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Fragen zur Wirkung von Metrik, Reimschemen und weiterem


DavidDichter

Empfohlene Beiträge

Hallo,

dieses Forum (bzw. dessen Community) hat mich dazu bewegt,

mich tiefer mit Metrik, Reimschemen und weiterem zu beschäftigen.

In diesen Sinne aber stellten sich mir Fragen der Art:

 

Was bewirkt es, wenn männliche und weibliche Kadenzen in einem Reim oder einer Strophe gleich bleiben oder in einem bestimmten Schema abwechseln?

In welchen Rahmen ist es akzeptabel oder sogar empfehlenswert, dass eine Zeile mehr oder weniger Versfüße hat als erwartet?

Welche Versfüße können im selben Vers harmonieren, welche beißen sich, wenn sie auch nur in der gleichen Strophe vorkommen?

Welche Reimschemen drücken einen bestimmten Unterton aus, den man im Gedicht einbringen will?

 

Natürlich weiß ich, dass es darauf keine eindeutigen und klaren Antworten gibt, zumal der Großteil vom Gefühl abhängt.

Allerdings würde ich mich gerne erkundigen, ob mir jemand für das Thema Fachliteratur (sprich ISBN, keine URL) empfehlen kann.

 

Vielen Dank im Vorraus, David Dichter

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Hallo DavidDichter!

 

Ich beginne einfach mal.

 

Was bewirkt es, wenn männliche und weibliche Kadenzen in einem Reim oder einer Strophe gleich bleiben oder in einem bestimmten Schema abwechseln?

 

Im allgemeinen klingen weibliche Kadenzen weicher, was dadurch zustande kommt, dass sie auf der unbetonten Silbe enden. Ob Du gleichbleibende Kadenzen oder einen Wechsel ins Spiel bringst, hängt davon ab, wie Du die Melodie zu Deinen Worten gestalten willst. Ich selbst mache mir sogar bei ungereimten Gedichten Gedanken um entweder ein gängiges Metrum der ungereimten Verse oder eine passende Prosodie. Das geht nun aber eigentlich schon in den nächsten Punkt über.

 

In welchen Rahmen ist es akzeptabel oder sogar empfehlenswert, dass eine Zeile mehr oder weniger Versfüße hat als erwartet?

 

Auch hier hängt es von Deinem Gefühl zu dem Gesagten ab. Wie hättest Du es gerne unterstrichen? Trage Dir die Verse selbst laut vor und erlebe sie.

 

Als Beispiel: Ich selbst habe mal ein Gedicht namens Der Vampir geschrieben. Der Grundton sollte tragikomisch sein, von einem einsamen Untoten in belustigender Weise berichten, ohne die Vampirhaftigkeit aus dem Wortsinn zu verlieren. Ein flutschenderer Rhythmus ist üblicherweise, im ersten Vers eine Hebung/Betonung mehr drin zu haben als im zweiten. Ich habe es umgekehrt gemacht, wodurch der Rhythmus stellenweise etwas „staksig“ daherkam, was ich allegorisch zu unserem einsamen Untoten empfand.

 

Häufig sagt man, der Trochäus (Xx – Hebung, Senkung) passt eher für getragene Themen, der Jambus (xX – Senkung, Hebung) für leichtere etc. Allerdings werden sich immer zig Gegenbeispiele finden, weil sich Rhythmus und Melodie nicht allein durch den eingesetzten Versfuß darstellen. Die Länge eines Verses kann beispielsweise auch oft entscheidend sein. Außerdem noch, wie stark die Betonungen in den gewählten Worten selbst sind. Dabei gilt: Je schwächer die Hebungen/Betonungen, umso fließender der Rhythmus. Der tänzerische Rhythmus ist dabei verwandt, aber er hat stärkere Hebungen und Pausen.

 

Das ist teilweise etwas, das man allein theoretisch nicht erlernen kann, sondern man muss sein Gefühl durch Übung schulen. Übung durch selbst schreiben natürlich, aber für ebenso wichtig halte ich, viel zu lesen. Lies Gedichte bekannter Dichter und erlebe sie wirklich – also nicht allein bloßes Lesen. Versuche zu verstehen, warum dieses oder jenes Gedicht in welcher Weise wirkt.

 

Welche Versfüße können im selben Vers harmonieren, welche beißen sich, wenn sie auch nur in der gleichen Strophe vorkommen?

 

Ich bin nicht sicher, ob ich diese Frage korrekt verstanden habe. Normalerweise kommt nur ein gewisser Versfuß in einem Vers vor. Ausnahmen wären da der Anapäst und der Daktylus. Diese beiden können sowohl in jambische als auch trochäische Verse eingebaut werden. Aber es kann z.B. keinen Vers geben, der Jambus und Trochäus beinhaltet, da ja dann automatisch eben ein Anapäst oder Daktylus vorläge.

 

Beißen muss sich keiner davon zwangsläufig, auch nicht in derselben Strophe. Wenn man aber ein wildes Durcheinander hat, d.h., in einer Strophe gibt es mal trochäische, dann mal jambische Verse, ohne erkennbares Muster, kann man meist davon ausgehen, dass jemand einfach nicht darauf geachtet hat. Dennoch kann man auch das machen, sofern man eben ein gewisses Grundmuster damit verfolgt.

