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Überfahrt oder wenn die Heimat kein Zuhause ist.


Gast (Pedro)

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Das Dorf liegt mitten im Busch, zwölf Hütten aus Lehm und Wellblech. In der Mitte ein Brunnen. Kein Telefon. Kein Strom. Keine Straße. Die nächste Schule ist weit weg und kostet Geld.

Blessing verlässt mit ihrem Mann und den beiden Kindern, Farley und Joseph, ihre Hütte; einen staubigen Raum, zwei mal drei Meter groß. Farley geht neben ihr, Joseph nuckelt an ihrer schlaffen Brust. Die paar Plastikschüsseln und die zerfetzten Matratzen lässt sie zurück, auch die kleine Öllampe; das Bild ihrer Mutter nimmt sie mit.

Ein Dutzend Männer und Frauen gehen zum Fluss. Die rote Erde staubt unter ihren Füßen. Nur wenige besitzen Schuhe. Es ist heiß. Eine trockene Landschaft, dürres Gras, ein paar Zwergpalmen.

Sie haben die Opfergaben bei sich: Mais, Kräuter, eine Taube, ein weißes Huhn und eine kleine Ziege.

Am Fluss schlägt der Zauberer der Taube den Kopf ab, reibt die Familie mit Blut und zerstampften Blättern ein.

Er bittet die Flussgöttin um Hilfe: „Mach, dass sie in Europa Arbeit finden, dass wir ein Haus aus Stein bauen und die Kinder in die Schule gehen können.“

Er gießt eine Flasche Wasser in den Fluss, schlachtet dann das Huhn und die Ziege und reibt nun auch alle anderen mit Blut ein.

Die Menschen summen eine monotone Melodie und wiegen sich hin und her.

„Göttin des Flusses, mach die Reise erfolgreich.“

 

Das Schlauchboot hat einen kleinen Yamaha-Motor. Die Menschen drängen sich zusammen, die Frauen sitzen in der Mitte, einige sind schwanger, andere drücken Babys an ihre Brust. Sie glauben, dass sie in Spanien nicht abgeschoben werden können. Die Männer und die größeren Kinder halten sich am Rand an den Halteschlaufen fest. Benzingestank umgibt sie.

150 Kilometer sind es zur spanischen Küste, die Reise soll einen Tag dauern.

Der Himmel wechselt die Farbe, dunkelblau wird zu schwarz. Die Lichter an der Küste verschwinden.

 

Nach mehreren Tagen sind sie immer noch auf dem Meer. Wellen klatschen an das Schlauchboot, es liegt tief im Wasser. Einen Sturm haben sie überstanden. Der Wind hat sie zurück getrieben.

Hatten die Frauen anfangs noch gesungen, die Babys geweint, so herrscht jetzt Stille. Der Motor funktioniert nicht mehr, die Männer haben es aufgegeben, mit den Händen Wasser aus dem Boot zu schöpfen und zu rudern.

Apathisch hocken alle im Boot, niemand spricht.

Ihre Gesichter sind von der Sonne verbrannt, die Haut beginnt sich zu lösen; die Münder sind trocken, die Lippen eingerissen.

 

Farley sieht seinen Vater zum ersten Mal in seinem Leben weinen, seine Mutter stöhnt leise und hält Joseph im Arm an sich gedrückt. Lange Zeit hat er gejammert, jetzt ist er still. Seine Mutter schüttelt ihn plötzlich hin und her, schreit dann fürchterlich. Sie hat nicht bemerkt, dass er verdurstet ist.

Er kann nicht im Boot bleiben, die Sonne steht brennend heiß über ihnen. Der Vater steht auf, drängt sich durch die sitzenden Frauen und nimmt seiner Frau das Baby aus dem Arm. Sie schaut ihn an, aber er blickt an ihr vorbei; er wirft das tote Kind ins Meer.

Seine Frau stürzt sich auf ihn, beißt ihm in den Hals, beide umklammern sich, stürzen ins Wasser.

Farley sieht sie verschwinden.

Er ist jetzt allein; erst zehn Jahre alt.

 

Als er wieder aufwacht, ist alles verschwommen und verwischt. Er hat keine Schmerzen, keinen Durst und keinen Hunger mehr. Ihm ist, als wenn er flöge.

Und plötzlich sieht er seine Mutter, sie stöhnt und schreit nicht mehr. Sie hat seinen kleinen Bruder im Arm, er weint nicht mehr und lacht. Sein Vater winkt ihm zu.

Er läuft auf seine Eltern zu, kommt ihnen näher und näher; er ist schon da.

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