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Burg aus Sand


Nina K.

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Wann ist man eigentlich zu alt zum Buddeln? Mit fünf, mit acht, mit zehn…..? Mein jüngster Sohn ist nun seit zwei Jahren zweistellig, und bei mir wird sich (oh Schreck, oh Graus) in nicht all zu ferner Zukunft die Zehnerstelle der Altersangabe erneut ändern.

Wir beide haben zwei Tage lang gebuddelt. Das warme Frühlingswetter hat uns nach draußen gelockt zum ehemaligen Flussbad, das seit in den 1990-igern geschlossen ist. Das Baden wurde aufgrund der Schifffahrt zu gefährlich. Dort, wo früher mal der Strand war, wachsen jetzt Kiefern, Ahorn und Brennnesseln. Einst wurden Unmengen feiner Sand hier aufgefahren, um eine Ostseeatmosphäre zu imitieren. Drei kleine Sandoasen gibt es noch,welche von den Bäumen noch nicht zurückerobert wurden, wo der Boden mehr an Ostseesand als an Waldboden erinnert.

Als Lucas noch klein war, hat er am liebsten hier gebuddelt. Und auch jetzt noch zieht es uns ein, zwei Mal im Jahr hier her, um aus dem Sand mit viel Begeisterung und Fantasie ein mehr oder weniger kunstvolles Bauwerk entstehen zu lassen.

Heute ist es so schön warm, dass wir Schuhe und Strümpfe ausziehen, und durch den weichen Zuckersand streifen. Die vielen Krater hier lassen vermuten, dass hier immer wieder Burgen entstanden sind, die dann von wem auch immer zerstört wurden. Irgendwann fangen wir an, den Zuckersand mit den Händen beiseite zu schieben. Die Krater sind Täler, aus einem Hügel wird eine Burg. Drumherum soll ein Burggraben entstehen, wir müssen weiteren Zuckersand wegschieben. Der trockene Frühling in diesem Jahr hat die Zuckersandschicht sehr dick werden lassen. Und wir sind ohne „Werkzeug“, wir hatten gar nicht vor zu buddeln, aber jetzt flammt die alte Leidenschaft wieder auf. Wir versuchen nun, einen Burggaben zu formen, dessen obere Schicht zwar aus festem Sand besteht, darunter jedoch befindet sich immer noch Zuckersand. Alles konnten wir nicht wegschieben. Auch das Fundament unserer Burg enthält jede Menge davon. Als wir dann einen Tunnel graben, fördern wir reichlich festen Sand zu Tage. Wir versuchen, damit unseren Burggraben zu befestigen, und stellen enttäuscht fest, dass unser Zuckersandfundament nicht taugt.

Lucas beginnt zu verzweifeln. Sollen wir alles wieder einreißen? Als er kleiner war, hat er seine Kunstwerke immer zerstört, wenn sie fertig gebaut waren. „Damit das keiner kaputtmachen kann.“ Später durften die Burgen auch mal stehenbleiben, dann konnte er sich vorstellen, dass vielleicht jemand sein Bauwerk schön findet oder sogar daran weiterbaut. Für heute müssen wir aufgeben. Morgen werden wir mit Eimer und Schippe wieder kommen. Den Eimer brauchen zum Wasser holen aus dem Fluss. Wir sind gespannt, ob unser Burggraben morgen noch steht.

Als wir am nächsten Tag wiederkommen, sehen wir, dass jemand an unserer Burg war. Eine kleine Straße führt vom Tunnel zum Volleyballfeld . Trotzdem sind zwei Drittel unserer Burg zerstört. Große Fußspuren gehen brutal mitten hindurch. Lucas Verzweiflung von gestern steigt wieder in ihm hoch. Ich finde das gar nicht so schlimm, sondern sogar super für den Neuanfang. Ich hole Wasser und beginne, es in den Zuckersand einzuarbeiten. Dabei gehen auch die Reste unserer Burg drauf, denn sie war ja auf Zuckersand gebaut. Wir müssen oft Wasser holen, bestimmt 7, 8 Eimer, aber es lohnt sich. Lucas Begeisterung für den Sand kommt zurück, als er feststellt, wie gut formbar der feuchte Sand ist. Es dauert lange, bis wir das Areal mit brauchbarem Sand für groß genug befinden, um loslegen zu können. Lucas hat zwischendurch immer wieder probiert, etwas zu bauen, musste dann aber feststellen, dass vom Rand wieder Zuckersand nachrutschte, und sein Werk zu zerstören drohte.

Durch Lucas Anfänge sind so was wie Straßen entstanden. Auf den Hügel am Rand setzen wir einen Turm, weiter unten entsteht eine Kirche, daneben, auf einer Anhöhe ein Stadion. Wir verbinden alles mit weiteren Straßen. Auf dem Hügel sollen die Wohnungen entstehen für die Adligen, unmittelbar daneben ein Bauernhof, um die Adligen zu versorgen. Noch ein, zwei weitere Grundstücke entstehen in unserer Stadt, die wir nicht wirklich definieren können. Vielleicht ein Park, vielleicht ein Ufolandeplatz, irgendwas.