 

Beispielsweise könnte man Jambusverse mit Trochäen abwechseln, wenn man folgendes macht:

 

xXxXxXxXx (4-hebiger Jambus, weibliche Kadenz)

XxXxXxX (4-hebiger Trochäus, männliche Kadenz) usw.

 

Hier trägt sich also der Rhythmus des vorigen Verses auf den nächsten weiter. Schlechter würde es klingen, wenn der jambische Vers in männlicher Kadenz endet, denn dabei würde eine Zäsur (Pause) entstehen, die den Rhythmus nicht mehr weitertragen lassen würde.

 

Zwischendurch Daktylus- oder Anapästfüße einzubauen kann dem Gedicht etwas besonders Schwebendes verleihen. Aber auch da sollte man natürlich auf Gleichmäßigkeit achten. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel, denn wie ich gerne sage: Man kann immer alle Regeln eines Handwerks brechen, wenn man sie verstanden hat. Dann, und nur dann, kann man Kunst daraus machen. Bricht man diese Regeln allein aus Unvermögen oder weil man zu faul ist, sich die handwerklichen Fertigkeiten anzueignen und redet sich dann mit künstlerischer Freiheit raus oder das einen das einengt, zeigt man in der Regel nur, was man nicht kann.

 

 

Welche Reimschemen drücken einen bestimmten Unterton aus, den man im Gedicht einbringen will?

 

Kann man nicht eindeutig beantworten. Es hängt viel auch von der Länge der Verse ab. Oft können Paarreime beispielsweise einen komischen Inhalt tragen. Sind aber die Verse länger, kann das auch schon wieder anders wirken. Das Reimschema ist nur Teil des Gesamtaufbaus eines metrischen Musters und kann demnach völlig unterschiedliche Untertöne ausdrücken, selbst bei gleichem Reimschema.

 

Natürlich weiß ich, dass es darauf keine eindeutigen und klaren Antworten gibt, zumal der Großteil vom Gefühl abhängt.

 

Genau so ist es :-)

 

Allerdings würde ich mich gerne erkundigen, ob mir jemand für das Thema Fachliteratur (sprich ISBN, keine URL) empfehlen kann.

Freund Wikipedia oder Google allgemein hilft Dir beim rein Theoretischen enorm weiter. Besser kann das diverse Fachliteratur auch nicht, also warum Geld ausgeben. Wie man aber das Gefühl entwickelt, wann man was wie einsetzt, das ist schon spannender. Da kann Dir keine Fachliteratur der Welt helfen, da heißt es, lies, was andere Dichter schreiben. Da empfehle ich dann auch, die Bücher zu kaufen, denn es sind oftmals noch erhellende Essays der jeweiligen Dichter enthalten.

 

Ich kann empfehlen (wobei Du dabei natürlich bedenken musst, dass ich aus meinen Erfahrungen und meinen stilistischen Vorlieben empfehle):

 

Edgar Allan Poe: Die Methode der Komposition (Insel Verlag, ISBN 3458190066)

Stéphane Mallarmé: Sämtliche Dichtungen, inkl. poetologischer Schriften (dtv Verlag, ISBN 342312878X)

Rainer Maria Rilke: Die Gedichte (Insel Verlag, ISBN 3458173331

 

Es gibt natürlich noch viel mehr, man denke an Hugo von Hofmannsthal, Georg Trakl, Georg Heym, Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud usw.

 

Ich erinnere mich gerade an die Briefe eines jungen Dichters an Rilke. Dieser schickte ihm seine Gedichte, um ihn um Rat zu fragen. Daraus entstand ein Briefkontakt von, ich glaube, 10 Briefen, die man sogar als Buch kaufen kann. Wie auch immer, schön fand ich Rilkes einen Antwortsatz, den ich einfach nur unterschrieben so weitergeben kann:

 

Sie fragen, ob Ihre Verse gut sind. Sie fragen mich. Sie haben vorher andere gefragt. Sie senden sie an Zeitschriften. Sie vergleichen sie mit anderen Gedichten, und Sie beunruhigen sich, wenn gewisse Redaktionen Ihre Versuche ablehnen. Nun (da Sie mir gestattet haben, Ihnen zu raten) bitte ich Sie, das alles aufzugeben. Sie sehen nach außen, und das vor allem dürfen Sie jetzt nicht tun. ... Es gibt nur ein einziges Mittel. Gehen Sie in sich.

 

Und das ist die ganze Wahrheit. Sie klingt banal, aber so ist es mit der Wahrheit oft, denn das Banale ist es ja nur deshalb, weil es so schwierig ist und man sich doch eigentlich einen weisen Rat von einem Weg erhofft, dem man dann leichtfüßig folgen kann.

 

Für weitere Unterhaltung bin ich hier durchaus offen, ich wollte das Thema damit nicht abschließen :-)

 

LG

 

Beteigeuze

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