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Jules V.

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Alle erstellten Inhalte von Jules V.

  1. Jules V.

    Berufung

    Berufung Wie eine Marionette, an Fäden geführt, habe ich 3 Jahre Lehrzeit erlebt. Es war eine schöne Zeit und doch fehlt mir der Bezug zu meinem Inneren. Wie lange noch werden die Marionettenfäden ihre Macht ausüben können, mich durchs Leben ziehen, ohne dass ich bei mir selbst sein kann? Im Herbst beginne ich das Studium der Luftfahrttechnik an der FH in Aachen. Ulli vermietet mir das zehn Quadratmeter kleine Zimmer zum Hinterhof. Er selbst bewohnt das große Zimmer zur Straße, in dem sich auch unsere kleine Küche befindet. Ulli ist ein angenehmer, ruhiger Zeitgenosse, der in der Lage ist bei sich zu bleiben, sich selbst zu leben, der seine eigene Sichtweise zum Leben hat und sich daran auch orientiert und sie lebt, ganz im Gegensatz zu den normalen, gesellschaftlich konform ausgerichteten Menschen. Das gefällt mir und genau diese Eigenart von ihm wird für mich noch bedeutungsvoll. In der Uni erlebe ich wieder einmal, dass Arbeit, Erfolg und gesellschaftlicher Status für mich keine wirkliche Bedeutung haben; denn Arbeit wird gemacht, Erfolg stellt sich entsprechend ein, und der gesellschaftliche Status ist eine Maske, hinter welcher die Persönlichkeit versteckt wird. Nein, das ist nicht Meins. Mein Interesse gilt den Menschen, dem sozialen Miteinander, den individuellen Persönlichkeiten mit ihrem Verhalten, Träumen, Wünschen und Absichten. Will diese Dinge außer mir niemand wahrnehmen? Schon nach wenigen Wochen versetzen mich meine Studienkameraden in Erstaunen und Entsetzen. Ich bin fassungslos ob ihrer unterwürfigen Funktionswilligkeit, die selbstverständlich mit der Ausblendung der individuellen persönlichen Entfaltung einhergeht, und mich entsetzt das vorsätzlich betrügerische Sozialverhalten, nur um sich einen kleinen Vorteil gegenüber seinen Kameraden zu verschaffen. Jetzt verstehe ich den Begriff Ellbogengesellschaft, denn ich erlebe ihn hier direkt und persönlich. Ungläubig schaue ich diesem Treiben zu und stelle mir die Frage: Will ich so sein? Nein! Ich bin wieder da! Die unsichtbare Wand, die mich von meiner Seele trennte ist verschwunden. Die unsichtbaren Fäden, die mich wie eine Marionette bewegten, haben sich aufgelöst. Ich bin wieder da, wieder mit meiner Seele eins, bin wieder Herr meines Lebens – endlich! Nein, die Berufswelt, wo ich meine individuelle Entfaltung ausschalten muss, kommt für mich nicht in Frage. Nein, die Ellbogengesellschaft mit dem betrügerischen Sozialverhalten ist für mich ein NO GO. Nein, so ein Mensch kann ich nicht sein, so ein Mensch will ich nicht sein, so ein Mensch mag ich nicht sein. Mir ist jetzt vollkommen klar, das Menschsein kommt für mich nicht in Frage, ist keine Option für mich. Doch was ist mein Ding, was ist mein Leben, was kann, will und mag ich sein? Und mir ist eindeutig klar, dass meine Individualität, meine Persönlichkeit, mein Leben meine Bestimmung ist, mein Beruf und meine Berufung!
  2. Liebe Hase, ich fühle mich von dir wirklich gut verstanden. Ich kenne nur drei Menschen, die mich noch besser verstehen. Und mit ihnen lebe ich in einer Gemeinschaft. Vielen Dank für deinen Kommentar. Alles Gute von Jules V. Lieber INDI PASHA, danke für deinen Kommentar. Über deine Anregungen denke ich noch nach. Alles Gute von Jules V.
