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Seitensprung


Gast (Pedro)

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Kaum war Paul eingeschlafen, als ihn seine Frau schon wieder wach rüttelte.

„Die ganze Zeit habe ich kein Auge zugemacht. Ich musste alleine nach Hause fahren und habe auf dich gewartet.“

„Lass mich in Ruhe.“

„Was? Saufen kannst du, und das wie ein Loch, und dann nur noch pennen oder wie?“

„Ich will jetzt schlafen!“

Sie rüttelte ihn wieder wach, diesmal gelang es ihr nicht gleich.

„ Jetzt will ich mit dir reden!“

So würde es stundenlang weiter gehen. Ablenken musste er sie.

Er richtete sich im Bett auf und zeigte mit dem Finger in eine Ecke des Zimmers.

„Was macht der Mann da?“

„Was für ein Mann? Bist du jetzt völlig wahnsinnig geworden?“

„Na ja, der da in der Ecke steht.“

Sie knipste das Licht an.

„Wo ist hier ein Mann?“

„Na da, schau doch hin, jetzt verschwindet er in der Küche.“

„Ach hör doch mit dem Quatsch auf.

Recht hat sie, dachte er. Er trank zu viel, erwiderte aber:

„An deiner Stelle würde ich mal ganz ruhig sein. Was du so treibst!“

„Wie bitte?“

„ Du weißt schon, was ich meine, ich bin doch nicht blöd!"

 

Sie schwieg plötzlich, er war überrascht, hatte an nichts Bestimmtes gedacht. Wusste er etwas nicht, was er hätte wissen müssen? Ihm war bisher nichts aufgefallen.

Hatte seine Frau einen Freund, betrog sie ihn? Unmöglich dachte er, fragte sie aber dann:

„Wer ist der Kerl? Kenne ich ihn?“

„Welcher Kerl?“

„Na, der Kerl, mit dem du dich triffst, mit dem du ein Verhältnis hast?“

„Von wem redest du? Was für ein Verhältnis?“

„ Glaubst du, ich bin ein Vollidiot? Deine häufigen Besuche beim Ohrenarzt!

Ich habe ihn angerufen“, log er, „er kennt dich überhaupt nicht, ich hab dann gesagt, dass ich wohl eine falsche Nummer gewählt hätte!“

Sie antwortete nicht, bohrte mit ihrer Zunge in einer Backe herum, wie sie es immer machte, wenn sie über etwas angestrengt nachdachte. Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr über die Schultern.

Attraktiv sah sie aus, begehrenswert.

„Wie lange geht das schon?“

Sie schaute ihn nicht an, flüsterte dann:

„Drei Monate.“

„Wer ist der Kerl?“

„ Du kennst ihn nicht.“

„Ich glaube, du bist wahnsinnig geworden, hast du nie an mich gedacht?“

Sie zögerte längere Zeit, sagte dann:

„Mit achtzehn habe ich dich geheiratet. Jetzt bin ich dreißig. Du kennst nur deine Arbeit und interessierst dich kaum für mich. Wir machen fast nie etwas zusammen. Eine Ehe habe ich mir anders vorgestellt. Ich habe mich sehr einsam gefühlt, wollte so viel mit dir besprechen, aber du warst nicht dazu bereit. Dann traf ich ihn, er hörte mir zu, nahm mich in die Arme und war liebevoll zu mir.

Du hast mir nie gezeigt, dass ich wichtig für dich bin.“

Sie hatte sich im Bett auf die Seite gedreht, schaute an die Wand.

„Wie soll das jetzt weitergehen? Was stellt du dir vor, was willst du?“

Sie fing an zu weinen.

„Ich weiß auch nicht.“

 

Werner saß im Garten, schien überrascht zu sein, Paul zu sehen.

„Gut, dass du gekommen bist, wir könnten zusammen ein paar Flaschen Bier trinken und überlegen, wohin wir das nächste Mal angeln gehen.“

Er kam mit zwei Flaschen aus der Küche, goss beiden ein.

„Prost dann“, sagte Werner.

„Ich muss mit dir reden. Ich brauche deinen Rat, Eva betrügt mich, hat eine Beziehung mit einem Anderen.“

Werner sprang auf, setzte sich dann wieder, trank in einem Zug sein Glas aus, schenkte sich gleich wieder ein.

„Was? Mit wem?“

„Weiß ich nicht.“

„Verdächtigst du jemanden?“

„Wer es ist, weiß ich nicht, interessiert mich im Augenblick auch nicht. Durch Zufall habe ich es endlich gemerkt, wohl als Letzter. Ich brauche deinen Rat, was soll ich jetzt machen?“

„Wie bist du denn dahinter gekommen?“

„Gestern, als ich von deiner Geburtstagsfeier nach Hause kam, hat sie sich selber verraten.“

„Was hat sie dir erzählt?“

„Mir hat sie die Schuld gegeben, ich hätte mich zu wenig um sie gekümmert. Sie hätte deswegen eine Beziehung mit einem Anderen. Mit wem wollte sie nicht sagen.“

Werner stand auf, sagte, er müsse noch schnell einen dringenden Anruf erledigen. Als er zurückkam, schenkte er noch einmal ein.

„Wir haben oft über Evolution diskutiert“, sagte er. „Ich glaube, dass sie auch auf Seitensprünge anwendbar ist.

Wenn der Schwanz steht, schaltet das Gehirn ab. Wir werden in unserem Verhalten durch hormonale Schlüsselreize gesteuert, unsere Kulturzeit ist erst kurz. Lustbetont, sind wir alle, Männer und Frauen, programmiert, viele Nachkommen zu zeugen.“

Sie hörten ein Auto, Werners Frau war zurückgekommen.

Paul merkte, dass ihm das Gespräch nicht weiter helfen würde. Er stand auf und ging langsam zur Haustür.

Werner rief: „Schmeiß sie raus!“

 

Vor dem Haus stand ein Taxi, Eva kam ihm mit einem Koffer entgegen. Er stellte sich ihr in den Weg:

„Rausschmeißen soll ich dich, hat Werner gesagt.“

Sie schaute ihn erstaunt an.

„Das hat dein bester Freund gesagt? Du hast mich gefragt, wer der Kerl sei, ich wollte es dir eigentlich nicht sagen. Es ist Werner.“

Sie stieg ins Taxi ein und drehte sich nicht noch einmal um.

 

 

Bleich lag sie mit geschlossenen Augen da. Kabel und Schläuche waren mit ihr verbunden. Als der Anruf vom Krankenhaus gekommen war, war er sofort hingefahren. Ihr Taxi sei mit einem Lastwagen zusammengestoßen, sagte man ihm. Das musste wenig später passiert sein, nachdem sie von ihm weggefahren war. Sie lag im Koma.

Seit zwei Tagen saß er an ihrem Bett. Er schaute sie immer wieder an und streichelte ihr über das Gesicht.

Er dachte an alles, was sie vor langer Zeit gemeinsam gemacht hatten, an Wanderungen, Reisen und an die langen, intensiven Gespräche.

Er hatte nicht gemerkt, dass etwas langsam verloren ging.

Aus dem Miteinander war ein Nebeneinander geworden. Manchmal werden Wege eng, man kann nicht mehr nebeneinander gehen. Sie war zu weit voraus gegangen, er konnte jetzt nicht mehr nachkommen.

„Dreh dich um, dreh dich um“, rief er laut.

Sie schlug die Augen auf und an ihrem Blick merkte er, dass sie ihn nicht erkannte.

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