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Leben im Paradies


Nina K.

Empfohlene Beiträge

In Wustrow am See

 

Wustrow ist ein Paradies. Auf dem riesigen Grundstück der Oma war früher eine Gärtnerei, jeder Quadratzentimeter war kultiviert. Jetzt gibt es nur noch 2 Apfelbäume und eine dichte Brombeerhecke. Tante Gertrud hat einen Kartoffelacker angelegt und ein paar Kräuter angepflanzt, sie schaut auch täglich nach der Oma und ist jetzt quasi der Hausherr. Die Oma kommt morgens aus dem Wohnzimmer auf die Terasse geschlurft, setzt sich auf das alte grüne 70-iger Jahre Sofa, um dort ein Nickerchen bis zum Mittag zu halten. Gesellschaft leistet ihr die orange-gelbe Katze, die nicht nur äußerlich an Garfield erinnert. Tante Gertrud hat schon -zig Versuche unternommen, das mittlerweile schmuddelig gewordene Sofa nun endlich zu entsorgen. Allein den Katzen zuliebe bleibt es stehen.

 

Wir Kinder scheren uns wenig um das Gezänk zwischen der Oma und Tante Gertud. Und auch Onkel Achim geht den beiden Frauen aus dem Weg. Sein Wohnwagen steht in dem äußersten Zipfel des Grundstückes, nur 20 m vom See entfernt.

 

Der See war für uns der beste Ort überhaupt. Wir hatten eine kleine Nussschale, einen Ruderkahn, nur halb so groß wie die üblichen Ruderboote, in welcher wir zu dritt den See erkundeten.

Onkel Achim hat uns aus Weidenruten Stippangeln gebaut, und wenn wir nicht auf oder im See waren, dann standen wir mit unseren Angeln auf dem Steg, mit welchen wir mitunter einen ganz ordentlichen Fang aus dem See holten. Plötzen, Rotfedern, Bleie ließen sich erst mit Brotkrümeln anfüttern und irgendwann haben wir dann in dem Brotkrümeln den Angelhaken versteckt. Die wenigsten Fische, die wir gefangen hatten, waren groß genug, um in der Pfanne zu landen.

Aber für Pine und Garfield sollten sie eine willkommene Abwechslung zu den Breckies sein. Achim hat uns einen kleinen Tisch gebaut unten am See, mit Wachstuch überzogen und uns gezeigt, wie man Fische ausnimmt. Am Schwanz fassen, bewusstlos schlagen (mit dem Kopf auf den Tisch oder besser gegen den großen Stein, der daneben liegt) Schuppen abkratzen, Bauch aufschneiden, aber vorsichtig, dass die Gallenblase nicht zerplatzt, dann alle Organe herausnehmen, (vorsichtig bei Galle und Darm!), noch mal im Wasser abspülen und der Fisch ist küchenfertig. „Garfield, es gibt Lasagne!“ „Also bitte, könnt ihr vielleicht noch die Flossen abschneiden, ja so ist‘s fein, so gefällt es Garfield.“ Hört ihr das Schmatzen? Die alte Pine war auch zufrieden, wenn wir nur die Schuppen abmachten, die Innereien frass sie glaub ich ganz gerne mit. Aber mit lebendigem Fisch konnten beide Katzen nichts anfangen, so dass wir niemals um unsere gefangenen Fische im Eimer fürchten mussten. Wie oft haben wir den größten Teil unseres Fanges komplett wieder in den See gekippt, den Fischen quasi ein zweites Leben geschenkt, naja.

 

Manchmal, wenn der Eimer mit den geangelten Fischen, zu nah am Ufer stand, dann hat es auch mal der ein oder andere geschafft, von allein wieder in die Freiheit zu entkommen. Aber heute steht er in sicherer Entfernung zum Ufer, trotzdem werden die Fische weniger. „Es waren neun, das weiß ich genau,“ empört sich Isabell. Es ist unglaublich, dass ein Püppchen wie Isa Fische anfassen kann und sich beim Ausnehmen dieser sehr viel geschickter anstellt als ich. Dafür bin ich ziemlich gut, wenn es darum geht, die Fische vom Haken abzumachen. Jeden noch so tief sitzenden Haken operiere ich den Fischen raus, so dass die Anderen mit fast jedem Fang zu mir kommen: „Kannst du den mal abmachen?“

 

Auch wenn ich nicht mitgezählt habe, schätze ich, dass wir 8 bis 10 Fische gefangen haben. „Du hast dich bestimmt verzählt, Isa!“ Wenn so viele Fische im Eimer immer im Kreis schwimmen, kann man schon mal den Überblick verlieren. „Nein, guck doch selbst, ich spinn doch nicht, das sind nur fünf! Wo sind die anderen hin??“ Nie würde ich behaupten, dass meine super intelligente Cousine spinnt, aber jetzt halte ich sie für ein bisschen zu ehrgeizig und lasse mir viel Zeit, um einen prüfenden Blick in den Eimer zu riskieren. „Oh, das sind nur 5!“ entfährt es mir mit einem Schreck. Jetzt fühle ich mich auch genau wie meine Cousine um unseren Fang betrogen. Wenn so viele Fische aus dem Eimer gesprungen sein sollten, hätten wir längst auf einen draufgetreten sein müssen. Bis zum Wasser können sie es von hier aus auf keinen Fall geschafft haben. Völlig ratlos suchen wir den Umkreis des Eimers ab. Irgendwann riskieren wir einen Blick zu Isas älterem Bruder, den wieder nichts aus der Ruhe bringt.