  3. Ein Geschenk des Lebens Mit Vierzehneinalb beginnt das zehnte Schuljahr. In dieser Zeit fragen mich die Erwachsenen was ich denn mal werden will. Ich habe überhaupt keine Ahnung und mein Kopf ist komplett leer. Plötzlich höre ich, wie jemand sagt: Rentner! Ich bin erschrocken und schockiert, denn mir wird klar, dass diese Worte aus meinem Mund kamen. Nach einen Moment der Stille fangen die Erwachsenen an zu lachen und ich lache erleichtert mit. Anders als erwartet, entscheide ich mich nicht für Mensch oder für Seele, denn es ergibt sich von selbst, dass ich ein ganz normaler Jugendlicher sein werde. Ich werde trotz meiner augenscheinlichen Introvertiertheit eine tolle Zeit erleben, werde dazugehören und mit den Anderen lernen, arbeiten und feiern, denn ich beginne bei der Firma Siemens eine Lehre als Maschinenschlosser. Wir sind zwölf Jungs in einem Lehrjahr, zwölf verschiedene Lebensläufe, zwölf verschiedene Charaktere, Fähigkeiten, Interessen und Begabungen. Wir sind ein bunt gemischter Haufen, manche älter, manche jünger, die nun in die große Siemensfamilie aufgenommen werden sollen. Wir sollen hier unser Handwerk lernen, und vielleicht ist es dieses gemeinsame Ziel, das uns zusammenschweißt, vielleicht sind es auch die gemeinsamen jugendlichen Interessen nach dem Abenteuer Leben, das nun vollständig losgelöst von der beschützenden Käseglocke der Kindheit beginnen kann. Zwölf Jungs – das heißt auch, zwölf Geburtstage im Jahr, auf elf Monate verteilt, die es zu feiern gibt. Für mich wird die Lehrzeit ein geschenktes Leben! War ich bisher mit meiner Seele an mein Inneres gebunden, ja sogar verankert, schenkt mir jetzt das Leben ein menschliches Dasein, das ich entdecken, erleben und genießen werde. Mit Gerd kann ich sogar erleben, wie es ist einen Freund zu haben. Zu meiner Seele habe ich allerdings jeglichen Kontakt verloren. Es ist, als würde eine unsichtbare Wand mich von ihr trennen und es fühlt sich so an, als ob unsichtbare Fäden mich wie eine Marionette durch das neue, oberflächliche, geschenkte menschliche Leben ziehen. Einerseits fällt mir alles sehr leicht, andererseits erlebe ich keine Bodenhaftung und mein Leben scheint so dahinzuschweben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies ein normaler Lebenszustand ist.
  4. Noch vor dem Reflektieren des Erwachsen Werden, erwacht bei mir mit dreizehn Jahren, in der Zeit der Pubertät, das Interesse für das andere Geschlecht. Anders als bisher, wo wir einfach Kinder waren, sorgen hormonelle Veränderungen dafür, dass wir uns der Unterschiede, die unsere Körper aufweisen, bewusst werden. Menschen sind biologische Geschöpfe, in deren Natur es liegt, sich fortzupflanzen. Ein möglichst attraktiver Partner, der den Anforderungen der Zeit entspricht, ist von elementarer Bedeutung. Ich kann mit dem angesagten Zwang nach Äußerlichkeiten nichts anfangen, finde niemanden, der mein Inneres sehen oder begreifen kann. Zudem schmerzt die Trennung von Gabi immer noch. Jetzt erst wird mir so richtig bewusst, dass sie mehr war, als nur ein Spielkamerad. Die innere Verbindung, die uns als Kinder so eng zusammenkommen ließ, ist wohl genau das, wonach ich jetzt suche. Aber Gabi ist nicht mehr bei mir. Unsere Verbindung wurde, kurz bevor sie wirklich bedeutungsvoll und wichtig werden konnte, von Außen brutal zerstört. Ich bleibe allein mit meinem aufgespalteten Inneren, in dem die Hormone wüten und ins Leere laufen, und meiner Seele, die nun erkennt wie allein sie hier ist. Denn alle Menschen um mich herum verbannen ihre Seelen in die dunkelsten Ecken im Keller ihrer menschlichen Behausung, nicht gesehen, nicht gefühlt, nicht wahrgenommen. Mein menschlicher Körper mit seinen Hormonen will auch ein Mädchen, um seine biologische Natur zu erfüllen. Doch die Äußerlichkeiten, denen sich die Menschen dafür selbstverständlich hingeben, sind für mich unmöglich umzusetzen. Dagegen wünsche ich mir ein Mädchen, das die inneren Werte unserer Seelen mit mir teilen will, kann und mag. Ich bin zerrissen, bin aufgespalten zwischen dem Äußeren, dem Menschsein, und dem Inneren, der Seele. Im Außen sind so viele leere Menschen und im Inneren bin ich mit meiner Seele allein und mir stellt sich die Frage, wem folge ich? Den Menschen da draußen, weil sie so viele sind, oder meiner Seele, die sich niemanden mitteilen kann.
