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Xenia


Mischa

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Seit ihrem schweren Unfall hatte ich nichts mehr von Xenia gehört.

Traurig und innerlich verschreckt ging ich in meinem Wohnprovisorium auf und ab.

Ich mochte nichts essen, das Gefühl war fast schlimmer, als die Monate des Schreckens während meiner Gefangenschaft in den Lagern der fanatischen „Zornigen Allianz“.

 

Was soll ich sagen, mir wurde von der „Zornigen Allianz“, die bekanntlich den „Aggressiven und Schönen Menschen“ züchtet, und für den „Krieg Aller gegen Alle in wissenschaftlich kontrollierten Bahnen“ eintritt, kein Sperma entnommen. Das wußte ich schon zum Zeitpunkt meiner Gefangennahme, was mir eher Angst machte. Monatelang machten sie Verhaltens-Experimente mit mir, nahmen Blutproben, überlegten, mich als Präparat zur Plastinierung für ihre Anatomie freizugeben, denn:

 

Ich wurde von der „Gewaffneten Amazonen-Mutterschaft“, dem zentralen Zuchtprojekt der Regierung der Allianz für „zu ruhig, zu wenig markant, zu soft und musisch“ befunden. Gleichwohl wurde ich Soldat unseres „Republikanischen Bündnisses für Erdbeglückung“, schon um meinen Eltern den Gefallen zu tun, in Zeiten großer Arbeitslosigkeit etwas ordentliches und gut beleumundetes zu tun. Sie mochten es nicht, daß ich Musik machte, und las.. „Das gab es in unserer Familie zuvor nicht!“ hatte Vater gesagt. Damals, lange her..

 

Jetzt war da Xenia, die ASE ZfSR Assistentin, in mein Leben gekommen, nun aber das..

 

Ich war traurig, denn ich fühlte mich mitschuldig, Xenia war sehr aufgeregt, als sie in den Vehiculator stieg, ihre Gedanken waren verwirrt, sie hatte zu viele Emotionen gehabt, und obgleich der Emo-Selektor alle Gefühle punkto der Gedankenübertragung auf das Gerät eigentlich hätte erkannt haben müssen, war ihr Vehiculator gegen eine Wand gerast.

 

Selbstmord? Oder ein Fehler der Programmierung, oder bloß ein Fehler der Hardware?

Sie hatte immer wieder versucht, an der Gedankensteuerung des Fahrzeuges den verplompten Emotional-Selektor auszutricksen, sie hatte das technische Wissen, sie suchte den Kitzel bei der Fahrt.

 

Als ich im Zuge eines Gefangenentauschs freikam, wurde ich in das Zentralinstitut für Seelische Regeneration (ZfSR) gesteckt, wo sie meine Betreuerin und Motivatorin wurde, so hatten wir uns kennengelernt. Bald besuchte sie mich immer öfter außerhalb der Sitzungen in meinem Wohnprovisorium, und ich begann zum ersten Mal in meinem gesamten Dasein, wirklich mein Leben zu genießen, hatte gesellschaftliche Anerkennung erworben, machte Pläne für meine Zukunft..

Bald konnte ich auch den Zahlencode für ihre Wohnwabe richtig sprechen, und sie den für mein Wohnprovisorium! Eine wunderbare Zeit begann.

 

Auf jeden Fall hatten wir viel Streit gehabt, ich fühlte mich auch manchmal sehr unwohl, dabei liebten wir uns wie zwei Verrückte, laut, heftig, wild..

 

Aber es gab eben zuviel gegenseitiges Konkurrieren, Besserwisserei, mit „Eifer suchten wir, was Leiden schafft“, wie es so heißt. Das machte uns beiden Sorgen.

 

Wir mochten auch den Alkohol, das sich berauschen, wir tranken ihn ab und zu. (Ich hatte durch die Armee so meine Verbindungen.) Aus Verzweiflung. Weil wir uns durch diese nüchterne Welt, die uns umgab, manchmal ganz ausgestorben fühlten. Es war ja verboten, den Alkohol zu trinken, wir taten es trotzdem.

 

Das ZfSR war Teil der ASE (Abteilung Seelische Ertüchtigung), die wieder eine Sub-Org des großen Konzerns MetaServantAwareness war, wo Xenia auch seit einiger Zeit im Labor für Human-Analogistik assistierte.

 

„Ich will, und wünsche mir von Dir, daß Du all diese Dinge nicht vergißt, über die wir auch berauscht zusammen besprochen haben..“ so hatte ich einen Brief an Xenia angefangen, er lag jetzt, vielleicht nutzlos geworden, auf meinen Wohnzimmertisch, ich hatte ihn, wie es heute unter jungen Leuten Mode ist, mit echter Tinte geschrieben, und mit einer Schreibfeder.. „es tut mir leid, daß ich ehemaligen Soldatenfamilien entstamme und so wenig Feingefühl in meiner Grunderziehung habe, weil mein Milieu diese Dinge verachtete und nicht kannte. Ich meine halt, zehn Tanzkurse würden heute keinen Kavalier mehr aus mir machen. Ich war nicht, ich weiß es, nett genug zu Dir. Ich kann nicht mit Frauen umgehen, ich fasse sie zu hart an, wenn sie zornig werden, vergesse, wie zart sie dabei empfinden. Das tut mir leid..

Es gibt da eben Dinge, die mir wichtig sind, über meine Person hinaus, und ich weiß immer noch nicht, wie man gewisse wichtige Dinge nicht nur Männern, sondern auch Frauen näherbringt, ohne sie damit zu vereinnahmen. Es geht mir ja nicht etwa um Philosophie, sondern um das Leben selbst... Es ist mir immer peinlich, gegen meine Gefühle zu handeln, -was ich als lügen empfinde-, mich zu prostituieren, was mir aber als der einzige Schlüssel zu gesellschaftlichem Erfolg erscheint. Das geschmeidige Sich Zur Verfügung stellen, Du weißt schon. Ich glaube nicht daran, daß unsere Liebesgefühle hormonelles Geschehen sind und den Signalements im Zwischenhirn, von wo aus diese Drüsen gesteuert werden, allein unterliegen.

 

Wenn ich jemandem die Hände abhacke, so kann er nicht mehr streicheln. Und wenn ich jemandem das hormonelle Geschehen blockiere, so kann er auch nicht mehr seine Liebe ausleben. Wenn ich aber jemandem Stromstöße appliziere, so zuckt er zusammen. Aber ich erzeuge dann ja nicht den Wunsch in ihm, sich nun ruckartig zu bewegen. Schlage ich auf den Tisch, wo ein Frosch sitzt, so springt der Frosch fort. Hacke ich ihm die Beine ab, springt er nicht mehr vom Tisch, wenn ich daraufhaue. Hört jetzt der Frosch mit den Beinen?“ Darüber hatten wir gestritten, als Xenia rasch noch einmal ins Labor mußte...

