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Steiler Zahn meets zahnloser Tiger


Walther

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Steiler Zahn meets zahnloser Tiger

 

Wer glaubte, dass Morgenstund Gold im Mund hätte, sollte sich den Mundraum von Kilian Ezekiel Domröse anschauen. Edles Metall Fehlanzeige. Dafür lauter blütenweiße Zähne, deren Aussehen und Platzierung einen Auftritt in der Werbung zum Welterfolg der beworbenen Zahnkreme hätte führen können – wäre nur das Drumherum nicht gewesen.

Der Mundgeruch entsprach dem schalen Geschmack, den Kilian Domröse in ebendiesem Mund hatte, als er schmatzend aufwachte. Sein eigenes Schnarchen hatte ihn geweckt. Der Wecker war stehengeblieben, da sein Eigentümer bis dato zu faul war, die Batterien zu wechseln – wenn er denn Ersatz im Haus hätte. Hatte er nicht.

 

Als ihn sein rammdösiges Schlurfen vor den nicht gerade sauberen Badezimmerspiegel gebracht hatte, erkannte der Träger des ihm entgegensehenden Gesichts, dass ihm ein Wrack gezeigt würde, dessen einzige positive Auffälligkeit diese gnadenlos guten Zähne wären. „Hey, du Flachwichser, diese Beißerchen hast du eigentlich gar nicht verdient“, räusperte ihm seine heisere Stimme an die leicht verstopften Tuben. Sein trockener Hals und die pelzige Zunge brauchten eine kalte Dusche, entschied er.

Der verdreckte Zahnputzbecher war geeignet, die sowieso schon saumäßige Laune des Schlaffis, der ihn aus dem Spiegel missbilligend anstarrte, noch weiter in den tatsächlich nicht vorhandenen Keller zu schicken. Egal. Das musste jetzt sein. Also, Wasserhahn auf, Becher drunter, einmal durchschwenken, ausgießen, Wasser reinlaufen lassen und ab in den Schlund damit. „Scheiße, die Pisse ist ja lauwarm!“ Der Schrei und sein Abscheu vom Geschmack des eklig angewärmten Hahnenwassers sorgte wenigstens dafür, dass Kilian Domröse nun endgültig in der harten Realität seines ziemlich gescheiteren Lebens angekommen war.

 

Als er die zwangsweise Ortbegehung seiner total vergammelten Zweiraumwohnung im Hinterhof einer mittelgroßen deutschen Großstadt abgeschlossen hatte, machte es in seinem nicht mehr vernebelten Hirn einen hörbaren Klick. Man könnte sagen, der Groschen war gefallen.

 

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Nach einer ausgiebigen Waschung seiner ausgeuferten Köperteile sichtete er seinen Geldbeutel und warf einen Blick auf den Kontobestand seines Kontostands bei einer niederländischen Großbank, deren Werbung von diesem deutschen Riesen, der in der USA Basketball gespielt hatte wie von einem anderen Planeten, dominiert wurde. Den Namen kannte er nicht mehr. Er schaute nicht fern. Er streamte. Sein Apple MacBook war shiny und slick und das letzte vom letzten. Nicht einmal ein Auto hatte er. Zu teuer. Abgeschafft.

Von seiner gigantischen Abfindung nach zwanzig Jahren Schinden für einen deutschen Automobilzulieferer war immer noch ein Restchen übrig. Viel war’s nicht mehr. Fürs tägliche Leben gab es Harz IV. Er war schwer vermittelbar. Resterampe der Umstellung auf E-Mobilität. Wer brauchte denn schon noch einen Getriebespezialisten wie ihn. Ingenieur- und Technikermangel. Geschenkt. Wenn er Metall in die Hand nahm, bekam es Leben. Aber wer brauchte so etwas noch. Und er, er wollte nichts anderes, konnte nichts anderes.

 

„Fein“, sagte er, „dann wollen wir mal.“ Was er damit meinte, war Ordnung machen. Dazu bedurfte es allerdings besonders Reinigungsmittel und gewisse Haushaltsgegenstände, deren Beschaffung jetzt auf der Liste der guten Taten für die nächsten Tage stand. Denn das war nach der Inspektion des Siffs klar. Das würde dauern, bis die Bude wieder wohnlich, die Wäsche gewaschen, die Fenster geputzt, das Bad, das Scheißhaus und die Küche glänzten.