Als Lucas schließlich aufsteht und unser Werk betrachtet, meint er: „Sieht aus wie ein Fisch.“ Stimmt, wenn man vom unteren Ende auf die Stadt guckt, sieht sie aus wie ein Fisch. „Wir können sie ja Fischtal nennen …….. klingt irgendwie dämlich…… egal, unserer Stadt heißt Fischtal.“

Wir haben gut 3 Stunden hier verbracht. Wir versuchen uns wieder gerade zu biegen nach dem langen Rumgekrauche auf dem Boden und stärken uns an dem mitgebrachten Picknick. „Mal sehen, wie lange Fischtal stehen bleibt, argwöhnt mein Sohn jetzt schon. „Ich will morgen gar nicht herkommen und nachsehen.“ „Ach, vielleicht hat jemand Lust weiterzubauen. Vielleicht gucken die Leute auch einfach nur. Fischtal sieht wirklich schön aus.“ Fast ein bisschen stolz machen sich zwei Baumeister auf den Weg nach Hause.

Am nächsten Morgen mache ich auf dem Rückweg vom Einkaufen einen kleinen Abstecher zum Flussbad, um nach Fischtal zu sehen. Der Anblick, der sich mir bietet, lässt nun auch in mir beinahe Wut und Verzweiflung aufkommen: Fischtal ist nur noch ein Krater. Es hat keine 24 Stunden gestanden.


 


 

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Überarbeitet: von Nina K.
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Was für eine schöne Erzählung, Nina .

 

Die Destruktivität - die Lust an der sinnlosen Zerstörung, das Herauslassen eines Lebensfrustes - sie nehmen enorm zu.

 

Euer Kunstwerk in Stille sein zu lassen und zu würdigen, das ist anscheinend nicht möglich.

 

Was ich an der ganzen Erzählung aber mehr bewundert habe oder genauso wie das geschaffene Werk, ist die Begeisterung, mit der Du gemeinsam mit dem Kleinen ein Kunstwerk geschaffen hast - die Inbrunst mit der Du schreibst , das Zulassen und Aufnehmen neuer Richtungen.

 

Und für mein Empfinden ist das Würdigen, das Genießen, das völlige Aufgehen im Schaffensprozess ... das Eigentliche. Die Frucht. Und das Ergebnis nur ein Nebenprodukt

 

 Mich hast Du erinnert an ein Lied, das ich mal sehr mochte .

 

Der Refrain daraus : Diesen Hunger, diese Gier nach Schönheit, Liebe, nach dem Leben, spür ich heute noch in mir. Ungebrochen, ungestillt. So ist mir als Kraft gegeben, was oft nur als Schwäche gilt.

 

Vielen lieben Dank für Deine Erinnerung an dieses Lied. Ich finde es wunderwunderschön. Du siehst, Euer Kunstwerk hat noch einen neuen Weg angetickt .... , sogar dann noch, wenn es nicht mehr da ist. 🙂

 

 

 

 

 

Herzliche Grüße

 

Ichdichteab&zu

 

+


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Hallo ichdichteab&zu,

 

da hat ja meine Buddelkastengeschichte richtig was ausgelöst in dir. 

 

vor 19 Stunden schrieb Ichdichteab&zu:

Und für mein Empfinden ist das Würdigen, das Genießen, das völlige Aufgehen im Schaffensprozess ... das Eigentliche. Die Frucht. Und das Ergebnis nur ein Nebenprodukt

Jap, der Schaffensprozess ist das eigentlich wichtige und darin aufzugehen heisst ja, das innere Kind aufleben zu lassen. Die äusseren Bedingungen völlig ausblenden während dieser Zeit, ist ja als Erwachsener die eigentliche Herausforderung.

 

vor 18 Stunden schrieb Ichdichteab&zu:

Die Destruktivität - die Lust an der sinnlosen Zerstörung, das Herauslassen eines Lebensfrustes - sie nehmen enorm zu.

Ich denke nicht, dass Destruktivität zunimmt sondern vielmehr, dass sie schon immer da war, sie erschien vllt nicht so sinnlos sondern als Vernunft und das wiederum habe ich aus dem Lied herausgehört.

Danke fürs teilen dieser Erinnerung.

 

 

Hallo Carlos,

 

in der Tat bin ich wieder positiv überrascht von dir, dass du diese gar nicht so kurze Geschichte gelesen hast.😊

 

Danke allen Lesern und Likern.

 

LG

 

Nina

 

 

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Eine wirklich sehr schöne Geschichte liebe @Nina K. - mit so viel Emotionen der Freude, des Eifers, der Hoffnung und der Liebe zwischen dem Kind und der Mutter. Das sind wohl die besten Parameter für ein tiefes Empfinden, das man nur finden kann, wenn man auch viel Zeit gemeinsam verbringt und die gemeinsame Freude ein Ergebnis zu Tage fördert.