 

„Daß ich dich liebe, und nur Dich allein, kommt aus meinem Unbewußten heraus, nicht aus bewußter Entscheidung, ich kann es nicht beeinflussen, nicht zurückverfolgen. Es endet in einem rein biochemisch und biophysikalischen Geschehen, da wette ich..!“ stampfte sie mit dem Fuß auf, „...akzeptiere doch, daß du über dich nicht alles bewußt wissen kannst..“

„Du verstehst mich vollkommen falsch, zu undifferenziert, Xenia..“ konnte ich ihr noch zurufen, bevor sie den Schlag des Vehiculators zudachte, der dann allzu heftig zuknallte, wie mir schien.. „Ich glaube dennoch nicht an die Entschuldigung geringerer persönlicher Verantwortu..“ ach, sie war immer gleich zornig.. Dabei schätzte sie es, daß ich so selbstverständlich mit „Gefühlen denken und mit Gedanken fühlen“ könne, aber mich verwirrten solche Aussagen von ihr bloß.

 

Wir hatten nicht getrunken an diesem Nachmittag, und eine unkontrollierte Verselbständigung ihrer Denk-,Gefühls- und Verhaltensmuster war dahingehend unwahrscheinlich.

 

Empfindungen waren uns immer wertvoll gewesen, sie begleiteten uns bei unseren überlegten Handlungen. Gaben unserem Leben erst die Farbe, die Musik, und wir konnten auch andere Gefühle und deren Empfindungen einschätzen, Atmosphären in der Umgebung von Menschen, Tieren und auch von Orten wahrnehmen, und diese aber beurteilend einordnen.

Pure Rationalität kann nicht die Schönheit eines geliebten Menschen, auch nicht eines Waldes begreifen, nicht die einer Musik, oder die der Mandelbrotmenge, darin waren wir allerdings beide einig.. Unser Streit drehte sich um die Frage, warum wir Menschen von uns überhaupt wissen.

 

Xenia sah mich am Abend, wenn sie mich nach ihrer Arbeit am Labor besuchte, oft lange und nachdenklich an, und sagte wehmütig: „Und ich weiß nicht einmal, ob es dich überhaupt gibt, mein süßer Schatzbob. Im Institut wissen wir, daß es keine Seele, wie man sie früher angenommen hat, gibt. Wir sind durch Selektion der Natur zu wunderbaren Apparaten geworden, und wir entschlüsseln heute, wie wir funktionieren. In der Human-Analogistik bauen wir das menschliche Bewußtsein immer besser nach. Die Gesetze all der Staaten, die sich dem Republikanischen Bündnis für Erdbeglückung angeschlossen haben, sichern bald einmal die ganze Menschheit vor dem Mißbrauch dieser Werkzeuge. Sie dürfen niemals Waffen werden, daran glauben wir doch, Schatzbob, oder?“

 

„Es gab früher einmal eine Idee, die nannte sich Demokratie, Xeny. Weißt du, ich habe darüber gelesen, schon bevor ich Soldat wurde. Leider ließ sich ein solches Gemeinwesen nicht mehr verwirklichen, weil die Technik zu enorme Fortschritte machte, und die Wissenschaften zu umfangreich wurden. Ich kann nicht ganz daran glauben, daß Demokratie nicht, prinzipiell nie, möglich gewesen wäre, aber mir fehlt die Hochschul-Bildung, weißt du. Ich habe zwar viel Bücher gelesen, aber mir fehlen die Argumente, mir fehlen Zeit und Ruhe, und auch gebildete Gesprächspartner, darüber tiefer nachzudenken, und..“

 

„Wie du bist, das find ich toll! Du hast Illusionen, aber sie sind sehr romantisch! Aber Schatzbob, bedenke, wir haben Freiheit, große Freiheit und historisch nie zuvor dagewesene Möglichkeiten des Einzelnen, sozial aufzusteigen, sich Teilkompetenz zu erwerben, bis hin zur Sub-Elite. Wer bis zur Hohen Elite aufsteigen darf, behält sich freilich der Rat vor. Aber jeder darf die Protokolle einsehen! Die Debatten und Sitzungen des Rates sind öffentlich. Wer den Grad eines Fach-Kompetents erworben hat, kann alle Entscheidungen der Eliten nachvollziehen, es gibt darin keinen Widerspruch, alles, was die Regierung tut, ist liebevoll, objektiv und folgerichtig. Es kann natürlich nicht auf private Spezialinteressen und Träume eines jeden Spinners eingegangen werden, du selber kennst die Zustände in den Staaten der Zornigen Allianz. Wie haben sie begonnen? Sie haben Chancengleichheit für alle und alles gefordert, punkto jeder noch so kranken und subjektiven Meinung! So hat es bei ihnen begonnen, jetzt herrscht der nackte Terror! Drogen, Menschenzucht, Umweltverschmutzung, Sklaverei, Obdachlosigkeit, Handel mit überteuertem Trinkwasser, Schutzgelderpressung über Patente auf Pflanze, Tier und Mensch... überall..

 

Denke an den Sozialismus, oder den Kommunismus! Was dort die Illusion war: Alles gehöre allen! Das war auch so eine Art demokratischer Gedanke, nur exakt materiell. Und Demokratie? Dort wurde illusorisch gefordert, daß jeder entscheidungskompetent sei, ein Unding. Stell dir vor, jeder Faulenzer, Prolet und Aggressivling, jeder Herumspinner könnte bei wichtigen Dingen der Republik mitbestimmen? Ein Unding, genauso, wie im Kommunismus jedem alles hätte gehören sollen, und am Schluß war es ein Alibi für eine Militärtyrannei! Ich war nie für so komische und romantische Sachen. Kommunismus, Demokratie? Ha! Wir haben eine Republik, das heißt „res publica“, eine öffentliche Regierung aus Fach-Kompetenten der Sub-Elitären, die dem Rat der Hohen Elite untersteht, und all deren Gedanken sind öffentlich, sie verbergen nichts, anders wie die Schurken der Allianz. So, wie die Folterburgen und Genlabors der Allianz, so, Schatzbob, so sieht die reale Demokratie aus: Krieg Aller gegen Alle, pfui! Und dann noch auf allerlei Weise propagandistisch aus dem Hintergrund gesteuert! Drogen und Medikamente setzen manche Wissenschaftler ins Trinkwasser, um Studien zu treiben, überall Stadien für Ultimativ-Kampfspiele. Dort sterben Menschen. Wir aber haben die Oper und den Fußball, und höchstens faire Boxkampf-Meisterschaften für unsere Aggressivlinge, dort werden, wie früher schon, Handschuhe um die Fäuste gebunden, auf weichen federnden Böden.. Und, Schatzbob, schau, wir haben den Schutz der Intimen Räumlichkeit, jede Wohnwabe, jedes Wohnprovisorium ist frei von Beischauern und Beihörern! Garantiert. Es sei denn, wir würden die Vernetzungsmedien beischalten, um mit anderen Kontakt zu simulieren. Freilich wird jeder am Arbeitsplatz mikrophonisiert und optisiert, eben weil wir in all unserer Arbeit im Dienst am Mitmenschen und im Dienst der Republik stehen. Niemand kann daran etwas auszusetzen haben, weil es alles logisch ist. Es ist alles exakt vernünftig, unwidersprechbar.“