Ein wenig spöttisch lächelnd steht er mit seiner Angel auf dem Steg. Als er bemerkt, dass wir seine Hilfe wünschen, denkt er gar nicht daran, genau wie wir im Gras nach Fischen zu suchen. Sein spöttisches Grinsen wird zu einem breiten Lachen: „Ich weiß, wer eure Fische hat!“ Jetzt sind wir völlig baff, der steht da und akzeptiert, dass uns die Fische geklaut werden! Der findet das scheinbar auch noch lustig! „Hendrik, wo sind die Fische!“ klefft ihn seine Schwester mit einer etwas gespielten Aggressivität an, wie man sie nur bei Geschwistern findet. Dass ihre Aufregung dabei keineswegs gespielt ist, sieht man deutlich in ihrem Gesicht und dem Beben ihres Brustkorbs.

Hendrik sieht in seiner Ruhe regelrecht überlegen aus, was eigentlich gar nicht seine Art ist. Es scheint ihm auch nicht so richtig zu behagen, denn anstatt seine augenscheinliche Überlegenheit weiter auszukosten, deutet er mit den Augen auf eine Stelle unter den Erlen, wo wir gerade noch zwei grüne Smaragde erkennen können, bevor sie wie an unsichtbaren Fäden etwas Silbernes davontragen, einen Fisch!

 

Wie vom Donner gerührt stehen wir da, die Wut und das Gefühl, bestohlen worden zu sein, weicht. Und mein Cousin wirkt gar nicht mehr überheblich als er fragt: „Habt ihr die wirklich nicht gesehen? Nicht mal gehört, wie die geschmatzt hat?“ Die letzten Brocken meiner Wut – und Betrogenheitsstarre sind durch Hendriks versöhnliche Worte vollständig von mir abgefallen und ich erinnere mich schwach, gestern Abend in Tante Gertruds Kartoffelbeet eine kleine schwarze Katze gesehen zu haben. „Ich bin die kleine Schwarze…“ schienen ihre Pfoten als Botschaft in den Boden zu tupfen. Schwupp, da hat sie eine Maus gefangen und ist damit lautlos verschwunden.

Onkel Achim kommt dazu „Habt ihr das Mohrchen gesehen? Die ist ja süß! Aber passt auf, dass die euch nicht die Fische klaut,“ sagt er mit einem unbeschwert glücklichen Lächeln, das man wirklich nur sehr selten bei ihm zu sehen bekommt. Aufgeregt reden wir alle durcheinander, dass Mohrchen so süß ist, dass wir sie eigentlich schon längst hätten bemerken müssen und dass sie uns bereits 4 Fische stibitzt hat, wobei man unseren Gesichtern die Freude über Mohrchens Diebstahl ansieht. Wenn wir die Fische für eine kleine frei lebende Katze geangelt haben, sind wir glücklich.

 

Wir beschließen, die restlichen Fische für Garfield und Pine zurecht zu machen und während Isa und Hendrik jeweils mit einem Fisch beschäftigt sind, räume ich die Angeln ein. Als Hendrik, der wie ein Profi die Fische seziert, einen Zweiten holen will, stellt er mit einem hintergündigen Grinsen im Gesicht fest, dass der Eimer leer ist.

Tante Gertud ruft zum Mittagessen und wir fühlen uns wie kleine Partisanen, die einem einzelnen Untergrundkämpfer das Überleben erleichtern.

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  • 1 Monat später...

Das ist gut zu lesen, finde ich.

 

Eine Anmerkung: Da es Belletristik ist, solltest du die Zahlen in Worten statt in Ziffern wiedergeben.

"zwei Apfelbäume", "zehn Fische", "vier Fische" usw. Soll ja kein Sachtext um Obstgärten und Fischfangstatistik sein. 😉


Überarbeitet: von Oilenspiegel

Ergänzung
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Hallo Oilenspiegel,

 

Danke für den Hinweis mit den Zahlen, ich bin ja im Grunde genommen sehr lese - und schreibfaul, da kommt mir das mit den Zahlen irgendwie praktischer und unkompliziert vor. Dass man in literarischen Texten Zahlen als Wort schreibt, könnte ich schon Mal gehört haben, fand es jedoch nicht so wichtig, jedenfalls nicht wichtiger als das Kopfkino, welches beim Lesen / Schreiben entsteht.

 

Am 12.7.2021 um 08:07 schrieb Oilenspiegel:

Das ist gut zu lesen, finde ich

 

Dankeschön :)

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