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Der unsichtbare Krieg


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In der Schule bin ich ein guter Schüler und werde geachtet. Jedoch fühle ich mich allein und anders und kann deshalb niemanden meinen Freund nennen. Selbst daheim, in der Familie, beim Spielen mit meinen Schwestern oder anderen Kindern fühle ich große Distanz.

 

Die einzige Ausnahme ist Gabi! Mit ihr ist für mich alles anders. Ich fühle mich mit ihr verbunden, ich bin ihr innerlich nahe, sie ist die Vertraute meines Herzens. Sie erreicht meine tief im Innern verborgene Seele, lässt mein Herz lebendig werden und schenkt mir ein menschliches Leben. Mit ihr kann ich abtauchen in eine Welt, in der Phantasie und Leben fließen und wir einfach wir selbst sein können.

 

Eines Tages spielen wir bei uns zu Hause Familie. Wir liegen auf einem Bett und plötzlich, scheinbar ohne einen Grund, gebe ich ihr immer wieder Küsschen auf ihr Gesicht. Ist das Spiel oder reales Leben? Auch wenn die Situation aus dem Spiel entsteht, fühlt sie sich doch mehr nach dem an, was hier als die Realität verstanden wird. Da ist etwas neues, was sich aus meinem Innern ankündigt. Und wie Jungs in der Menschenwelt das so machen, überspielte ich die Situation mit einem Scherz, um nicht in Gabis oder meiner überraschten Verwirrung stecken zu bleiben.

 

Auch wenn wir uns nur an den Wochenenden oder in den Ferien sehen können ist unsere Freundschaft so tief und außergewöhnlich und nimmt sie so viel Platz im Inneren ein, dass scheinbar kein Einfluss von Außen die Verbindung zerstören könnte. Für mich zählt das Innere, dort ist das echte Leben, all das Gehabe und Getue der Menschen ist für mich nur ein großes Schauspiel. Und weil Gabi so mühelos mein Inneres erreicht, ist es für mich nicht anders vorstellbar, als dass sie es genau so wahrnimmt. Unsere Freundschaft ist ein wahrer Reichtum den wir fühlen und leben, auch wenn wir noch Kinder sind und unbedarft im Hier und Jetzt spielen, ohne Gedanken an Gestern oder Morgen. Keiner von uns ahnt, dass unsere Freundschaft vor einem jähen Ende steht, dass die Welt der Menschen Wege finden wird, um unsere innere Verbindung schmerzvoll und unwiderruflich zu trennen.

 

Einige Monate sind vergangen. Wir spielen am Feld Fangen, als Gabi mit dem Fuß in einer Furche umknickt. Ihr Fuß ist so stark verstaucht, dass sie nur mit meiner Hilfe nach Hause humpeln kann. Dort wirft mir ihre Oma vor, Schuld an der Verletzung zu sein und behauptet sogar, sie vorsätzlich geschubst zu haben und eine schlimme Verletzung in Kauf genommen zu haben. Gabi und ich stehen fassungslos da und können es nicht glauben, wie auf einmal eine richtig unangenehme Atmosphäre entsteht. Verwirrt und traurig gehe ich rüber in mein Elternhaus und hänge den Rest des Tages mit meinen Gedanken an Gabi allein zu Hause herum. Ich bin sicher, die feindselige Stimmung wird sich legen und morgen werde ich wieder nach meiner Freundin sehen.

 

Als ich mich am nächsten Tag auf den Weg zum Nachbarhaus machen will, hält meine Mutter mich mit einem Anflug von Unverständnis und Missgunst zurück. „Was willst du denn da drüben? Da kommt doch nichts Gutes bei raus!“ Und wirklich, der dauerhaft schwelende Streit zwischen meiner Mutter und Gabis Oma, erlebt einen Höhepunkt. Dass Gabi sich beim Spielen mit mir verletzt hat, nehmen sie zum Anlass um ihre Geltungssucht und fehlendes Innenleben ins Außen zu tragen. Die beiden Frauen verteidigen scheinbar ihre Schutzbefohlenen, aber in Wirklichkeit leben sie nur ihre nie richtig ausgesprochenen Zwistigkeiten mit haltlosen und absurden Anschuldigungen aus. Gabis und meine zu tiefst empfunden Freundschaft wird diese Bewährungsprobe nicht überstehen.

 

Einige Wochen später ist unsere Freundschaft zerbrochen und meine Mutter steht mir gegenüber und sagt: „Das ist doch nur gut für dich!“ Dieser Moment fühlt sich für mich so an, als hätte sie mir mit voller Kraft eine Bratpfanne einmal links und rechts durchs Gesicht gezogen. Wie einfach es doch ist Gefühle zu vernichten! Was tief in Gabis und meinem Innenleben ablief, war noch nicht dafür bestimmt, in dieser Welt zu überleben. Jeder von uns wird von nun an sein eigenes Leben führen. Gabi wird eine normale Frau, die in der Welt der Menschen ein zu Hause hat. Und ich? Ich muss meinen emotionalen Menschenkern ganz tief in mir wegschließen, um nicht an dem Schmerz zu Grunde zu gehen.

 

Als Zwölfjähriger erlebe ich fassungslos das traumatische Ende einer so wunderbaren Kinderfreundschaft, ohne irgendetwas tun zu können. Der Streit der Erwachsenen bestimmt das Geschehen in dieser Welt und mit diesem Wissen kann ich meiner Mutter nicht einmal böse sein. Sie hat für ihre Sache gekämpft, die ebenso zänkische Nachbarin herausgefordert und scheinbar fühlen sich beide als Sieger. Ich erkenne, dass meine Mutter, die immer vorgegeben hat für mich da zu sein, in Wirklichkeit nur für sich selbst da ist. Ich bin für sie nur ein Teil der Außenwelt, welcher genutzt wird, um sich den Anderen gegenüber darzustellen.

 

Durch Gabi war es mir möglich, einen emotionalen, menschlichen Kern zu entwickeln, der mir für kurze Zeit ein zu Hause in dieser Menschenwelt sein sollte. Aber die Außenwelt hat so heftig auf diesen zarten, jungen Kern eingeschlagen, dass er in die dunkelste, entfernteste, unzugänglichste Nische meines Bewusstseins vertrieben wurde. Noch bevor mein menschliches Leben richtig beginnen kann, ist es auch schon zerstört.

 

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