 

„Ja, Xeny, ich kenn das Argument mit der Todesstrafe, die sicher als erstes eingeführt werden würde, wenn es demokratische Abstimmungen gäbe. Und das alte Wählen, was die Historiker das Parteiensammelwahlrecht nennen. Wo alles und jeder, am Ende waren es sieben, acht Parteien wählen durfte. Wenn sich damals die Vernünftigen nicht immer durchgesetzt hätten, in dem sie den klugen Ratschlägen der Banken und Konzerne einerseits, andererseits einer realistischen Moral pragmatisch gefolgt wären, hätten wir Zustände, wie die Zornige Allianz.“ „Eben.“ „Aber das Prinzip der Demokratie war noch in den Kinderschuhen, Xenia! Nicht um die Abstimmung aller Idioten ging es, sondern darum, aus Idioten kompetente Menschen zu machen, die dann fähig werden, zusammen gewisse Dinge zu entscheiden. Ich habe gelesen, dies hätte eine vollständige Umstellung des Bildungs-Systems verlangt.

 

Erst über Generationen hinweg, so glaubte man, würde der Alltag, allmählich, für alle menschenfreundlicher... Die Einzelnen, ohne Aufsicht, am ganzen Leben bewußt und freiwillig teilnehmend, würden immer mehr und mehr über Menschlichkeit lernen.. “

 

„Du kannst selbst, denn du bist intelligent, einschätzen, wie hart der Weg zum Kompentent ist, sieben Jahre unausgesetztes Studium. Der alte Doktortitel ist mit dem Titel des Kompetents gar nicht mehr zu vergleichen. Ich arbeite jetzt sechs Jahre in den Sub-Orgs der MetaServantAwarness, es ist sehr hart, und ich bin froh, wenn ich alles bestanden haben werde.. Niemand kann in unseren Tagen irgendetwas alleine entscheiden, nicht einmal ein Kompetent, es gibt zuviel Wissen zu koordinieren, was uns selber allen nicht einsehbar ist, denn das menschliche Gehirn leistet das nicht. Zugegeben, nicht alle Entscheidungen des Rates sind pur logisch, und reinlogistisch durchzuregieren. Wir lassen nicht die Maschine entscheiden. Entscheiden tun immer noch Menschen. Auserlesene Menschen mit hoher objektiver Liebesbewußtheit. Das hat mit der klassischen sozialen Kompetenz gar nichts mehr zu tun.“ „Xenia, durch dich habe ich diese Welt erst angefangen, tiefer wahrzunehmen. Immerhin habe ich das Gefühl, daß es eine gute Sache war, für die Republiken gekämpft zu haben. Aber die Freiheit der Intimen Räumlichkeit und des Intimen Gedankens hat mich zu den Gedanken der Demokratie geführt. Wenn ich mit dir rede, dann weiß ich gar nicht mehr, was das genau ist, was mich da so skeptisch macht. Aber ich glaube, daß man es argumentieren kann, ich will es dir eines Tages in Worten sagen können! So; daß du mir nichts mehr dagegen sagen kannst!“ „Ha, glaubst du wirklich, Bob Nemo, daß man alles, alles, alles bloß in Worten sagen kann? Das wichtigste im Leben in Worten? Es geht nicht. Poesie, es sind hormonale Ausschüttungen, Signale im hinteren Gehirn, oder im Zwischenhirnbereich, klar? Musik, sie irritiert dein ganzes Nervensystem. Denke an die Kriegstreiberei der Allianz, aber auch an unsere Musik der Freiheit, unsere zornigen Lieder, romantischen Lieder, unsere Geschlechtsmusik und Trauerchoräle, die Oper... Oder gute Gewürze am Essen, oder unsere Freude aneinander, alles ist ohne Worte!“

 

„Aber Demokratie, Herzensbildung; Empfindung von Recht und Unrecht! Xenia, dazu muß man darüber reden können dürfen. Mein Herz möchte eine Zunge, mein Gehirn hat schon eine.“ „Das Härz! Hehehehiii! Bob Nemo!? Weißt du nicht, daß das, was du Herz nennst, in deinem Gehirn seinen Ursprung hat? Siehst du mich? Das tust du nicht! Was siehst du??

Elektrochemische Impulse im Gehirn!“ „Nein, meine Augen sehen dich!“ „Dein Auge, Schatzbob, eine tolle Kamera, durch Millionen Jahre Leben selektiert. Zweimal sogar, die Mollusken haben es auf einer anderen evolutionären Teststrecke noch einmal entwickelt, ist halt das Optimum. Mein Bild, was durch das Licht transportiert wird, wird auf deine Netzhaut projiziert!“ „Dann sehe ich meine Netzha..“ „Nein, die Netzhaut stimuliert verschiedene Zellen, die Impulse an das hintere Gehirn senden, verstreute Impulse, die durch weitere komplizierte Prozesse wieder neu in deinem Hirn zusammengesetzt werden.“ „Dann sehe ich dich also gar nicht!“ „Wer bist d u ?“ „Was?“ „Ein Produkt deines Gehirns bist du, Schatzbob! Und ich auch! Mehr wissen wir wirklich nicht, über d i c h und m i c h !“

 

„Das ist wenig, und wir sind jetzt aber weit von u n s entfernt, zu weit, um ein vernünftiges Gespräch zu führen. Xenia, weißt du, du spinnst! “ „Und du, Bob Nemo, bist ein unwissender, illusionsbeladener Rohling!“

„Xenia, ich bin so vieles, zum Beispiel. Aber eines fühle ich, eines weiß ich: I c h b i n .