  5. Die Konfirmation ist für mich mit 14 Jahren ein offizielles Ereignis zu Beginn meines Erwachsen Werdens. Die Käseglocke, die während der Kindheit über uns Kinder wie ein unsichtbarer Schutz schwebte, ist bereits verschwunden. Nun beginne ich zu reflektieren und damit tauche ich in das Bewusstsein des Erwachsen Werdens ein. Reflexion ist ein Prozess, der in unserem Innern abläuft. Da meine Verbindung zu meinem Inneren sehr stark ist, ist diese Zeit für mich sehr intensiv, voller aufschlussreicher Erkenntnisse, die ich fataler weise mit niemandem teilen kann. Manchmal ist es so schlimm, dass ich in der Nacht aufwache und mir Tränen aus den Augen fließen. Ich bin anders. Anders, als die anderen Jungs in meiner Klasse. Sie interessieren sich für coole Musik, Klamotten, die sie toll und halbstark aussehen lassen, sie wollen sich beweisen und stellen den Mädchen nach, wie brünstige Tiere es tun. Dass sie dabei wie aufgeplusterte Gockel wirken, ist ihnen in ihrer Selbstverliebtheit keineswegs peinlich. Ich bin anders. Mein Inneres kann mit diesen äußeren Attributen nichts anfangen. Mein Inneres ist in der Vollkommenheit zu Hause, wo wir unser Gegenüber mit seinem Inneren wahrnehmen. Und diese Fähigkeit habe ich mit hierher gebracht und erlebe nun, wie die Menschen um mich herum mit einem leeren Inneren existieren. Es fühlt sich so an, als würden sie ihr Inneres absichtlich leerräumen und dann ihr Äußeres mit irgendwelchen Attributen schmücken, um damit den Mitmenschen eine Identität vorzugaukeln. So kann ich nicht leben. So will ich mich auch nicht belügen. Ich war immer ein Einzelgänger, aber jetzt fühle ich, wie allein ich bin. Allein mit mir, allein in einer Wirklichkeit, die unwirklicher nicht sein könnte. Ich bin ein Teenager von vierzehn Jahren, der diese Welt vorfindet, in der alle außer mir oberflächlich gleichgeschaltet sind, und außer mir sich niemand für sein wahres, inneres Ich interessiert. Ich muss nun irgendwie versuchen, zu überleben.
