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Vergänglichkeit (Kanzone)


Ostseemoewe

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Vergänglichkeit (Kanzone)

 

Der Herbst verspricht so viele warme Stunden.
Mit seinen roten Sonnenuntergängen
gelobt die Zeit, das Glück nun abzurunden.
Die See - ein Spiegel, dicht an Felsenhängen
beschwört den Morgen, Milde zu bekunden.
Zur Feier glatt und leicht und ohne  Drängen.

Ins Spiel der Farben mischen kalt sich Winde,
ein Frösteln, kahl gefegt sind Wein und Linde.
Ein Hauch von Winter liegt in dieser Weile,
bedeckt die Landschaft - nichts ist mehr in Eile.

Ein Quäntchen Kälte spüren alle Wesen
und viele legen träumend sich ins Nest.
Die Menschen denken, -endlich Zeit zum Lesen.
Für viele wird der Herbsttag so zum Fest.
Und manch Geschöpf ist schlafend schon genesen,
verpasst den Sturm, der pfiff aus Nord und West.

Die Nebelschwaden fallen, steigen, fliehen,
mit ihnen wilde Gänse südwärts ziehen.
Erholen sich und sammeln ihre Kräfte,
für ihre ausgeprägten Staatsgeschäfte.

Gespenstisch dunkel scheinen diese Tage,
verwaist das Nest und still ist mein Zuhause.
Das Krähenkrächzen dröhnt wie eine Klage
und nichts erinnert an das Festgeschmause.
Geflüchtet scheint die letzte Sommersage
und dunkle Wolken ziehen ohne Pause.

Betritt der Todesengel unsre Kammer,
versteht er unsre Not und das Gejammer?
Auf feuchtem Rasen liegt ein blasser Schimmer,
ist es des Augenblickes Sterbezimmer?
© Ilona Pagel 

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Hallo Ilona, 

 

ich musste als erstes nachgoogeln was Kalzone bedeutet. Gleich danach hab ich nochmal nachgegoogelt, was Kanzone bedeutet. Jetzt bin ich gleich zwei Mal schlauer. Ich lerne doch ab und zu dazu. 

 

Dein Gedicht ist ein Abgesang und Lobeshymne zugleich. Ich finde es sehr interessant wie du die gemischten Stimmungen zu dieser Jahreszeit mit den Sätzen ineinander verflechtest. Bei den Gänsen mit ihren Staatsgeschäften hab ich leicht geschmunzelt. Der letzte Absatz gemahnt an unseren menschlichen Winter. Für ein Herbstgedicht etwas zu viel, aber doch, es passt aber dennoch irgendwie ganz gut. Schon allein wegen dem Titel. 

Hätte auch gut in die Kategorie Melancholisches gepasst. 

 

Ich freu mich auf den Herbst. Der Geruch nasser Blätter, reichlich Pilze sammeln im Wald, die bunten Bäume, das einleiten der Winterzeit. Und für mich sehr persönlich: Viele gute Erinnerungen zu diesen Zeiten. Schwermut kann so schön sein.

 

Sehr gern gelesen und spaziert durch deinen Herbstwald. 

 

LG JC

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Liebe Ilona, 

 

sehr anspruchsvoll gedichtet, Dein Kanzone über den Herbst.

 

Es ziehen wohlbeschriebene Bilder am Leser vorbei.

Das Ende ist überraschend düster.

Damit triffst Du aber genau meine Herbstassoziationen,

denn ich traure, von manchen magischen Herbstmomenten abgesehen,

überwiegend dem warmen und heiteren Sommer nach.

 

Liebe Grüße von Georg

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Lieber @Tobuma ich bedanke mich herzlich für das Lob und freue mich sehr.

