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Vermissen


Almgandi

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Vermissen

 

„Würdest du mich vermissen wenn ich jetzt tot wäre?“, fragte sie, mit Tränen in den Augen.

Er starrte sie an.

Hatte sie das gerade eben wirklich gefragt? Hatte sie wirklich wissen wollen ob er sie vermissen würde wenn sie jetzt einfach sterben würde?

Ja! Ja, sie hatte ihm gerade genau diese Frage gestellt.

Er hatte sie deutlich verstanden und wollte schon antworten als er plötzlich wieder inne hielt.

Denn was sollte er denn jetzt antworten? Es würde wohl kaum ausreichen jetzt einfach zu sagen: „Ja natürlich würde ich dich vermissen wenn du jetzt sterben würdest.“, und es darauf beruhen lassen und hoffen, dass die Sache damit erledigt sei.

Denn wenn es so einfach wäre, dann stände sie jetzt nicht hier oben auf der Brücke am Geländer. Dann würden sie jetzt ganz gemütlich irgendwo zu Hause oder auf einer Party sitzen und eine nette kleine Unterhaltung führen.

Aber dem war nun mal nicht so also musste er sich auch eine andere antwort überlegen. Etwas persönlicheres, etwas das mehr philosophisch klang.

Doch wie bitte sollte sich das denn anhören?

Er war noch nie sonderlich gut darin gewesen tiefgründige antworten aus dem Stehgreif parat zu haben. Sicher, zu Hause an seinem PC, da konnte er sich die Antworten immer schön zurecht legen, wenn im Chatroom mal wieder jemand mit seinem Problemen um sich warf.

Da hatte er Zeit an einer Antwort zu feilen, bis sie passte.

Doch das hier war kein Chatroom. Das war die bittere Realität und er wusste, dass er nach einer falschen Antwort kaum noch eine Chance bekam seinen Fehler wieder gut zu machen.

Da stand er nun also abends um 22.00 Uhr auf der Brücke und überlegte wie er sie am besten davon abhalten könnte etwas dummes zu machen.

Und dabei kannte er sie doch kaum. Das erste mal war er ihr vor einigen Wochen auf einem kleinen Konzert getroffen. Zuerst hatten sie nur mit ein paar anderen Leuten zusammen gesessen ein bisschen geredet und etwas getrunken. Doch im Laufe des Abends hatten sie (hauptsächlich Sie allein) immer mehr getrunken, sodass es ihr am irgendwann nicht mehr sonderlich gut ging.

Er dachte schon das wäre das Ende des Abends, zumindest für sie. Doch nach einiger Zeit hatte sich ihr Zustand wieder deutlich gebessert (was wohl auch daran gelegen haben mag, dass sie sich übergeben hatte). Zur weiteren „Ausnüchterung“ hatte es sie dann schließlich auf seinen Schoß getrieben. So kam es dann wie es kommen musste sie beide waren sich näher gekommen und vor der Bühne hatten sie sich geküsst.

Es war ihm vorgekommen wie das Paradies auf Erden so im Regen vor der Bühne zu stehen mit ihr im Arm und an nichts anderes denken zu müssen, als an den nächsten Kuss.

Doch irgendwann war auch diese Party vorbei und es war an der Zeit sich auf den nach Hause Weg zu machen. Sie schlief die Nacht bei einer Freundin im Dorf und er musste ein paar Dörfer weiter nach Hause. Zum Abschied gab es erneut einen Kuss und dann ging sie ins Haus und er zum Auto.

Seitdem hatte er sie nur noch einmal kurz gesehen doch außer einer kurzen Umarmung zur Begrüßung und zum Abschied geschah nichts.

Und jetzt hatte er sie hier mitten auf der Brücke getroffen und die hatte ihm plötzlich diese Frage gestellt.

Doch auf einmal fiel ihm etwas ein: Er hatte vor einigen Tagen im Intern et einen Spruch gelesen. Es ging darum, dass ein Mädchen einen Jungen fragte ob er weinen würde wenn sie jetzt ginge. Er antwortete „Nein.“ Und sie ging ohne zu wissen, dass er sterben würde wenn sie jetzt ginge.

Der Spruch war noch etwas länger gewesen aber vom Inhalt her war es immer das gleiche.

Er hatte den Spruch nicht sonderlich gemocht und für etwas übertrieben gehalten, doch plötzlich erschien er ihm gar nicht mehr übertrieben.

Plötzlich verstand er ziemlich genau was mit diesem Spruch gemeint war und endlich wusste er auch was er ihr antworten konnte.

„Ja ich würde dich vermissen! Doch nicht so wie ein Fisch das Wasser vermisst, wenn er aus dem Meer gezogen wird. Und auch nicht so wie ein Taucher den Sauerstoff vermisst wenn seine Flasche leer ist. Denn diese beiden wissen genau, dass sie gleich sterben werden. Sie wissen es und können gar nichts mehr dagegen tun. Sie schließen mit ihrem Leben ab, sterben und sind dann frei von allem Problemen. Sie spüren keinen Schmerz mehr. Für sie ist es dann einfach vorbei.

Aber wenn du jetzt tot wärest, dann wäre ich immer noch hier. Ich würde weiter fühlen, meine Probleme wäre alle noch da. Ich müsste jeden Tag durch das Leben ziehen und würde jeden Tag aufs neue die Qual erleiden, dass du nicht mehr da bist. Mit der Zeit würde der Schmerz zwar abnehmen, aber er würde nie ganz verschwinden. Er würde genau solange bleiben wie auch ich hier bleibe.“

Nun war sie es, die ihn anstarrte.

„Wieso erzählst du mir das alles?“, fragte sie. „Wieso sagst du nicht einfach „Ja“ wie alle anderen und gehst dann weg und lässt mich alleine?“

„Weil ich nicht sein will wie alle anderen. Ich weiß nicht warum du heute Abend hier stehst. Ich weiß nicht was du erlebt und durchgemacht hast, um so weit gehen zu wollen. Ich weiß auch nicht was alle anderen auf deine Frage geantwortet haben oder hätten. Alles was ich weiß ist, dass ich jedes Wort so gemeint habe, wie ich es gesagt habe.

Du bist für mich etwas ganz besonderes. Seit diesem Konzert ist kein einziger Tag vergangen an dem ich nicht an dich gedacht habe. Es ist kaum eine Nacht vergangen in der ich nicht in irgendeiner Weise von dir geträumt habe. Du verfolgst mich und ich lasse mich liebend gern von dir verfolgen.

Der Kuss an diesem Abend war mein aller erster und seitdem gehst du nicht mehr aus meinem Kopf raus.

Und darum traf es mich wie ein Blitz als ich dann kurz darauf erfuhr, dass du einen Freund hast beziehungsweise hattest. Aber trotzdem bliebst du in meinem Kopf.

Ich weiß, dass es auch meine Schuld ist. Ich habe nicht mit dir geredet, habe dir nichts von meine Gefühlen erzählt, aber sie sind trotzdem da und wachsen jeden Tag.

Ich kann und will dich einfach nicht verlieren!“

 

 

08.12.2008 Yannik P.

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