  6. In der Schule bin ich ein guter Schüler und werde geachtet. Jedoch fühle ich mich allein und anders und kann deshalb niemanden meinen Freund nennen. Selbst daheim, in der Familie, beim Spielen mit meinen Schwestern oder anderen Kindern fühle ich große Distanz. Die einzige Ausnahme ist Gabi! Mit ihr ist für mich alles anders. Ich fühle mich mit ihr verbunden, ich bin ihr innerlich nahe, sie ist die Vertraute meines Herzens. Sie erreicht meine tief im Innern verborgene Seele, lässt mein Herz lebendig werden und schenkt mir ein menschliches Leben. Mit ihr kann ich abtauchen in eine Welt, in der Phantasie und Leben fließen und wir einfach wir selbst sein können. Eines Tages spielen wir bei uns zu Hause Familie. Wir liegen auf einem Bett und plötzlich, scheinbar ohne einen Grund, gebe ich ihr immer wieder Küsschen auf ihr Gesicht. Ist das Spiel oder reales Leben? Auch wenn die Situation aus dem Spiel entsteht, fühlt sie sich doch mehr nach dem an, was hier als die Realität verstanden wird. Da ist etwas neues, was sich aus meinem Innern ankündigt. Und wie Jungs in der Menschenwelt das so machen, überspielte ich die Situation mit einem Scherz, um nicht in Gabis oder meiner überraschten Verwirrung stecken zu bleiben. Auch wenn wir uns nur an den Wochenenden oder in den Ferien sehen können ist unsere Freundschaft so tief und außergewöhnlich und nimmt sie so viel Platz im Inneren ein, dass scheinbar kein Einfluss von Außen die Verbindung zerstören könnte. Für mich zählt das Innere, dort ist das echte Leben, all das Gehabe und Getue der Menschen ist für mich nur ein großes Schauspiel. Und weil Gabi so mühelos mein Inneres erreicht, ist es für mich nicht anders vorstellbar, als dass sie es genau so wahrnimmt. Unsere Freundschaft ist ein wahrer Reichtum den wir fühlen und leben, auch wenn wir noch Kinder sind und unbedarft im Hier und Jetzt spielen, ohne Gedanken an Gestern oder Morgen. Keiner von uns ahnt, dass unsere Freundschaft vor einem jähen Ende steht, dass die Welt der Menschen Wege finden wird, um unsere innere Verbindung schmerzvoll und unwiderruflich zu trennen. Einige Monate sind vergangen. Wir spielen am Feld Fangen, als Gabi mit dem Fuß in einer Furche umknickt. Ihr Fuß ist so stark verstaucht, dass sie nur mit meiner Hilfe nach Hause humpeln kann. Dort wirft mir ihre Oma vor, Schuld an der Verletzung zu sein und behauptet sogar, sie vorsätzlich geschubst zu haben und eine schlimme Verletzung in Kauf genommen zu haben. Gabi und ich stehen fassungslos da und können es nicht glauben, wie auf einmal eine richtig unangenehme Atmosphäre entsteht. Verwirrt und traurig gehe ich rüber in mein Elternhaus und hänge den Rest des Tages mit meinen Gedanken an Gabi allein zu Hause herum. Ich bin sicher, die feindselige Stimmung wird sich legen und morgen werde ich wieder nach meiner Freundin sehen. Als ich mich am nächsten Tag auf den Weg zum Nachbarhaus machen will, hält meine Mutter mich mit einem Anflug von Unverständnis und Missgunst zurück. „Was willst du denn da drüben? Da kommt doch nichts Gutes bei raus!“ Und wirklich, der dauerhaft schwelende Streit zwischen meiner Mutter und Gabis Oma, erlebt einen Höhepunkt. Dass Gabi sich beim Spielen mit mir verletzt hat, nehmen sie zum Anlass um ihre Geltungssucht und fehlendes Innenleben ins Außen zu tragen. Die beiden Frauen verteidigen scheinbar ihre Schutzbefohlenen, aber in Wirklichkeit leben sie nur ihre nie richtig ausgesprochenen Zwistigkeiten mit haltlosen und absurden Anschuldigungen aus. Gabis und meine zu tiefst empfunden Freundschaft wird diese Bewährungsprobe nicht überstehen. Einige Wochen später ist unsere Freundschaft zerbrochen und meine Mutter steht mir gegenüber und sagt: „Das ist doch nur gut für dich!