Lieber @Joshua Coan ich danke für die Beschäftigung mit der Kanzone und freue mich wenn sie gefällt. Ja die Kanzonen sind berüchtigt für Melancholie und Trauergesänge. Ich wollte beim Auszeyten aber nicht gleich übertreiben. Lieber @Georg C. Peter und du sprichst gerade aus was ich empfinde. Ich mag das Bunte, aber ich hasse kalte Füße. Danke für dein Lob.

Lieber @Carlosum Gottes Willen.  Ich möchte auf keinen Fall abheben. Hoffe du holst mich rechtzeitig auf den Boden zurück.  Wenn es geht, aber setze mich an ein warmes Plätzchen. 

Liebe Grüße Ilona 

 

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Moin @Ostseemoewe,

 

spannend! Kanzonen sieht man nun nicht so oft und hier ist auch erkennbar, woran das liegt. 
Das ist schon aufwändig, so eine Kanzonenstrophe formal umzusetzen. 
Wenn ich mich recht erinnere, besteht eine Kanzonenstrophe immer aus 3 Stollen.
Hier bei dir sind die ersten beiden Stollen jeweils mit 3 Versen versehen, während der dritte Stollen 4 Verse hat.
So soll das mWn sein, der letzte Stollen ist als Abgesang immer länger als ein einzelner Stollen.

Metrisch sollen alle Stollen identisch sein. 
Bei dir finden wir einen 5-hebigen Jambus mit teilweise weiblichen Kadenzen.
Das passt auch ganz wunderbar zur Kanzone, die soll ja wie die Ballade gerne dramatischer sein.

Reimlich sollen nur die ersten beiden Stollen gleich sein, hier ein dreifacher Kreuzreim.
Der dritte Stollen unterscheidet sich im Reimschema, hier bei dir durch den Paarreim gelöst.

 

Formal gibt es also, soweit ich das als Kanzonen-Unwissender beurteilen kann, keine Beanstandung, das hast du sehr clean umgesetzt. Chaepau!
 

Ich schaue hier auch noch einmal auf die inhaltliche und sprachliche Ebene
Da sind mir tatsächlich ein paar Kleinigkeiten aufgefallen:

 

Am 22.9.2022 um 11:55 schrieb Ostseemoewe:

Der Herbst verspricht so viele warme Stunden.
Mit seinen roten Sonnenuntergängen
gelobt die Zeit, das Glück nun abzurunden.
Die See - ein Spiegel, dicht an Felsenhängen
beschwört den Morgen, Milde zu bekunden.
Zur Feier glatt und leicht und ohne drängen.

Ins Spiel der Farben mischen kalt sich Winde,
ein Frösteln, kahl gefegt sind Wein und Linde.
Ein Hauch von Winter liegt in dieser Weile,
bedeckt die Landschaft - nichts ist mehr in Eile.

Mir gefällt der Einstieg, hier wird direkt ein Betrug durch den Herbst suggeriert. Denn natürlich ist er ganz und gar nicht warm. Er täuscht uns bloß mit seinem Farbenspiel.
Nachdem wir eben noch beim Sonnenuntergang waren, sind wir daraufhin beim anbrechenden Tag, noch verhält sich der Herbst ruhig und trübt kein Wässerchen.
Das "Drängen" müsste an der Stelle übrigens groß geschrieben werden.

 

Im Abgesang holst du mich mit dem ersten Vers natürlich ab - ich denke direkt an "Das Farbenspiel des Winds", mein Lieblings-Disney-Song^^ 
Nun wird auch die Wahrheit über den Betrüger Herbst klar, er ist kalt, und eisig, und winterlich.
Die direkte Erwähnung von Wein und Linde lässt mich fragen, ob darin eine tiefere Bedeutung steckt. 
Eine kurze Google-Recherche ergibt, dass beide tatsächlich für Frieden stehen, interessant? 
Da sie nun kahl gefegt sind, ist es um den Frieden wohl nicht so gut bestellt und wir müssen uns auf....stürmische Zeiten einstellen.
(Ausblick: In der nächsten Kanzonenstrophe geht es aber gar nicht so unfriedlich zu, wie ich nach meiner Google-Interpretation von kahlem Wein und Linde geglaubt hätte - da drängt sich mir fast auf, dass "Linde" eher dem Reim geschuldet ist. Ich freue mich daher über deine inhaltlichen Beweggründe, warum gerade Wein und Linde an der Stelle wichtig sind^^)


Der letzte Vers ist schön, mir gefällt auch die Zäsur in der Mitte, da so auch das Lesen stockt, was die "Uneile" unterstreicht. 