 

Und D u b i s t . Wir beide sind, daran gibt es keinen Zweifel, und unsere Augen, unsere Füße und Hormone und neuralen Impulse, all der Schnickschnack, wir benutzen sie nur, wir..“

 

Du hast keinen Körper, du b i s t ein Körper!“ „Eines ist sicher: Ich bin.“ „Ist nicht sicher!“

 

„Ich weiß es doch!“ „Weil deine Kontrollfunktionen zugeschaltet sind, die sich zwecks Übersicht zentral verbinden, wie die Bild-Maske jedes Rechners..!“ „Und wer schaut da drauf? Der kleine Mann in meinem Ohr?“ „Du bist so kindisch, du bist süß!“ „Ich bin böse! Total sauer auf Dich!“

 

„Schatzbob, werde kompetenter, bevor du soviel liest, du hast keine Ahnung von der Welt!“

„Gut, aber ich. Weil ich bin!“ „Wenn du schlääfst?“ „Dann bin ich in meinem Traum. Aber ich bin!“ „Tiefschlaf? Wo bist du dann? Abgeschaltet, aber die Atmung, Verdauung, all das parasympathikotone Geschehen läuft, ohne Bob Nemo. Der ist heruntergefahren, ist nicht.“

 

„Dann bin ich, ohne das ich gerade von mir weiß. In Ordnung. Ich weiß nicht immer von mir.“ „Wenn ich dich höre, Bob, denke ich immer, überhaupt alles sei ein Traum.“ „Eben, und wer träumt? Xenia!“ „Darum weiß ich ja nicht, wenn es war sein sollte, daß es mich, wenigstens in diesem Augenblick, gibt, ob es dich dann gibt?“ „Oder ob du, Xenia, in einem Labor der zornigen Allianz unter Drogen dir etwas zusammenträumst?“ „Ist das wirklich war, daß Menschen so etwas tun können!?“ „Es ist eine Frage der Herzensbildung, des menschlichen Empfindens, und eine Demokratisierung des Gemeinwesens kann etwas erschaffen, was all das gebündelte Wissen der Republiken im Augenblick nicht wissenschaftlich anerkennt. Obwohl sie es als einen Wert verteidigt, und schützt, aber ohne die Freiheit den Menschen zuzugestehn, Fehler zu machen. Allen.“ „Aber einer Gehirnwäsche wurdest du bei der Allianz nachweißlich nicht unterzogen, seltsam.. Bob Nemo, du redest unlogisch, und das mußt du dir eines Tages bei mir zumindest abgewöhnen.“

 

„Eine Demokratie könnte das Bewußtsein der Menschen zu wesentlichen Faktoren des menschlichen Empfindens hin erweitern. Das wäre ein Werk vieler Generationen dann, eines Tages, so, wie heute in der Technik und Wissenschaft nicht alles von einer Generation her stammt. Das Wissen um die Identität des Einzelnen wurde zu früh aufgegeben in den Republiken, das ist es, ja Xenia, das ist es! Ihr wißt alles über das Gehirn, die Aminosäuren, Ribosomen, die neuralen Impulse des Menschen. Es ist, als würde man einem Fahrer eines Vehiculators weismachen wollen, er selber sei der Vehiculator.. mmh, ja das müßte es sein.“ „Wenn du so redest, Bob Nemo, kriege ich Angst. Wenn es mich gäbe, nicht als biochemischer Prozeß, dann wäre alles nur mein Traum, sonst gäbe es doch nichts, was beweisbar wäre. Nur Materie ist beweisbar. Geist und Seele ist doch Illusion. Aber wäre es keine Illusion, wäre doch diese ganze Welt nicht sicher, vollkommen unsicher!“ „Xenia, diese Welt ist sicher, aber ich und du sind es auch, fürchte dich doch nicht. Wovor hast du Angst?“ „Du hast keine Angst, weil du so naiv bist, Schatzbob, so verdammt naiv..“

 

So verliefen die Gespräche zwischen Xenia und mir in den besten Stunden, wenn wir nicht stritten, und wir lernten soviel voneinander, obwohl ich natürlich immer noch nicht genug weiß vom Leben, um in Worten und dazu wissenschaftlich kompetent so schlagfertig zu sein, mich mit irgendeinem Kompetent der Sub-Elite oder gar des Rates messen zu können.

 

Vielleicht ist real existente Identität genauso illusionär, wie Demokratie, ich weiß es nicht.

Individualismus und Menschenrechte seien aber Werte der Republiken, wurde uns gesagt.

Nun aber sagten die Eliten, es gäbe keine wirkliche Individualität, irgendwie aber auch keine wirklich erkennbare Realität. Verwirrend. Oder ist alles nur mein Traum, auch Xenia?

 

Und die Bildung der Seele, des „Herzens“, zu einem differenzierten Sensorium humanen Mitempfindens in individueller Freiheit? Eine Glücksache Einzelner, die solche Impulse in sich fühlen, und intim. Niemals einem Gemeinwesen vermittelbar? Um eine ebensolche Tradition der Erfahrung dort einzupflanzen, wie es in der äußerlichen Wissenschaft und Technik über Jahrhunderte bereits geschah. Denn das alte Wissen um Demokratie und das, was die Alten ‚Humanität’, später dann ‚menschliche Werte’ nannten, es war mehr und mehr im Schwinden begriffen.

 

Eine Macht disziplinierter Ordnung, mühsam aufrechterhalten und ein buntgewürfelter anarchischer Machtblock, Kriegsherrinnen und Soldatentyrannen des nackten Wahnsinns standen sich in einem kalten und manchmal heißen Krieg gegenüber, und das einzig wunderbare war, daß jede der beiden Machtblöcke bloß den Schrecken atomarer Waffen und aggressiver Seuchenkampfstoffe wohl deshalb nie einsetzte, weil der eigene Gewinn dadurch hätte verpestet werden können, die Luft für beide auf dem Planeten rasch ganz abgestellt worden wäre.

 

Die „Pearls“ wurden unsere Leute bei der „Zornigen Allianz“ drüben genannt, weil wir so erzogen waren, keinen Gefühle allzusehr unkritisch in uns ihren Lauf zu lassen. Alles perlte an uns ab, deshalb „Pearls“, so waren wir von Kindesbeinen in den Internaten der Konzerne erzogen worden. Unsere Eltern sahen wir nur in seltenen Ferien, wozu auch öfter? Wer wollte, konnte sich von den Eltern ab dem sechzehnten Lebensjahr „abisolieren“, wegen des Grundwertes der individuellen Freiheit, einen anderen Namen annehmen.