Kilian Domröse stand vor der Eingangstür zum Altbau, in dessen erstem Hinterhaus er eine Wohnung im ersten Stock gemietet hatte, und musste die rechte Hand an die Stirn legen, um mit der Helligkeit eines Frühlingsmorgens zurecht zu kommen. Die Augen schmerzten. Das Basecap hatte er weggeschmissen, weil völlig verspeckt. Eine Sonnenbrille in Sehstärke besaß er nicht. Mit Mitte Vierzig und Computerarbeit war das mit dem Blickwinkel nicht mehr so der Bringer. Optiker war auch auf der Liste. Mann, hatte er sich gehen lassen. Alter, du bist ein fauler Fettkloß mit fast hundert Kilo Lebendgewicht und mindestens weiteren fünfzig Kilo Selbstmitleid aufm Buckel. Hatte er ins Nichts gesagt, und keiner hatte ihm widersprochen. War ja auch niemand da. Alle, die da mal waren, hatte er irgendwann auf seiner Abwärtsspirale verloren. Tolle Wurst, Alter.

 

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Sein Großeinkauf im Supermarkt führte zur Frage, wie das per pedes und Öffis zu transportieren wäre. Kilian Domröse entschied: War nicht. Also Taxe. Gesagt getan. Als der Tesla mit Taxischild vor ihm hielt, staunte er nicht schlecht und bekam sofort eine ranzige Laune. Nö, damit fahr ich nicht, wollte er schon protestieren, als die Fahrerin ausstieg. Sein Mund blieb erst viel zu lang offen, und dann schloss er sich wortlos. Er traute seinen müden, etwas eingefallenen Augen nicht. Himmel nochmal, war die schön. „U‘re the reason that God made a girl“, schoss ihm durch die geflashten Hirnwindungen. Diese Zeile aus den Lyrics von The Most Beautiful Girl in the World von Prince war die richtige Beschreibung des Engels, der da jetzt lächelnd vor ihm stand.

Die Frau schien diesen Effekt ihres Anblicks gewohnt zu sein. „Wohin darf ich Sie bringen, werter Herr?“ Das Amüsement in ihrer Stimme sorgte dafür, dass Kilian Domröse wieder ansprechbar wurde. „Das muss alles mit“, ließ er wissen und wies auf den vollen Einkaufswagen. „Geht klar, der Herr!“ Mit einem kleinen „Plock“ ging die Heckkappe auf und präsentierte einen sehr ansehnlichen Kofferraum. „Vorne wär auch noch Platz, falls das nicht reicht!“ Die Feststellung setzte Kilian Domröse in Bewegung. Die Taxifahrerin half beim Aus- und Einräumen. Dann machte sie die Klappe mit einem Knopfdruck zu.

„Vorne oder hinten?“ Er musste sie ziemlich konsterniert angesehen haben. Sie legte ihren Kopf schräg und meinte erklärend. „Erste Reihe oder zweite!“ Auf einem brüllte er vor Lachen, und die Spannung fiel von ihm ab. Sie lachte mit. Taxifahrer waren wie Frisöre und Ärzte Lebensberater und Coaches. Dieser Mann brauchte Fröhlichkeit und Lachen. Sie hatte das sofort gespürt. „Sie gefallen mir“, sagte er, noch leicht nach Luft ringend. „Ich mir auch“, ließ sie gutgelaunt und supercool wissen. Kilian Domröse ereilte ein Déjà-vu. Mund auf, Pause, Mund wieder zu. Sie lächelte und hatte ein probates Mittelchen auf der Zunge. Zur Hand passte da ja nicht. „Erste Reihe oder zweite?“

 

Sie hatte es irgendwie geschafft, bereits auf der Beifahrerseite zu stehen. Als er sich in Bewegung setzte, ahnte sie voraus, dass er hinten wählen würde. Früher sagte man, sie öffnete den Schlag, was die Tür hinten rechts bezeichnete. Er sah sie leicht irritiert an und fiel ins weiche Leder des rechten Rücksitzes, als sich Tür auch schon mit einem leisen, aber doch hörbaren „Plopp“ schloss. „Wohin geht es, der Herr?“ Er nannte die Adresse. Das E-Fahrzeug fuhr ruckfrei an. Man hörte nichts als Gleiten. Das Radio spielte leise vor sich hin. Seine Fahrerin mochte SWR3. Das machte sie noch sympathischer – falls das überhaupt möglich war.