 

Am 22.9.2022 um 11:55 schrieb Ostseemoewe:

Ein Quäntchen Kälte spüren alle Wesen
und viele legen träumend sich ins Nest.
Die Menschen denken, -endlich Zeit zum Lesen.
Für viele wird der Herbsttag so zum Fest.
Und manch Geschöpf ist schlafend schon genesen,
verpasst den Sturm, der pfiff aus Nord und West.

Die Nebelschwaden fallen, steigen, fliehen,
mit ihnen wilde Gänse südwärts ziehen.
Erholen sich und sammeln ihre Kräfte,
für ihre ausgeprägten Staatsgeschäfte.

Das Quäntchen finde ich als Wort vom Duktus nicht so passend, klingt unnötig wissenschaftlich. 
Außerdem finde ich das auch inhaltlich nicht korrekt. Du hattest im vorigen Abgesang, die Kälte doch sehr ausführlich beschrieben. Das geht für mich nicht mit einem Quäntchen einher. 
Weiter geht es mit mollig warmen Nest- und Lesesesselgedanken, die sind alle soweit in Ordnung. 
Etwas Reimzwang vermute ich bei "Nord und West": Den Nordwind als bekanntlich kalten Wind kann ich natürlich inhaltlich gut nachvollziehen. Warum da jetzt aber der Westwind - der diesen Eindruck sogar wieder schwächt - inhaltlich wichtig und sinnvoll ist, kann ich nicht herauslesen^^
Im Abgesang mag ich deinen klimaktischen Wechsel vom Fallen, Steigen und Fliehen. Das unterstreicht den wabernden Charakter der Nebelschwaden 🙂 

Der Satz danach ist leider umso unschöner - der ist tatsächlich auch mein größter Kritikpunkt an deinem sonst wunderbaren Text. 
"mit ihnen wilde Gänse südwärts ziehen" ist leider ganz schrecklich invertiert und ich bin mir sehr sicher, das hättest du spielend verhindern können.

 

Die ausgeprägten Staatsgeschäfte sind mir ein Rätsel - ich denke da vordergründig ans Regieren. Ja, sie regieren die Lüfte bei ihrem Flug. Aber das ist doch ein recht fernes Sprachbild hierbei^^
Es stört mich aber auch nicht massiv und sehe nehme ich das als ulkige Umschreibung hin - vielleicht auch politsatirisch für unsere Politikszene, die oft auch nicht mehr tut als wie Gänse zu schnattern.

 

Am 22.9.2022 um 11:55 schrieb Ostseemoewe:

Gespenstisch dunkel scheinen diese Tage,
verwaist das Nest und still ist mein Zuhause.
Das Krähenkrächsen dröhnt wie eine Klage
und nichts erinnert an das Festgeschmause.
Geflüchtet scheint die letzte Sommersage
und dunkle Wolken ziehen ohne Pause.

Betritt der Todesengel unsre Kammer,
versteht er unsre Not und das Gejammer?
Auf feuchtem Rasen liegt ein blasser Schimmer,
ist es des Augenblickes Sterbezimmer?

Ich gestehe gleich vorweg: 
Ich bin von dem Abschluss nicht der allergrößte Fan. Es wurde dann mit Todesengel und Gejammer doch SEHR jammervoll und dramatisch.
Rein inhaltlich geh ich - unter der Überschrift "Vergänglichkeit" aber gern mit, wenn der Herbst hier als Stellvertreter des Todes antritt. 
Hier haben wir nun auch den aus kahlem Wein und Linde herausinterpretierten Unfrieden - da war die mittlere Kanzonenstrophe wohl die Ruhe vor dem Sturm, wobei der mir doch etwas zu sehr abgeflacht ist.