 

Unsere Haupterziehungswerte? Kommunikationstraining, und so.. Sachlich bleiben, Souveränität und Kompetenz signalisieren. War alles. Wer allzu emotional war, kam rasch in den üblen Ruf, ein verkappter und unberechenbarer Aggressivling zu sein, das aber konnte den Verlust jeglichen Arbeitsverhältnisses nach sich ziehen. Der PP (Prekär-Prolet) aber, so wurde jeder Arbeitslose genannt, bekam nur das Nötigste, lebte in kargen Wohnprovisorien, kam nie in den Genuß einer geräumigen und etwas luxuriösen Eigentumswabe. Über Wiedereingliederungsmaßnamen versuchten viele in den ASEs, den „Abteilungen für seelische Ertüchtigung“ sich ein Zeugnis für Einwandfreies Bewußtsein, ein CA (Clever Awareness), zu erwerben, um ein Wabenrecht und ein Arbeitsverhältnis zurückzuerhalten.

 

Aber was soll ich sagen, so als Soldat der Republiken? Ich habe die Menschen der „Zornigen Allianz“ kennengelernt. Sie waren mindestens genauso kühl, wie die unsrigen; nein, eiskalt. Nur daß man sich dort öfter mit anderen zusammenschloß aufgrund primitiver Leidenschaft, um gemeinsame üble Machenschaften solange durchzuziehen, bis man sich halt wieder im Streit voneinander lossagte, sich wieder feindlich gegeneinander verhielt, sich mit anderen verbündete, oder sich Untergebene hielt. Die aber standen weit unter ihren Bossinnen und Bossen in den überall anzutreffenden unausgesprochenen und oft äußerst brutalen Rangordnungen. Auf beiden Seiten, bei uns und bei denen, herrschte bei allen erwachsenen Menschen die stille Meinung, daß andere Menschen „Illusionen“ in einer rätselhaften und auch so schon gefährlichen Welt seien, in denen man selbst als Einsamer alleine so gut wie möglich bestehen, tja, überleben und durchkommen mußte. Irgendwie! ..

 

Xenia! Sie war der erste und einzige Mensch, zu dem ich mich, ohne meine Wärme zurück-zuhalten, auch menschlich hingezogen fühlte. Wir verstanden beide wenig von Nähe, deshalb bekamen wir wohl oft Streit.. und danach diese Angst, nicht normativ korrekt miteinander den Umgang zu bestreiten. Der Alkoholgenuß dazu. Es war nicht ungefährlich. Wirklich nicht.

 

Als ich zum Unfallort kam, lag der Vehiculator vollständig zerquetscht schon neben der Straße. Der Helicopter war schon fortgeflogen, mit ihr. Überall Glassplitter, und natürlich ihr Blut. Ich durfte selbstverständlich nicht weinen, um nicht gegen die Grundsitten zu verstoßen. Aber ich war auch sehr stolz, mich zu beherrschen. Es war wieder wie im Krieg. Es war dieses erhebende Gefühl, den niederen Trieb des Kummers zu bezähmen, als Geschenk. Doch nicht unserer Republik, sondern Xenia galt jetzt dieses Geschenk.

 

Ich wurde gerufen.

 

Tags darauf. Aber nicht in das örtliche Sanatorium.

 

An der Tür meines Wohnprovisoriums wurde lange geklingelt. „Xenia lebt!“ hieß es..

Sie holten mich mit dem Vehiculator ab, zwei weißgekleidete, wie immer freundliche, drahtige junge Männer. Ein leises Augenzwinkern des einen zum Armaturenbildschirm zeigte quasi die mentale Kontaktsequenz an, los ging es. Dieser Mann braucht keinen Emo-Selektor, dachte ich und seufzte doch tief..

 

Es ging direkt in die Zentrale des Konzerns der MetaServantAwareness.

 

„MK Barnabass!“ begrüßte mich ein kleiner Mann mit weichen Gesichtszügen und Glatze. Unter einem weißen, offenstehenden Kittel trug er einen gemusterten Pullover über blauen Trainingshosen, aus einer Hosentasche ragte ein vorsintflutliches Schnupftuch.

 

„Meta-Kompetent der Sub-Org für Human-Analogistik! Sie sind der Intimfreund Xenias! Freut mich sehr, sie ist meine liebste Schülerin, sie, sie, ...so reizend! Nicht?“ „Ja.“

 

„Nun denn..!“ „Wie g e h t e s Xenia??!“ „Entsprechend den Umständen, bestens!.. ..Kommen Sie. Kommen Sie mit!“ Es ging die üblichen langen Gänge entlang, Zeit. Zeit sich in die Situation einzufinden. So dachte ich. Auf einmal wurde mir schwindelig.

 

Mehrmals hätte ich beinahe gekotzt. Dann aber faßte ich mich.

 

‚Aufrecht bleiben!’ hieß eine Übung bei der Armee..Ich visualisierte mich in ein Fadenkreuz, die Senkrechte verlief vom Scheitel die Nase entlang über Brust und Nabel zum Boden, die Waagrechte verlief über das obere Brustbein zu den Schultern. ‚Aufrechte!’ dachte ich.

 

„Sie wurden als Gefangener drüben im Reich des Bösen auch unter Drogen gesetzt?“ „Ja.“ „Und, wie war es?“ MK Barnabass sah mich verschwörerisch an, schmunzelte neugierig. „Ungesund!“ erwiderte ich lapidar. Behaglich schritt MK Barnabass neben mir durch die Gänge, hier war er zuhause. Das spürte man. Ich versuchte aus Höflichkeit mit ihm auf gleicher Höhe zu schreiten, obwohl ich mich gar nicht auskannte. Er war eineinhalb Kopf kleiner als ich und schielte schlau wie ein sensibler Mäuserich witternd zu mir herauf:

 

„Auch wir haben über solche Experimente noch einmal nachgedacht, aber es ist ja verboten. Es ging um noch ungeklärte Fragen der Identitäts-Relativierung..nun ja. Die auf diese Weise provozierten chemischen Vorgänge sind auf Dauer auch viel zu grob und stümperhaft, um saubere Erkenntnisse über Hirn- und Nervenprozesse und deren Wechselwirkungen mit hormonalen Enzymen zu erhalten..“

 

Wir betraten bald eine Halle mit etwas veralteter Technologie. An der Wand befand sich ein Flachbildschirm, ich erkannte die Animation einer uralten Dampflokomotive mit einem Gesicht. Mal fröhlich, mal traurig mit ihren Scheinwerfern unterhalb des Kessels, die gleichzeitig Augen waren, ein Gelände absuchend, sah man sie umherfahren.