Gesammeltes Schweigen erfüllte den Fahrgastinnenraum. Bis tatsächlich ein Song von Prince angekündigt war. „Würden Sie das Radio ein wenig lauter machen?“ Sein Wunsch war ihr Befehl. Es kam nicht Purple Rain, nein, ausgerechnet: The Most Beautiful Girl in the World. „Das muss er für Sie geschrieben haben“, platzte aus ihm unvermittelt heraus, als die Musik begann. Sie sagte nichts, senkte aber kurz den Blick. Er war so erschrocken, dass er die Hand vor den Mund schlug und sich am liebsten ans Ende der Welt gewünscht hätte. Dann begann der Gesang, und Fahrerin und Mitfahrer hingen ihren eigenen Gedanken nach, bis der Tesla ruckfrei vor der Haustüre des Gründerzeitblocks hielt, in dem seine Hinterhauswohnung untergebracht war.

 

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Als alles auf dem Gehweg stand und sie abgerechnet hatten, er hatte ihr ein großzügiges Trinkgeld gegeben, sagte sie nüchtern: „Das schaffen Sie nicht auf einmal. Ich helfe Ihnen beim Reintragen.“ Er wollte protestieren, als sie diesen Versuch im Ansatz mit einer Geste unterband. „Keine Widerrede.“ Es waren immerhin vier, nein, fünf, große schwere Einkaufstaschen. Er schüttelte ergeben den Kopf. „Was soll ich sagen“, murmelte er. „Nichts, aber die Tür aufschließen, das würde jetzt weiterhelfen.“ Voll bepackt marschierten sie durch den Gang und den Hinterhof. Dann ging es die Treppe hinauf. Als sie vor seiner Wohnungstür standen, musste er durchatmen. Sie hingegen war vom Tragen und Treppensteigen gänzlich unberührt. „Hier wohne ich, aber hinein kann ich Sie erst lassen, wenn ich mit diesen Utensilien mein altes Leben weggesaugt, aufgewischt, abgeputzt und den Abfall nachher in den Müll geworfen habe.“

Sie lächelte und nickte. „Verstehe ich gut.“ Die Taschen wurden ordentlich abgestellt. Sie griff in ihre Geldtasche, die sie am Gürtel trug, und fischte eine Geschäftskarte heraus Mit den Worten „Wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mich bitte an. Ich fahre Sie zu jeder Tages- und Nachtzeit, wohin Sie wollen.“ Verdattert nahm er die Karte und verbeugte sich artig. Als sie sich zum Gehen abwandte, platzte wieder etwas aus ihm heraus, was er gleich wieder bedauerte. „Darf ich Sie auch sonst anrufen?“ Sie wirbelte auf dem Absatz herum. Ihre Augen blitzen neckisch. „Sie können es ja mal versuchen.“ Und dann schenkte sie ihm ein kleines feines Lächeln. Rätselhaft war es. Mehrdeutig. Und auf eine ganz eigene Art einladend, das Verrückte zu wagen.

 

„Diana Meerbusch“, stand auf der Karte. „Ihr Tesla Taxi. Umweltschonend. Leise. Bequem.“ Eine weitere Zeile darunter. „24*7 für Sie da.“ Danach Mobilnummer und Email. Er steckte die Karte ein. Danach begann das Wegschaffen des alten Lebens, um für ein neues Platz zu machen. Das ging besser von der Hand, als er dachte. Nach drei Tagen schweißtreibenden Saugens, Wischens, Putzens, Waschens, Bügelns und – zum krönenden Abschluss – Fenster- und Türenwienerns sackte Kilian Domröse in einen erquickenden und traumlosen tiefen Schlaf, der mangels Wecker erst gegen neun Uhr am ersten Samstagmorgen einer neuen Zeit endete.

„Verdammt, die Batterien. Hab ich doch glatt vergessen“, brummelte er, als er vorm Spiegel stand, der nun sauber und klar das etwas rosigere Gesicht eines angejahrten, etwas zu breit gewordenen Herrn mit einer furchtbaren Zottelfrisur aus dunkelblonden Haaren mit hohem Silberanteil an der Schläfen zeigten. „Na ja“, brummte er, „neben den Zähnen hab ich noch die Tolle und keine Pläte. Immerhin. Der Rest ist eh für die Katz.“ Als er seine Bekleidung durchforstete, fiel ihm auf, dass alles alt, ausgeloddelt, farblos, irgendwie traurig war. Und bei den Schuhen war es nicht anders. Er zog sich an und frühstückte.

 

Plötzlich kam ihm eine Idee, die er sofort wieder verwarf, um sie dann in einem Anfall von Wahnsinn dennoch umzusetzen. Wo war denn die verdammte Geschäftskarte? In der Hose von gestern war sie nicht. In der Einstecktasche im abgeliebten karierten Hemd, das er angehabt hatte, war sie auch nicht. Er bekam erst kalten Schweiß auf die Stirn und dann einen Schreikrampf. Schließlich stand er wie zufällig vor seinem MacBook. Auf dem Apfellogo lag die gesuchte Geschäftskarte. So konnte es gehen. Doch inzwischen hatte ihn sein Mut verlassen. Aus einer Eingebung heraus machte er ein Foto von diesem Arrangement mit seinem etwas angejahrten iPhone.

