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Der edle Stein


der Dicke

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Ich stapfe müde durch den Wald,

mit schweren Schuh’n; es ist nicht kalt.

Trag‘ eine Hacke auf dem Rücken.

Bald, schon bald, muss ich mich bücken.

 

Am dunklen Eingang schalt‘ ich ein,

ein ängstlich Licht. Ist viel zu klein.

Ich atme tief und atme aus.

Dieser Schacht ist mir zuhaus‘.

 

Tag und Jahr geh ich hinein

und schlage auf die Wände ein.

Dort unten liegt im Fels vergraben,

ein edler Stein. Ich muss in haben.

 

Er hat Angst, ich hör‘ ihn rufen.

Ich hole aus, die Finger bluten.

Der Rücken schmerzt, die Arme sehr.

Die Augen seh’n kein Lichtlein mehr.

 

Es ist vorbei, ich muss hier raus.

Mit schwerem Herz schleich‘ ich nach haus‘.

Doch morgen früh, noch vor dem Tag,

komm ich zurück. Ich bleibe stark!

 

Mein lieber Freund, sei ganz in Ruh‘.

Nicht lange Zeit und dann bist du

befreit aus deinem kalten Sarg.

In meinen Händen wird dir warm.

 

Jetzt liege ich, zum Schlaf gebettet.

Es ist, als wär ich angekettet.

Nur im Kopf dreht sich ganz schnell,

ein grell strahlend Karusell.

 

Draußen dämmert’s, ich bin schon da.

Warte, Freund! Ich bin ganz nah.

Der blanke Stahl fliegt durch die Luft.

Der Felsen bricht, mein Liebling ruft.

 

Tausend Schläge sind getan.

Ich halte ein, der Körper lahmt.

Betrunken tanzt mein trüber Blick,

von Stein zu Stein, von Stück zu Stück.

 

Ein jedes ist im schwachen Schein

grau und schwarz. Ein jedes? Nein!

Dort im Geröll, es ist recht groß

und scheinbar. Doch, wie famos,

es ist nicht schwarz – ich seufze leis‘.

Grundgütiger! Milchig weiß!

 

Ich prüfe es und es scheint wahr.

Potz und Blitz und Gloria!

Die Freud bricht aus meiner Brust,

der Stollen ächzt, macht mir Verdruss.

 

Noch immer krumm, doch schnell und leicht,

eile ich ins Tagesreich.

Ich jubel laut und mach Getöse.

Kann den Blick vom Freund nicht lösen.

 

Alles rauscht, der Wald verschwimmt.

Kann kaum mehr stehen, bin fast blind.

Doch sieht am Rand mein Augenpaar

eine Gestalt, so fern, so nah.

 

Sie kriecht langsam in mein Sein,

wie eine Wurzel ins Gebein.

Erreicht mein Herz, erreicht mein Hirn;

fall in ein Loch hinter der Stirn.

 

Auf die Erde schlagen hart,

meine Knie‘, bin nicht mehr stark.

Ich vergaß in all den Jahren,

der Stein, er rief nicht meinen Namen.

 

Der feine Herr, der vor mir steht,

will meinen Freund, bevor er geht.

Und mein Liebling will ihn auch,

verlangt ihn unerträglich laut.

 

Ich händ‘ ihm aus mein Herz, mein Blut.

Und spüre nichts. Auch keine Wut.

Kraftlos sinke ich zusammen;

der Edelmann ist nicht gegangen.

 

Ohne mich recht anzuseh’n,

wirft mir ein Lämpchen auf den Weg.

Der Stoß lässt ihm das Glas zerspringen,

der Mann fängt fröhlich an zu singen.

 

Wünscht mir Glück und wird nun gehen.

Ich will ihn nie mehr wieder sehen.

Es schwind’t der Tag, die Luft wird kalt.

Kann nicht mehr aufsteh’n, bin sehr alt.

 

Jetzt liege ich, zum Tod gebettet.

Kein Freund mehr da, der mich errettet.

Vor meinem Schacht, der mir zuhaus‘,

fahren meine Kräfte aus.

 

Die Augen zu, kein Atmen mehr.

Loszulassen fällt nicht schwer.

In meinem letzten Augenblick,

wünsch‘ ich mir mein Licht zurück.

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