“ Dieser Moment fühlt sich für mich so an, als hätte sie mir mit voller Kraft eine Bratpfanne einmal links und rechts durchs Gesicht gezogen. Wie einfach es doch ist Gefühle zu vernichten! Was tief in Gabis und meinem Innenleben ablief, war noch nicht dafür bestimmt, in dieser Welt zu überleben. Jeder von uns wird von nun an sein eigenes Leben führen. Gabi wird eine normale Frau, die in der Welt der Menschen ein zu Hause hat. Und ich? Ich muss meinen emotionalen Menschenkern ganz tief in mir wegschließen, um nicht an dem Schmerz zu Grunde zu gehen. Als Zwölfjähriger erlebe ich fassungslos das traumatische Ende einer so wunderbaren Kinderfreundschaft, ohne irgendetwas tun zu können. Der Streit der Erwachsenen bestimmt das Geschehen in dieser Welt und mit diesem Wissen kann ich meiner Mutter nicht einmal böse sein. Sie hat für ihre Sache gekämpft, die ebenso zänkische Nachbarin herausgefordert und scheinbar fühlen sich beide als Sieger. Ich erkenne, dass meine Mutter, die immer vorgegeben hat für mich da zu sein, in Wirklichkeit nur für sich selbst da ist. Ich bin für sie nur ein Teil der Außenwelt, welcher genutzt wird, um sich den Anderen gegenüber darzustellen. Durch Gabi war es mir möglich, einen emotionalen, menschlichen Kern zu entwickeln, der mir für kurze Zeit ein zu Hause in dieser Menschenwelt sein sollte. Aber die Außenwelt hat so heftig auf diesen zarten, jungen Kern eingeschlagen, dass er in die dunkelste, entfernteste, unzugänglichste Nische meines Bewusstseins vertrieben wurde. Noch bevor mein menschliches Leben richtig beginnen kann, ist es auch schon zerstört.
  7. Meine neue Welt Morgens aufstehen, sich waschen, frühstücken, dann zur Schule und lernen, zurück nach Hause Mittag essen, Hausaufgaben machen, Spielen, dann zu Abend essen und schlafen gehen – das ist die Menschenwelt die mir übergestülpt wird. Und das Tag für Tag, wie eine Endlosschleife. Menschenkinder müssen zur Schule gehen um zu lernen. Lernen wie die Welt funktioniert. Sanft und raffiniert werden wir Kinder dazu gezwungen, ein Roboterkostüm überzuziehen, um uns dann damit zu identifizieren. Mit so einer Welt kann ich gar nichts anfangen, kann mich hier nirgendwo wieder finden. Alles ist so fern. Auch die anderen Kinder in der Schule sind mir fern. Meine Schulkameraden haben damit kein Problem und finden sich zu verschiedenen Gruppen zusammen. Nur wenige bleiben für sich und alleine. Ich bin einer dieser Einzelgänger. Ich habe einfach kein Interesse jemand anderem gefällig zu sein, nur um dazuzugehören. Da bin ich doch lieber so wie ich bin und fühle mich wohl damit. Das ist meine Welt. Spielen ist manchmal ganz toll. Da kann ich abtauchen und die Menschenwelt verschwindet für eine Weile. Meistens habe ich nur meine Schwestern und die Nachbarskinder zum Spielen. Mit Hermann von nebenan spiele ich manchmal auf den Brachflächen. Wir sind nicht unbedingt die besten Freunde, aber wir buddeln uns Gräben auf den weiten Flächen und decken sie mit Folien oder Brettern ab. Eines Morgens, als wir auf den Schulbus warten, provozieren andere Kinder einen Konflikt, in dem Hermann und ich mächtig aneinander geraten. Hermann ist schon elf und ziemlich kräftig. Ich bin für meine neun Jahre schon recht groß, aber dünn und schmächtig. Hermann versetzt mir einen Schlag auf den Brustkorb und trifft genau den Solarplexus. Ich bin völlig perplex, dass Hermann mich geschlagen hat und kann vor Schmerz kaum noch atmen. Irgendwie schaffe ich es, mich zusammen zu reißen und, obwohl ich keine Luft kriege, höre ich mich sagen: „Wenn du mal tot bist, ziehe ich dir das Fell über die Ohren und lege es vor meinem Bett, damit ich jeden Morgen und jeden Abend drauf treten kann.“ Damit habe ich Hermann genauso hart getroffen. Seit dem respektiert er mich und hat mich nie wieder bedrängt. Ich bin 11 Jahre alt und gehe in die 6. Klasse. Im Kunstunterricht lernen wir mit Wasserfarbe zu malen und jeder kann sein Motiv frei wählen. Mit kräftigen Farben male ich ein naives Abbild vom Kopf unseres Lehrers, inklusive der schwarzen Hornbrille. Obwohl ich den Kopf und das Gesicht gut getroffen habe, bin ich von meinem Bild enttäuscht. Es wirkt nicht lebendig, sondern funktional – es ist starr wie der Tod. Und mein Lehrer? Der ist begeistert und würdigt diese Arbeit mit der Note gut! Ich bin total entsetzt. Nie wieder will ich einen Pinsel in die Hand nehmen und irgendetwas malen! Die schönste Zeit erlebe ich mit meiner Freundin Gabi und es ist sehr schade, dass ich sie so selten sehe. Mit ihr fühle ich mich tief verbunden, darum spiele ich ganz besonders gerne mit ihr. Doch während wir miteinander spielen, passiert da noch mehr: Ganz langsam holt sie meine Seele Schritt für Schritt in diese Welt. Ich spüre, wie ich beginne diese neue Welt zu akzeptieren!