 

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Als er mit der Trambahn in der Innenstadt ankam, stand er mitten auf dem zentralen Platz und wusste, dass er nichts wusste. Klamottenkaufen war nie sein Ding gewesen. Er hatte dazu immer einen Modeberater gebraucht. Die gab es nur inzwischen nicht mehr. Er hatte sie in der Wohnvorstadt mit den Reihenhäusern zurückgelassen, in der auch seine Ex mit den beiden Kindern wohnte, die sie in die Beziehung mitgebracht hatte. Zu eigenen Kindern hatte es bisher aus irgendeinem Grund nicht gereicht. Obwohl, sagte er zu sich, so ein Stinkstiefel wie Kilian Ezekiel Domröse sollte sich nicht unbedingt fortpflanzen. Eigentlich.

 

Gedankenverloren kramte er aus dem ausgewaschenen Parka sein iPhone. Das Foto war schnell gefunden. Noch schneller war Siri die Nummer diktiert und von ihr das Wählen angefordert, damit er ja nicht auf die Idee kam, wieder einzuknicken. Nach wenigen Klingeltönen kam „Ihr Tesla-Taxi, Diana Meerbusch, was kann ich für Sie tun?“. „Kilian Domröse.“ „Guten Tag, Ihre Adresse bitte?“ Er nannte sie wie aus der Pistole geschossen. „Wann soll es losgehen?“ Kurze Pause auf Seiten Kilian Domröse, tiefes Durchatmen. „Sind Sie noch da, brauchen Sie Hilfe?“ Jetzt war er so perplex, dass er einfach sagte, was er wollte. „Ich brauche Ihre Hilfe, Frau Meerbusch. Ich bin aber schon in der Stadt.“ Jetzt war auf der anderen Seite tiefes Durchatmen. „Sind Sie der mit dem Einkauf, der im Hinterhaus 1. OG sein altes Leben wegputzen und -werfen wollte?“ Er hatte das Gefühl, ein leichtes Glucksen aus der Stimme herauszuhören. „Ja schon, das könnte man so sagen.“ „Und warum sagen Sie es dann nicht?“ „Stimmt. Ich bin genau der, und zum neuen Leben gehört ein neues Gewand.“

Jetzt lachte sie, und dieses Lachen war mit das Schönste, das ihm die letzten achtzehn, nein, vierundzwanzig oder mehr Monate passiert war. „Ich liebe Ihr Lachen, und ich brauche Ihren Rat.“ „Geht doch, geht doch. Ich bin am Taxistand am Bahnhof. Da kann ich meinen Tesla stehen lassen. Ich warte auf Sie, keine Angst.“ Aufgelegt. Himmel, Arsch und Zwirn, warum stell ich mich so saudoof an. Obgleich: Er hatte doch erreicht, was er sich so sehr gewünscht hatte. Also war das Vorgehen gar nicht so doof gewesen. Eher im Gegenteil. Also marschierte er zielgerichtet in Richtung Bahnhof.

 

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Sie hatte ihre Taxe im Bereich abgestellt, wo die Fahrzeuge der Fahrer standen, die eine Pause machten. „Da sind Sie ja“, begrüßte sie ihn lächelnd. „Dann wollen wir mal. Und zwar der Reihenfolge. Frisör, …“, sie schaute ihn kritisch an, „Hose, T-Shirt, Sweater, Sneaker, Jacke, Basecap.“ „Woher wissen Sie das?“ „Weil Sie ein Basecap-Typ sind. Übrigens, ich heiße Diana, die meisten nennen mich Di.“ Das „i“ sprach sie wie „ai“ aus. „Und ich bin der Kilian, aber die meisten nennen mich Izzy.“ „Wie Izzy Top?“ „Genau, Di.“ „Auf geht’s“, und – zack! –, war sie bei ihm eingehängt. Er atmete tief ein.