„Schauen Sie, Bob Nemo, das waren die Anfänge!“ „Eine Animation einer Dampfmaschine?“

 

„D e r Dampfmaschien! Der virtuelle Dampfmaschien lebt auf einer einsamen Insel, dort ist Kohle vergraben und Wasserhähne wachsen da auch. Außerdem hat der Dampfmaschien eine eingebaute Statistik, wo er dann selber über seine Erfolge, etwa beim Kohlefinden und Wasserfassen, beim Herumfahren in schwierigem Inselterrain, wo er öfter beinahe mal umgefallen wäre..“ Eben machte sich die virtuelle Animation daran, eine kleine Schaufel auszufahren, um offenbar ‚versteckte’ Kohlen in ihrer künstlichen Welt in den Tender zu laden.. „über all das reflektiert seine Selbstbewertungsstatistik und dieselbe faßt während der Aktionen Bewertungssignale unter Ausschluß allzu umfassender Zeiträume in Noten, die sich der Dampfmaschien selbst gibt. Die Noten umfassen also nie eine größere Gesamtzeitstrecke.

Statistik zwei jedoch, das ist das besondere, bewertet einen längeren Zeitraum punkto Erfolg und Mißerfolg, auch punkto Reaktion auf das gesamte Inselgelände. Die Kooperation des so simulierten Kurzzeitgedächtnis mit dem simulierten Langzeitgedächtnis rechnet einen Selbstbewertungs-Durchschnitt aus, der sich im Gesicht des Dampfmaschien widerspiegelt.

 

So entsteht in ihm eine Befindlichkeit. Fazit: Der Dampfmaschien hat eine Seele!“

 

MK Barnabass aber offenbar auch. Der streichelte jetzt errötend über einen Kasten mit der Hardware und sendete sprachliche Zeichen aus, indem sein Kehlkopf Schallgebilde erzeugte! Diese Schallgebilde korrespondierten mit einem virtuellen Zeichenvorrat in unser beider Gehirnen zumindest insoweit, daß wir uns verständigen konnten. Indem wir Ausdruckseite (Schallgebilde) und Inhaltsseite (Zeichenübereinkunft) verglichen, verstanden wir annähernd einander. In diesem Fall ich, Bob Nemo, und er, der Forscher MK Barnabass verstanden einander annähernd.

 

Er sendete in diesem Moment damals folgende Zeichenkette, die ich jetzt hier in meinen Aufzeichnungen graphemisch (trivial gesagt: „schriftlich“) referieren werde:

 

„Nemo, hören Sie mir zu! Wir können, wenn wir es wollen, inzwischen ganz menschenähnliche Programme mit der entsprechenden physiognomischen Realisation nicht mehr nur auf Bildschirmen erzeugen. Wir montieren all diese Vorgänge seit längerer Zeit schon in kybernetisch feinst-technische Bewegungsapparate hinein. Und übertragen alle diese Simulationen somit in den äußeren Raum. Wir verfügen damit jetzt über annähernd real deckungsgleiche Apparate, die eine gesamte menschliche Gestalt simulieren, eins zu eins, verstehen Sie mich, Nemo?“ „Aber ja doch, es ist ganz leicht zu verstehen. Wenn Sie das jetzt so sagen, Herr Barnabass!“ „Danke, Nemo. Sagen Sie ab jetzt einfach Barnabass zu mir.“ „Danke Barnabass.“ „Bitte sehr, Nemo. Ich möchte Ihnen noch mehr zeigen. Kommen Sie!“

 

Wir verließen den Raum und marschierten nebeneinander wieder einen langen Korridor entlang. „Aber, Nemo, ich frage Sie, ob Sie sich auch darüber im klaren sind, o b das dann noch eine Simulation i s t , oder bereits etwas Anderes!“

 

Wir betraten eine kleine Halle mit allerlei technischem Gerät, und MK Barnabass streichelte liebevoll das Gehäuse einer kleinen, alten Rechenmaschine, küßte das Bullauge des Bildschirms eines uralten Heim PC. „Denn über eines müssen wir uns im klaren sein, Nemo: W e n n wir solche Wesen, wie wir sie hier bereits, unter uns, am MetaServantAwareness Zentrum nennen, wenn wir solche Wesen erzeugen, dann müssen wir darauf gefaßt sein, daß sie als solche W e s e n mit unserer in sie hineinkomputierten menschlichen Gefühls- und Verhaltensidentität, und ebensolcher Gefühls- und Verhaltens k o m plexität, von u n s , ihren Schöpfern fordern werden,“ er lächelte mich an, wie ein Honigkuchenpferd, „als solche gefühls- und vernunftbegabten Wesen- ungeachtet ihrer virtuellen und maschinellen Konsistenz- auch behandelt zu werden!“ „Was?“ „Sie sind wie wir, sie wollen geliebt werden, unsere Grundwerte stehen auch ihnen zu, nicht nur uns!” „Menschenrechte..?“ „Wenn Sie den klassischen Begriff bevorzugen, Nemo, ja!“

 

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter, drehte mich erschrocken um. Hinter mir stand eine breit lächelnde Plastikfigur in menschlichen Kleidern, klopfte mir auf die Schulter, und sagte artig: „Ich kann auch ohne Alkohol fröhlich sein, Herr Schutzmann!“ Ich spürte, wie ich errötete. Meta-Kompetent Barnabass sagte freundlich zur Plastikfigur: „Es ist schon in Ordnung, Fred. Leg dich wieder schlafen.“ Die Figur ging in eine dunkle Ecke und sank gleich darauf wie eine Marionette ohne Fäden in sich zusammen. Barnabass kicherte „Es war einer der ersten. Wir wecken jetzt einmal den Schorsch! Der Rat überlegte einige Zeit, ob wir bald einmal diese Wesen zu Schulungsmaßnahmen von PPs, Prekär-Proleten, einsetzen sollten. Ich war vehement dagegen. Die Technik ist zwar ausgereift, aber die Arbeitsplätze der Trainer sollten erhalten bleiben.. Schorsch!“ rief Barnabass laut.

 

Eine andere, drahtigere Plastikfigur, in T-Shirt und Trainingshose kam anstolziert.

„Schorsch!“ ermunterte Barnabass „sag uns, was Sache ist. Was ist im Leben wichtig?“

 

Die Figur begann, mit heftigen und sehr ausdrucksvollen Gesten ihr nun ansetzendes kleines Referat zu unterstreichen, wackelte auch, zwecks Erregung von Aufmerksamkeit freundlich mit dem Kopf hin- und her, lächelte dazu immer fort überzeugend, und hielt unaufdringlichen Augenkontakt zu uns:

 

„Gott schuf den Vehiculator und die Straße, drumherum aber schuf er die Landschaft und darüber machte er den Himmel, damit wir beim spazierenfahren auch noch bißchen was zu gucken haben. Gott schuf auch den Kühlschrank, den Supermarkt und für das Wochenende den Fernseher, und um unsere Wohnwaben schuf er, falls er gnädige Stimmung hatte, ein paar bewaldete Hügel, damit wir vom Balkon auch bißchen was zu gucken haben.

