jede beliebige Aussage treffen kann."

 

Er denkt sich kopfschüttelnd: "Sie hat seit über 15 Jahren nur in der Küche gearbeitet, kein Wunder, dass sie mit Zahlen nichts anfangen kann."

 

So, und ich denke, dass ich jetzt sogar genug Zeitungen habe, um morgen auch noch die Fenster zu putzen.

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  • 7 Monate später...

Hey BE,

 

da hast Du ja was rausgekramt, freut mich.

 

Am 3.10.2021 um 20:49 schrieb Buchstabenenergie:

Spiegel der Gesellschaft. Die gleichen Zahlen aber verschiedene Interpretationen.

 

genau, damals fing es an, dass man uns anhand der Zahlen Sicherheit vermitteln wollte. Und ausgerechnet der Mann, der studiert hat und weiß, dass mit Zahlen jede beliebige Aussage getroffen werden kann, glaubt jetzt, die Zahlen aus den Nachrichten sagten etwas ganz persönliches zu ihm.

 

Nicht das Wissen oder die von Außen zur Verfügung gestellten Dinge helfen, sich sicher zu fühlen.

Sicherheit ist in uns, wenn wir ihr vertrauen, können wir sie auch fühlen.

 

GLEICHE ZAHLEN - VERSCHIEDENE INTERPRETATIONEN

 

ja, das wird hübsch weiter praktiziert und hat mittlerweile Formen angenommen, dass man glauben möchte, es gäbe zwei verschiedene Realitäten. 

 

LG

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