„Is was, Izzy?“ Er schüttelte den Kopf und sagte so dahin. „Du riechst viel zu gut, da muss ich schon eine Prise für später abspeichern.“ Sie versetzte ihm einen Schups mit der Hüfte. „Frechdachs!“, zerbiss sie leise zwischen zwei Engelslachern. Er blieb ungerührt und fragte: „Du bist der Boss, wohin geht die Reise?“ Sie steuerte ihn zielgerichtet zu ihrem Lieblingscoiffeur. Sie trat ein, die Tür stieß ein kleines Windspiel an, ihn zog sie hinterher. „Das ist Izzy, Salima Darling, er braucht eine Top Frisur. Du machst das schon, OK?“ Salima grinste. „Lady Di mit Prinzgemahl. Ich dachte, das erleb ich nicht. Wo haste denn den aufgegabelt, diesen kleinen Punk hier.“

Die Angesprochene stemmte die Hände in die Hüften und zog eine weltmeisterliche Schnute. „Eins sag ich dir, Salima-Schätzchen, wenn du den verschneidest, dusche ich dein hübsches Köpfchen kalt ab und mache dir lila Strähnen in deine rabenschwarze Mähne, klar?“ „Klar. Also, Mr. Top, hier geht’s hin, Parka bitte dort ablegen.“ Und dann begann der kurzweiligste Haarschnitt seines Lebens. Danach gefiel er sich schon viel besser und hatte fortgeschrittenen Bauchmuskelkater. Fünfundvierzig Euronen ärmer, aber mit bester Stimmung seit einer Ewigkeit wackelte er mit seiner Lady wieder aus dem Salon. Zum Abschied zwitscherte das Wandspiel ihnen leise hinterher.

 

Der Rest der nächsten beiden Stunden verging wie im Flug. Als sie am Tesla ankamen, meinte er – ein wenig ermattet –: „Sag mal, Di, würdest du mich bringen? Dann wär der Nachmittag nicht ganz ohne Umsatz, oder?“ Sie sah ihn an, stellte den Kopf schräg und verwarnte ihn mit dem Zeigefinger. „Ich hab’s so genossen, diesen Einkaufsbummel. Ich bin in deiner Schuld, Izzy.“ Diesmal widersprach er vehement. „Nein, das muss jetzt aber sein. Du fährst mich heim. Den Weg kennst du ja.“ Sie hob abwehrend die Hände. „Du bist der Fahrgast. Dein Wunsch ist mir Befehl.“ Sie stand eine logische Sekunde später am geöffneten Kofferraum. Und hatte die Taschen, die sie trug, bereits vorsichtig hineingelegt. Die seinen hatten sich schnell hinzugesellt.

„Erste oder zweite Reihe?“ „Zweite“, sagte er, und schon war der Schlag offen. Kaum war er hineingerutscht, schon schloss sich magisch die Tür. „Wir machen einen kleinen Umweg“, verkündete sie, als sie sich in den Verkehr eingefädelt hatte. Wenig später hielt sie vor einer Parfümerie und war bereits ausgestiegen, bevor er überhaupt dazukam, sie aufzuhalten. Wenig später kam sie zurück und reichte ihm ein kleines Papiertäschchen. „Damit darfst du gerne vorne sitzen beim nächsten Mal.“ Als sie vor der Haustür ankamen, stieg sie aus und entnahm die Einkäufe, die sie ihm schwungvoll in die Hand drückte.

Als er beide Hände vollhatte und in der geöffneten Haustür stand, die er mit dem Rücken aufhielt, huschte sie katzengleich zu ihm und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Er blieb verdattert stehen. Sie winkte zum Abschied und rief über die Schulter: „Heute Abend um neun. Ich hole dich ab. Ausgehfertig, klar?“ Und, wusch, war der Tesla bereits an der nächsten Kreuzung. Er brauchte eine Weile, bis er sich sammeln konnte. Dann ging er hinein und hinauf. Als die Wohnungstür ins Schloss gefallen war, musste er sich an den kleinen Tisch in der spartanisch eingerichteten Küche setzen.

 

Dort saß er, bis langsam dunkler wurde. Auf einmal bemerkte er, dass es schon halb neun war. Irgendwie schaffte er es, frisch geduscht, geschniegelt und parfümiert bereits innen an der Wohnungstür zu stehen, als die Klingel ging. Er hatte das, was sie ihm geschenkt hatte, bereits wie vorgesehen eingesetzt. Er sah jetzt nicht besonders gut aus, aber er roch gut. Das war ihm wichtig. Und zwar nicht nur, weil es ihr wichtig war. „Du musst dich schon selbst mögen, Izzy“, hatte sie en passant gesagt, als sie die Jacke ausgesucht hatten, „sonst kannst du keinen anderen mögen und die oder der dich nicht zurück.“

Di war pünktlich wie die Uhr, nicht wie die Maurer. Denn die, das lehrte die Erfahrung, kamen eigentlich immer zu spät.

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