Der "blasse Schimmer auf dem Rasen" ist bildlich aber sehr schön - für mich tatsächlich ein viel stärkerer Vers als der letzte, der im Genitiv mit zwei sehr langen Substantiven irgendwie eher umständlich daherkommt.

 

 

Insgesamt ist dein Text aber natürlich stark, da schließe ich mich den Vorrednern auf jeden Fall an. 
Ich habe hier nun auch tief gepickt, um die allerletzten Unstimmigkeiten nach oben zu befördern. 

 

Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel,

gern gelesen, 
LG Dali Lama

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Hallo @Dali Lama ich bedanke mich für dein Lob und die umfangreiche Kritik.  Sehr beeindruckend deine Arbeit. Ich hoffe, du verstehst, deine umfangreichen Fragen und kritischen Anmerkungen kann ich nicht und will ich nicht aus dem Ärmel schütteln. Ich werde es mir aber alles in Ruhe anschauen und dir eine Antwort schicken. 

Lieben Dank für die große Mühe 

Ilona

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Hallo Ostseemoewe!

 

Das liest sich wirklich rund meinem Empfinden nach.

 

In der Darstellung fühle ich mich hier und da durch die Zeichensetzung eher verwirrt denn geführt; aber das ist Kleinkram. Das "Krächsen" statt des gewöhnlichen / richtigen "Krächzen" war Absicht, nehme ich an?! Die "Staatgeschäfte" sind auch mir aufgefallen, weil sie eine Erwartung wecken, sozusagen eine Erklärung ankündigen; die dann aber nicht erfolgt. Bei "verpasst den Sturm ..." leuchtet mir die Gegenwartsform nicht recht ein?!

 

Eins vielleicht zum Vers:

 

Die Nebelschwaden fallen, steigen, fliehen,
mit ihnen wilde Gänse südwärts ziehen.

 

Das sind sehr eintönige, und eigentlich auch keine iambischen Verse mehr: Durch die fünf trochäischen Wörter wirken sie wie fünfhebige Trochäen mit Auftakt,

 

(x) X x, X x, X x, X x, X x.

 

Natürlich bringt das keinen Text in wirkliche Schwierigkeiten, aber ich denke schon, es lohnt, die Anzahl solcher Verse so klein wie möglich zu halten und vielleicht auch nicht unbedingt mehrere unmittelbar aufeinander folgen zu lassen, weil das den Eindruck ja notwendigerweise verstärkt. Als Vergleich:

 

Ins Spiel der Farben mischen kalt sich Winde,
ein Frösteln, kahl gefegt sind Wein und Linde.
Ein Hauch von Winter liegt in dieser Weile,
bedeckt die Landschaft - nichts ist mehr in Eile.

 

Da hast du vier abwechslungsreiche, als iambisch erfahrbare Verse gestaltet, die zu lesen wie zu hören den Leser aufmerksam folgen lässt; wirklich gelungen!

 

Gruß,

 

Ferdi

 

 

 

 

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hallo Ferdi

vielen Dan für Dein großes Lob und deinen ausführlichen Kommentar zu meinem Herbstgedicht.

Der Herbst und Winter bringt es auch mit sich, die Freizeitdichterin sitzt dann viel mehr in den 4 Wänden und kann ihren Gedanken freien lauf lassen.

Bitte habe Verständnis, dass du hier keine fertige Überarbeitung in wenigen Stunden findest.

Aber ich werde alle Hinweise gerne auf ihre Tauglichkeit für mein Gedicht prüfen. 

Ich freue mich immer auf neue Hinweise und Sichtweisen.

Liebe Grüße Ilona     

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