  8. Meine Freundin Gabi Als ich mit fünf Jahren begreifen musste, dass mein Weg zur Vollkommenheit abgeschnitten war, ist meine Seele zu Stein erstarrt. Sie konnte keine Verbindung mehr zu dem Menschenleben aufbauen. Aus großer Entfernung schaute sie mehr teilnahmslos zu, was der kleine Mensch hier auf der Erde so treibt. Niemand konnte meine Seele erreichen, die versteinert tief in mir und weit weg von den Menschen war. Im Haus nebenan wohnt eine ältere Frau, die an Wochenenden, Feiertagen oder in den Schulferien Besuch von Kindern und Enkelkindern hat. Eines ihrer Enkelkinder ist Gabi, sie ist etwas jünger als ich und wir verstehen uns wunderbar. So oft ich kann, will ich mit ihr zusammen sein und die Zeit mit ihr genießen. Wir tauchen beide in unsere eigene Welt ein, wo wir einander verstehen und das Leben in seinem Fluss einfach fließen kann. Wenn wir zum Essen gerufen werden, sind wir kurz in der Welt der Anderen, um anschließend gleich wieder in unsere Welt zu entschwinden, die sonst niemand wahrnehmen kann. Mir ist so, dass Gabi meine innigste Freundin ist, die meine Seele umarmt. Dann spüre ich, wie mein versteinertes Inneres schmilzt, wieder beweglich und lebendig wird, fast als könnte meine Seele das Leben der Menschen erreichen. Genau wie ich hat meine Freundin noch zwei Schwestern, eine ältere und eine jüngere. Aber weder meine noch ihre Schwestern sind mir annähernd so nahe wie sie. Gabi hat einen ganz natürlichen Zugang zu meinem Innern. Sie durchschreitet ganz einfach die große Distanz zu meiner Seele und kann mein steinernes Gefängnis aufbrechen. In meinem Innern kehrt durch ihre Anwesenheit wieder Leichtigkeit, Heiterkeit und Lebendigkeit ein. Auch Gabis Mutter spürt, dass unsere Freundschaft etwas ganz Besonderes ist. Wenn es irgendwie geht, bringt sie ihre Tochter auch ohne die Geschwister zur Oma. Ich freue mich darüber und bin glücklich, wenn wir zusammen sein können. Ich fühle mich mit Gabi verbunden, durch sie kann ich zu mir finden. Wir sind ein Herz und eine Seele. Meine Freundin erreicht meine Seele und Schritt für Schritt begleitet sie mich in diese Welt hinein, so dass der kleine Menschenkörper allmählich mein zu Hause wird. Manchmal höre ich ihre Mutter scherzhaft sagen: „Ach, da ist ja mein zukünftiger Schwiegersohn.“ Meiner Mutter gefällt das gar nicht, sie will in uns nur spielende Kinder sehen. Doch obwohl wir kaum älter als zehn, elf Jahre sind, finde ich diese Aussage irgendwie angenehm und passend, da ich immer wieder erlebe, wie Gabi das steinerne Gefängnis meiner Seele aufbricht. Doch meiner Mutter bleibt diese innere Verbindung verborgen. Aber wenn Sie sieht, wie Gabis Gesellschaft mich aufblühen lässt, ist auch sie glücklich.
