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Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt.


Empfohlene Beiträge

BOTHO STRAUß, Paare, Passanten S.53: 

 

Es schafft ein tiefes Zuhaus und ein tiefes Exil, da in der Sprache zu sein.


 Daß ihm der Text nicht die einzige Flamme ist, in der alles übrige verlangende Gesträuch auflodernd verginge, wird ihm oft genug zur strengen Qual. Er will Text sein und weiter nichts. Er schämt sich jeder anderwärtigen Sehnsucht. Und welch ein Baumeln über dem Abgrund, wenn er nur saumselig, ermattet und bitter am Text ist! Die Störung ist nicht, daß man schlecht schreibt, sondern daß man das Schreiben für etwas Schlechtes hält.


 Man schreibt nicht über etwas, man schreibt es; man liebt nicht jemanden, man liebt sie (die Liebe). Die Liebesbegegnung mit ihrem Strahlkranz der Rücksucht, mit ihrem Mythos von der wiedereingeschmolzenen Persönlichkeitsmasse. Das Schreiben deutet die Sachlage des Fehlens. Alles fehlt, wo der Buchstabe ist. Die entschwundenen Dinge, den entschwundenen Leib zu begehren ist die ursprüngliche Erotik der menschlichen Sprache, die nur über Sinn und Symbol Verständigung schafft statt durch unmittelbare Reizauslöser (wobei freilich unser Rufen und Sprechen unterschwellig auch dem Verhaltensmuster gehorcht, das dem der Singvögel gleicht, wenn sie ihr Revier abstecken und untereinander ständig in Stimmfühlung bleiben).


 Das Zeichen selbst hat auch eine Physis, die Schrift ist auch Zeichnung, ist – halbwegs, verschrumpelt – ein Ding, schmaler Aufstrich, ein Hauch von Materie, Schmuck und Sekret.


 Das Mal allen Schriebs hat jeder.


 Das geknüllte in uns, des Nachts dehnt es sich, das verworfene Blatt mit einer verkehrten Anfangszeile.


 Octavio Paz: »Der Schriftsteller spricht nicht vom Nationalpalast, vom Volksgerichtshof oder von den Büros der Zentralkomitees aus; er spricht nicht im Namen der Nation, der Arbeiterklasse, der Parteien. Er spricht nichteinmal im Namen seiner selbst: das erste, was ein wahrhaftiger Schriftsteller tut, ist, an seiner eigenen Existenz zu zweifeln. Literatur beginnt, wenn einer sich fragt: wer spricht in mir, wenn ich spreche?«


 Und Valéry sagt: »Anonymität wäre die paradoxe Bedingung, die ein Tyrann des Geistes der literarischen Kunst auferlegen sollte. ›Letzten Endes‹, könnte er sagen, ›hat man in sich selbst keinen Namen. In seinem eigenen Innern ist keiner Der und Der.«


 Man schreibt einzig im Auftrag der Literatur. Man schreibt unter Aufsicht alles bisher Geschriebenen. Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt.

 

Botho Strauss, Paare Passanten, S. 53
 

 

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vor 4 Stunden schrieb Dionysos von Enno:

Man schreibt aber doch auch, um sich nach und nach eine geistige Heimat zu schaffen, wo man eine natürliche nicht mehr besitzt.

 

wo man eine natürliche nicht mehr besitzt, weiß man, dass der Rückzugsort, der Hafen, das geschriebene Wort genau dieser, seine geistige Heimat für einen selbst bleibt und ist. Man sucht und man findet, ist überrascht, was man kündet. Am Ende entsteht daraus ein Gedicht. Alles Hören und Sehen, das eigene Verstehen in Worten dann mündet und doch fragt man sich, wer da aus einem spricht?

Der Schreiber will berühren, zum Nachdenken verführen, etwas hinterlassen, ob in Text oder Gedicht. Ein sich in Worte fassen, das öffnet ihm Türen, lässt ihn Suchen, Erspüren und führt ihn am Ende zu der Heimat in sich.

Er bettet sich ein, in all seinem Schreiben, denn das macht ihn aus. So schafft er sich mit der Zeit, etwas was bleibt und im Geiste sein eignes Heim und Zuhaus.

Dazu benutzt er die Sprache, macht sie zu seiner Sache, schreibt alles Erlebte aus der Erinnerung heraus; er macht sich öffentlich, schreibt in Grunde für sich. So gehen ihm die Worte als Ventil niemals aus.

 

Lieben Gruß an Dich, Dionysos, und danke für die Anregung durch Deine sehr ansprechende und ausdrucksstarke Vorgabe. Ich kann hier zustimmen und denke, dass das Schreiben ein wesentlicher Teil von einem selbst und die eigene Form des Ausdrucks und der Verarbeitung ist. Sicher ist man dem Anspruch des Geschriebenen verpflichtet, sollte sich aber stets selbst treu bleiben.

 

Darkjuls

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vor 11 Stunden schrieb Darkjuls:

wo man eine natürliche nicht mehr besitzt, weiß man, dass der Rückzugsort, der Hafen, das geschriebene Wort genau dieser, seine geistige Heimat für einen selbst bleibt und ist. Man sucht und man findet, ist überrascht, was man kündet. Am Ende entsteht daraus ein Gedicht. Alles Hören und Sehen, das eigene Verstehen in Worten dann mündet und doch fragt man sich, wer da aus einem spricht?

Der Schreiber will berühren, zum Nachdenken verführen, etwas hinterlassen, ob in Text oder Gedicht. Ein sich in Worte fassen, das öffnet ihm Türen, lässt ihn Suchen, Erspüren und führt ihn am Ende zu der Heimat in sich.

Er bettet sich ein, in all seinem Schreiben, denn das macht ihn aus. So schafft er sich mit der Zeit, etwas was bleibt und im Geiste sein eignes Heim und Zuhaus.

Dazu benutzt er die Sprache, macht sie zu seiner Sache, schreibt alles Erlebte aus der Erinnerung heraus; er macht sich öffentlich, schreibt in Grunde für sich. So gehen ihm die Worte als Ventil niemals aus.

 

Lieben Gruß an Dich, Dionysos, und danke für die Anregung durch Deine sehr ansprechende und ausdrucksstarke Vorgabe. Ich kann hier zustimmen und denke, dass das Schreiben ein wesentlicher Teil von einem selbst und die eigene Form des Ausdrucks und der Verarbeitung ist. Sicher ist man dem Anspruch des Geschriebenen verpflichtet, sollte sich aber stets selbst treu bleiben.

 

Darkjuls

 

Wow Juls... vielen Dank für Dein Feedback. Da würde sich der alte Botho Strauß aber vor Freude im Grab herumdrehen.. wobei.. er ist ja noch gar nicht tot .. dann dreht er sich halt einfach so... Wirklich sehr schön geschrieben ! 

 

mes compliments

 

D. 

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