 

Er verlieh den Menschen die Sprache, damit sie sich nicht nur bei der Arbeit wichtige Dinge zurufen können, sondern sich auch in der Freizeit heiter erzählen können, wo gerade die Erbsen billiger sind. Was soll also am Leben so schwer sein, daß sich manche Leute da die Köpfe zerbrechen, warum kann nicht jeder einfach damit klarkommen!??“

„Sehr gut, Schorsch, nur weiter, du brauchst dich vor uns nicht zu schänieren!“

 

„Wasch dich!“ fuhr Schorsch heiter lächelnd fort, „aber mit Seife! Rasier dich und zieh abends nach dem duschen ein frisches Shirt an! Und sonntags eine gebügelte Hose und ein nettes weißes Hemd. Gehst du aus, empfiehlt sich ein legéres Jacket. Geh ab und zu zum Friseur und iß manchmal was gesundes, etwas Obst und auch Gemüse. Und geh alle halbe Jahr zum Arzt und laß dich untersuchen. Nun? Was ist also am Leben so schwer? Freilich, wer säuft und Drogen nimmt, wer klaut und sich prügelt, der macht sich selbst und anderen sein Leben zu Hölle. Muß das aber sein!?“ „Ach mein guter Schorsch!“ sagte Barnabass, der selber jetzt ganz rot im Gesicht geworden war. Der Plastikmann drückte Barnabass ganz fest lieb, und ging dann auch wieder in seine Ecke, wo er wie die vorige Figur in sich zusammensank. „Glauben Sie an Gott, Barnabass?“ „Nemo, Materie ist unvergänglich, nur verwandeln sich ihre Zustände auf unglaublichste Weise im Universum! Energie und Materie. Was ist aber Bewußtsein? Ich weiß es und weiß es nicht. Ist der Mensch Gott? Ein bißchen. Aber der Begriff ‚Gott’ ist uns Wissenschaftlern selbstverständlich obsolet.. Das Modell hier war ja noch nicht für eine öffentliche Vorführung. Hier in der Halle gibt es keine Mikrophone, keine Kameras. Wegen der Spione der Allianz wurde die Stufe der Geheimhaltung bewilligt.“

 

Barnabass dozierte weiter: „Unsere aktuellsten Wesen verfügen über emotionale und rationale Differenzierungsgabe! Sie sind humankongruent, absolut. In ihren Verhaltens-Schaltkreisen. Dies aber wird die Anforderung in der Kommunikation mit ihnen auf eine andere, ganz andere Stufe heben, als sie das menschliche Mitgefühl mit einer Kreatur aus dem Labor der Natur selber, welche wir Huhn zu nennen pflegen, so bisher beispielsweise nicht hatte. Nehmen Sie nur einmal das Huhn: Eine Gattung, die unseren Schaltkreisen emotional nahe genug steht, daß wir sie schützen wollen. Schützen wovor? Vor uns selbst! Vor den anderen Schaltkreisen unserer wirtschaftlichen Vernunft, die die Gattung Huhn aus überlebenstechnischen Gründen nutzen will. Wir schlachten das Huhn, stehlen seine Eier, aber wir schützen auch das Huhn vor uns selbst, verstehen Sie? Weil das Huhn doch noch weit von uns - von einer bewußtseinskongruenten Situation im Nexus seiner Verhaltenssignale - entfernt ist, sodaß wir etwas ohne größere Probleme tun: Das Huhn eben als juristischen Gegenstand führen; es weniger als Wesen anerkennen. Anders ist das in der Versklavung menschlicher Wesen, wo das Ausschalten des identifikativen Faktors, den wir im Alltag Gewissen nennen, eine große Problemsituation quasi innerlich und quasi äußerlich kommunikativ aufwirft.“ „Barnabass, muß man das so kompliziert sagen?“

 

„Nein, aber wenn sie alles genau zu beobachten wünschen, dann ja. Schauen Sie, Nemo. Wir sagen hier einfach einmal: Tot ist Stillstand. Leben Bewegung. Wenn zahlreiche Prozesse in eine Interaktion geraten, entsteht zwangsläufig Bewußtsein. Diejenigen Bewegungen, die das höhere Bewußtsein ausmachen, streben danach, sich selber in Gang zu halten. Das versuchen wir nachzumachen. Prozesse auch, die sich interaktiv darin unterstützen, sozial, sich weiterhin in Gang zu halten. Interzellulär und Inter-Individuell! Leben ist das Perpetuum Mobile, welches die uralte Zeit vergeblich gesucht hat. W i r sind im auf der Spur.. Und, Nemo, hören Sie mir zu: Das Lieben und das Geliebt Werden Wollen gehört da auch dazu, verstehen Sie das? Sie haben Xenia geliebt, ich weiß das.“ „...“

 

„Es ist der Cyberchirurgischen Org gelungen, die gesamten feinelektrischen Ströme eines menschlichen Gehirns, Rückenmarks und Nervensystems zuerst in einem Hologramm zu visualisieren, um darin, quasi in diese Vorgaben, die materiellen Grundlagen mit aktuellstem technischen Material so einzubauen, daß anschließend eine Übertragung der Identität eines Menschen in diesen Apparat möglich geworden ist. Kommen Sie jetzt, Bob Nemo, meine Männer bringen Sie zu Xenias Wohnwabe!“

 

Ein Mann im weißen Kittel und einem Arztspiegel oben um den Kopf geschnallt sagte zu mir, einen Schraubenzieher in ein Plastikhalfter wegpackend: „Wir haben Xenia nicht retten können, sie ist nicht mehr aus Fleisch und Blut, wie man früher sagte. Sie, Bob Nemo, sind der richtige Mann für unser geheimes Experiment. Wir haben Xenias gesamte Bewußtseinsstrukturen, kontrolliert-rationale und spontan-emotionale Regelkreise, synchrone und diachrone Eigenbewertungsmuster und vieles mehr eingescannt; - die Kontinuität zur biologischen Xenia haben wir erhalten können!“ „..sind Sie sich dessen sicher?“ fragte ich in unterdrücktem Zorn, skeptisch, mit scharfer Stimme „Vertrauen Sie, absolut kontinuit. Nicht nur kongruent!“ „Ja, eben, woran soll ich es merken?, ..wenn die Sensorik kaputtgeht, so wirkt sie unnatürlich, dabei ist nur die Maschine defekt, wenn aber alles funktioniert und es nur eine virtuelle Kopie ist, mitsamt den Gedächtnisbanken, aber die Kontinuität unterbrochen ist, ist es nur noch ein virtuelles Hologramm ihrer Person, in die Maschine überführt. Ein schnödes bewegtes Abbild!“ „Vertrauen Sie, Herr Nemo; sie ist es.“

 

Dann waren die Männer in den weißen Kitteln fort und ich schaltete sie ein. Sie hatten noch keine Inkarnatfarbe aufgetragen, so war der Körper in der Farbe des verwendeten Kunststoffes hellblau. Auch hatten die Ohrmuscheln innen die Perforationslöcher alter Telefonhörer über der Membran..