  9. Die Schockstarre Nun bin ich Gefangener des menschlichen Albtraums. Es gibt kein Zurück zur Vollkommenheit, zu meinem Grasland, zum Lebensmeer. Das Segelboot meiner Seele ist untergegangen. Ich fühle mich wie eingesperrt in einen Käfig, wie ein Tiger, den man seiner Freiheit und Abenteuerlust beraubt hat. Das hat Folgen. Sperrst du einen Tiger in einen Käfig, läuft er von einer Seite des Käfigs zur anderen. Unentwegt, immer und immer wieder. Das nennt man Hospitalismus. Genauso passierte es mit mir. Ich begann mit dem Kopf hin und her zu schaukeln, nur so konnte ich den Verlust von Freiheit und Abenteuer ertragen. Und ich lutschte am Daumen, was mir ein kleiner Ersatz für die Geborgenheit des verlorenen zu Hauses, des Graslandes und meiner Freunde war. Meine Seele befindet sich in einer Schockstarre der inneren Lebensunfähigkeit, sie lehnt die menschliche Existenz ganz und gar ab. Sie weigert sich konsequent am äußeren, menschlichen Leben teilzuhaben. Zu Stein erstarrt, zieht sie mich tiefer und tiefer. Ich kann es nicht glauben, nicht begreifen, nicht akzeptieren in diesem menschlichen Albtraum gefangen zu sein. Meine Seele hat kein Leben mehr. Aus einer inneren Ferne beobachte ich, wie mein menschlicher Körper mit meinen Schwestern und den Nachbarskindern spielt, seinen 6. Geburtstag feiert und mit einer riesigen Tüte zur Einschulung geht. Da draußen ist auch eine Frau, die ich Mutti nenne, die mir das Gefühl geben will, für mich da zu sein. Obwohl ich skeptisch bin, nehme ich das erst mal so hin. Auf jeden Fall sieht sie, wie ich ihr großes Hollandrad im Hof umher schiebe. Sie kommt raus, hält das Rad fest und ich klettere auf die Pedale. Stehend erreiche ich mit den Händen den Lenker. Sie schiebt mich mit dem Rad auf den Weg und ich beginne mit den Pedalen zu treten und balanciere mit dem Lenker. So geht es eine ganze Zeit hin und her. Irgendwann hat sie das Fahrrad losgelassen und ist nur noch hinterher gegangen. Das habe ich zuerst gar nicht bemerkt. Aber am Abend konnte ich Fahrradfahren! Vielleicht geht ja hier Alles so einfach.
  10. Der Albtraum Mein Bewusstsein wechselt ständig zwischen Vollkommenheit und Menschsein hin und her. Für mich zählt nur das zu Hause im Lebensmeer der Vollkommenheit, der erfüllenden Harmonie des eigenen Selbst, dem Fluss der individuellen Wahrheit aus dem Innern, dem eigenen Herzen. Doch leider werde ich immer wieder in den kleinen Menschenkörper versetzt. Der krabbelt, lernt gehen und fängt an zu sprechen. Hier ist Alles sehr hilflos. Ich frage mich, wo kommt der ganze Unsinn nur her? Ich kann damit nichts anfangen. Endlich ist mein Bewusstsein wieder zu Hause. Hier braucht niemand sprechen. Wir tauschen uns über Wahrnehmung aus: Ich nehme die Wahrheit meiner Freunde, die sie mit mir teilen wollen auf, und erlebe Alles so in mir, als wäre es mein eigenes Sein. Ein winziger Moment beinhaltet hier so viel, dass es über die Sprache in aller Ewigkeit nicht auszudrücken wäre. Meine Entscheidung ist eindeutig: Ich will die Fülle, nicht den Mangel. Und schon wieder ist das Menschsein da. Dieser Traum kommt einfach immer wieder. Wir sind umgezogen. Weg von den riesigen Stahlkolossen am Duisburger Hafen, hin zu den Feldern des kleinen Dorfes Vynen am Rhein. Wir haben auch eine kleine Schwester dazu bekommen. Die war halt irgendwann da. Allmählich merke ich, dass dieser verrückte Traum mit dem