Genauso ist es hier wohl passiert. Erinnert mich an meine Kinder, an meine Enkelkinder, mit denen ich auch diese Erlebnisse teilen durfte. Mein Enkel, als er das erste Mal am Meer war, hat ebenfalls nur 1 x ein Kunstwerk mit allen Familienmitgliedern am Strand gebaut, das am nächsten Tag zerstört war. Dann hat er sich nur noch direkt an den Übergang von Sand zu Wellen gesetzt und hat kurze Sequenzen gebaut, welche von der übernächsten Welle schon wieder weggeschwemmt wurden. Als ich ihn gefragt habe, warum er das denn dauernd mache, war seine Antwort "Der Sand gehört dem Meer und ich darf nur heute damit spielen".

Selbst käme ich nie auf die Idee, so ein Kunstwerk zu zerstören. Im GEgenteil, ich würde deine Idee aufnehmen und weiterbauen.

Sehr schön geschrieben und erzählt.

LG Sonja

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vor 3 Stunden schrieb Sonja Pistracher:

"Der Sand gehört dem Meer und ich darf nur heute damit spielen".

Liebe Sonja, wie weise Dein Enkel doch die Erfahrung, die er mit dem "hinfortgenommenen" Kunstwerk gemacht hat, in seine Lebensphilosophie integriert hat. Bemerkenswert !

 

Hallo Nina, ja, die Destruktivität ist immer da gewesen - ist wohl auch dem menschlichen Sein innewohnend. Und ja, sie ist ... im Zaum gehalten worden durch lange Jahre auch sehr strenger Reglementierungen in Erziehung und Öffentlichkeit. Aktuell bricht sie sich Bahn -- auch durch die Zuwanderung sovieler Menschen. Nicht, weil diese destruktiver wären als die Einheimischen, sondern .... weil sich eine neue Ordnung aus dem ... bunt gemischten Chaos etablieren möchte ... . Das dauert .

 

Was Du zum Schaffensprozess schreibst, empfinde ich ebenso. Die wenigsten Gespräche oder therap. Methoden können mich so schnell aus einem tiefen Unwohlgefühl so sehr herausholen, wie es die Kunst kann. Sie ist eine Heilerin.

 

lG Ichdichteab&zu


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Liebe Sonja,

 

vielen Dank für deine Rückmeldung und deine Gedanken. Ich hab ja schon oft bei dir gelesen, wie wichtig dir Familie und v.a. die Kinder sind.

Am 9.2.2021 um 13:13 schrieb Sonja Pistracher:

war seine Antwort "Der Sand gehört dem Meer und ich darf nur heute damit spielen".

Wow!

Wieviel Weisheit in einem kleinen Kind wohnt! Wir sagen ja so gern, alte Menschen seien wie kleine Kinder. Aber sehen wir auch, dass kleine Kinder eine Weisheit besitzen, die nach unserem Empfinden nur alten und ganz besonderen Menschen innewohnen dürfte? Woher die Weisheit bei den Kindern kommt, kann man wohl in dieser Welt nicht ergründen. Aber manchmal passiert es, dass wir Bedingungen zulassen, dass diese Weisheit einen Weg "nach draussen" findet.

Das Meer als etwas Lebendiges zu betrachten, dem bestimmte, vermutlich auch lebendige Dinge wie der Sand, gehören oder zugehörig sind, ist einfach wunderbar.

Und das Kind selbst darf an diesem Lebendigen teilhaben, es auskosten und genießen, ohne es jemals zu besitzen. Es nimmt nur die schöne Erfahrung mit, Teil des ganzen zu sein.

 

Am 9.2.2021 um 13:13 schrieb Sonja Pistracher:

ich würde ..... weiterbauen.

Jap, das machen wir auch so gerne 😊.

 

 

Lieber Ichdichteab&zu,

 

Am 9.2.2021 um 16:21 schrieb Ichdichteab&zu:

ja, die Destruktivität ist immer da gewesen - ist wohl auch dem menschlichen Sein innewohnend.

Ganz bestimmt! Wir brauchen sie sogar, um konstruktiv zu sein. Altes, Überholtes, nicht mehr brauchbares muss fortgeschafft, zerstört werden. Um an ihrer Stelle neues entstehen zu lassen, so wie wir auch unsere alte, baufällige Burg zerstört haben.

Destruktivität hat einen Sinn, wir zerstören, um Neuem Platz zu machen. Ob das Neue gut und brauchbar ist, wird sich zeigen, aber irgendwann ist es an der Zeit, auch dieses zu zerstören.

Wenn wir die Destruktivität hinterfragen und bewusst einsetzen, hat sie auch nichts Negatives.

Oft halten wir gern an alten Sachen fest und empfinden ihren (möglichen) Verlust als negativ. Uuups, da merke ich, ich muss alte Sachen aufräumen, danke für den Impuls dazu 😅.

 

Am 9.2.2021 um 16:21 schrieb Ichdichteab&zu:

Die wenigsten Gespräche oder therap. Methoden können mich so schnell aus einem tiefen Unwohlgefühl so sehr herausholen, wie es die Kunst kann. Sie ist eine Heilerin.

Jap😊! Natürlich heilt uns kein Gespräch oder eine Methode. Heilen können wir nur im Leben selbst und die Kunst kann ein Weg sein, um wieder ganz zu werden.

 

LG

 

Nina

 

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