 

Gelöscht, hieß es, hätten sie alle Streits mit mir. Um das Experiment nicht zu gefährden. Das kam mir sehr seltsam vor, mmh.

 

„Hallo, Bob Nemo! Endlich bist du wieder bei mir!” sagte der Apparat, ich erschrak natürlich, denn die Stimme war sehr gut getroffen, und nahm mich ganz zärtlich in den Arm, es roch etwas nach Plastik. „Ich bin es wirklich, ich bin keine Maschine, und ich bin so froh!“

 

Sie hat wieder gut reden, dachte ich unwillkürlich ‚ich bin es wirklich’, also tatsächlich eine Ganzkörperprothese? Oder doch nur purer Apparat... wie seltsam..

 

„Streichel mich, na los. Das Plastik wird dann ganz weich, wenn es warm wird!“

 

So war es auch, ich streichelte sie, zog sie nackt aus, und schlief dann mit ihr. Es war sehr schön und wehmütig. „Es ist fast so, wie früher, als ich noch aus Fleisch und Blut war!“ „Komm Xenia, es ist nicht schlimm. Du bist wirklich wunderbar gemacht!“ Und das Plastik ist wirklich ganz weich geworden!“ „Danke!“ sie weinte, sogar ihre Tränen schmeckten salzig. Ich traute mich nicht zu fragen, wie es mit Hunger und Durst in ihrer neuen Existenz bestellt sei... Sie aber merkte es mir an und schmiegte sich fester an mich, daß das Plastik zu duften begann. „Du mußt jetzt in dein Wohnprovisorium, Bob Nemo. Wenn du möchtest, such dir ruhig eine neue Freundin aus Fleisch und Blut, ich weiß, daß es schwer ist. Die MetaServantAwareness bietet Dir ein Kompetent-Studium an, du wirst wenig Zeit haben, solltest du es in Anspruch nehmen. Aber du weißt, wo ich wohne. Komm mich bitte immer besuchen, ich warte auf dich, und bin gespannt auf mein neues Leben. Ich habe jetzt ganz andere Möglichkeiten, als bisher, weißt du das überhaupt? Aber ich werde mich erstmal teilweise herunterfahren und all die schönen Erinnerungen von damals mit dir träumen, oh du, mein süßer Schatzbob!“

„Und, Bob Nemo!?“ „Ja?“ „Bitte: Ich bins wirklich.“ „Mmmh, aber ja Süße!“

 

Wir küßten. Ich hob sie.

 

Wir verabschiedeten uns, sie wog sogar haargenau soviel, wie die alte biologische Xenia.

Dann ging ich durch die vielen Gänge und die Treppen hinunter und verließ ihren Wohnwabenbereich, ging durch kühne Bogenkonstruktionen, an bizarren Mosaiken und Reliefs vorbei, es war die bessere Gegend, dann führte mein Weg über die weiten gummierten Dachfußgängerzonen, wo Kinder an Klettergerüsten spielten, und dachte: Nun, irgendwie hab ich ein seltsames Leben. Alle Menschen sind einsam, daß ist wahr. Soviel weiß ich bis jetzt. Niemand weiß etwas wirkliches vom Andern, und wir spulen unsere Schaltkreise herunter, wie die Natur es befiehlt. In die Variablen der Konzeption dessen, was in uns als Gegenüber veranlagt sein mag, steigen andere Menschen, Männer, Frauen, Kinder ein und aus. Füllen die vakanten Stellen unserer Begegnungskapazität, oder lassen diese unerfüllt und offen. Wenn unsere Valenzen gesättigt sind, spricht man von einem erfüllten Leben, bleiben sie leer, kaufen wir zuweilen Lotterielose. Aber sowas, wie ich, hat bisher kein anderer unerfüllter armer Mensch dieser Zeit. Was ich doch für ein interessantes Leben habe: Mich liebt ne Maschine. Und ich glaube, ich liebe sie auch.

 

Als ich auf meinem Weg schließlich durch die ärmeren Gegenden kam, wo schamlos laut Musik gehört wurde, Fernseher in geöffneten Fenstern plapperten, Essensgerüche aus Wohnprovisorien drangen, sah ich, wie ein Prekär-Prolet dort, er war offensichtlich angetrunken, denn er torkelte etwas, wie einer von MK Barnabass alten Robotern, eine lebensgroße rosa Plastikpuppe mit einem Frauengesicht in den Müllcontainer warf, sie war noch halb aufgeblasen, hatte blonde Perückenhaare..

 

Aus einem Fenster kam eine wehmütige Musik, ein trauriges Lied

„…hot air from a cool breeze? cold comfort for change? and did you exchange..” usw.

 

Ich war in eine äußerst komplizierte Situation geraten..

 

Ich hatte große Sehnsucht nach Xenia, nach unseren tollen Meinungsverschiedenheiten und Streits. Was würde sie jetzt dazu sagen, wenn sie mich sehen könnte. Oder sah sie mich gerade.. Es begann zu dämmern, der Himmel leuchtete in orangerot bis nach türkisblau.. ich sah nach oben, die ersten Sterne leuchteten..

 

Und ich beschloß, einen alten Freund aufzusuchen, um den verbotenen Alkohol zu trinken. Um einen klaren Kopf zu haben, morgen, am nächsten Tag.. ...

 

Anmerkung zu den Aufzeichnungen von Bob Nemo:

Bob Nemo meldete sich bald darauf freiwillig zu einem geheimen Kampfeinsatz gegen die „Zornige Allianz“, von dem er nicht mehr zurückkehrte, er blieb verschollen.

Xenia wurde drei Jahre später schon als erste humananaloge Maschine Leitende Vorstandsvorsitzende der Elite-Org des Konzerns MetaServantAwareness im Rang eines Super-Meta-Kompetent. Damit verfügten der Rat und die Hohen Eliten über eine unsterbliche Lehrkraft.

 

2003

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