kleinen Menschen immer mehr Platz in meinem Bewusstsein einnimmt. Immer größer werden die Abstände, bis ich endlich wieder nach Hause ins Lebensmeer kann. Hier macht Leben richtig Spaß, diesen langweiligen, blöden Traum mit dem Menschen brauche ich nun wirklich nicht. Und doch bleibt mir nicht verborgen, dass der kleine Menschenkörper größer geworden ist. Mit anderen kleinen Menschen sitzt er an einem Tisch, wo sie mit irgendwelchem Kram hantieren. Ich langweile mich schrecklich, aber zum Glück werde ich abgeholt und kann den Kindergarten verlassen. Dann wurde der 5. Geburtstag gefeiert. Es gab Geschenke. Sehr lange warte ich nun schon auf mein Lebensmeer, mein Grasland, meine Freunde. Doch der Traum will diesmal nicht zu Ende gehen, als ob es kein Erwachen gibt. Eines Morgens, als der Menschenkörper erwacht, wird mir unwiderruflich klar: der Weg zurück ins Grasland ist versperrt. Meine Seele erstarrt zu Stein. Ich kann nicht mehr zurück nach Hause, ich muss hier bleiben und als Mensch leben. Der Traum ist zu einem Albtraum geworden.
  11. Inkarnation Schon wieder ist es passiert, mein Lebensfaden hat an einen menschlichen embryonalen Zellhaufen angedockt. Da hänge ich nun dran, ob ich will oder nicht. Noch bin ich in dieser dunklen, feuchten Enge, innerhalb des Menschen, der meine Mutter werden wird. Der Rhythmus ihres Herzschlages ist ein unentwegtes Geräusch, das die gesamte embryonale Entwicklung begleitet. Bald schlägt auch in meinem Zellhaufen ein Herz, damit es mein zu Hause werden kann. Aber ich habe ein zu Hause, vollkommen, unendlich, weit, frei…. War ich nicht grade noch dort, im Lebensmeer der Vollkommenheit? Wo mein Seelensegel zusammen mit anderen Vertrauten die Freiheit und Weite genießt, das Hin- und Herwogen auf dem Lebensmeer? Und jetzt hier diese unerträgliche Enge. Bald wird es zu eng für mich und den Körper. Dann wird er hinausdrängen und mich mitziehen, das nennt man Geburt. Jetzt ist der Körper allein lebensfähig, wenn auch stark auf die Unterstützung der anderen Menschen angewiesen. Jedenfalls ist es nicht mehr dunkel und man legt uns in einen Glaskasten, der schützt uns vor der Kälte da draußen, ebenso wie vor Keimen, die dem kleinen, 4 Wochen zu früh geborenen Körper gefährlich werden könnten. Der Herzschlag der Mutter ist nicht mehr zu hören. Nur ganz selten, wenn die Frau kommt, die mich an ihre Brust trinken lässt, höre ich ihn, ganz tief in ihr versteckt. Auch für den kleinen Körper scheint das Überleben anstrengend zu sein. Er benötigt viel Schlaf. Und so habe ich viel Gelegenheit, einfach wieder in die Vollkommenheit zu entschwinden. Dorthin, wo ich zu Hause bin. Den Austausch mit anderen Seelen genießen kann, oder einfach in meinem Grasland sitze und die Harmonie erlebe, die mich dort durchfließt. Der Körper wächst weiter und benötigt Zusehens weniger Schlaf, dafür mehr und unterschiedliche Nahrung. Die großen Menschen geben sich viel Mühe, die Bedürfnisse des Körpers zu befriedigen. Auch gibt es einen anderen kleinen Menschen, schon viel selbstständiger als ich, und er wird meine Schwester genannt … was für ein Unsinn – in der Vollkommenheit sind wir alle Geschwister. Und solange die Verbindung dorthin nicht abreißt, bleibe ich im Lebensmeer der Vollkommenheit, denn das ist mein zu Hause. Das Menschsein auf der Erde ist wohl nur ein böser Traum.
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