Moin Sidgrani,
ja, in der tat ein fein gefühlvoller Text.
Hab mir den heute morgen direkt gespeichert, damit ich dazu heute Abend noch ein paar Sätze sagen kann.
Inhaltlich ist das natürlich ein unbequemes Thema, aber ich finde, du hast das sehr geschmackvoll und "leise" gelöst.
Gerade dieser andere Fokus aus dem Blickwinkel des Hundes ist dann vielleicht auch verdaulicher als anderes.
Formal würde ich aber noch ein paar Punkte ansprechen wollen:
Ein kleiner Hund streift durch die menschenleeren Straßen,
Metrisch ist "streift" in einer schwierigen Lage - es soll unbetont an der Stelle sein, ist aber einfach viel stärker als das danebengestellte "durch".
Man könnte das umgehen und die beiden tauschen:
Ein kleiner Hund durchstreift die menschenleeren Straßen,
vorbei die Zeit als hier noch frohe Menschen saßen.
Hier kommt ein Komma hinter "Zeit".
Er sucht den Jungen der sich lieb um ihn gekümmert,
Hier kommt ein Komma hinter "Jungen" - außerdem finde ich die Ellipse in diesem Satz nicht so schön.
Das "hat" ist hier für den Reim und/oder das Metrum weggefallen, das fällt nun so unangenehm auf.
Dabei wäre die Ellipse generell hier vielleicht sogar ein ganz passendes Stilmittel.
Ich kann mir bei der Thematik abgebrochene Halbsätze, fehlende Teile durchaus gut vorstellen, um die Sprachlosigkeit zu unterstreichen.
Eine rein reimgeschuldete Ellipse würde ich aber ausbessern wollen, da sehe ich aber gerade nur die Möglichkeit, wenn wir diesen und den nächsten Vers gemeinsam anpacken:
Ein Junge hatte sich so lieb um ihn gekümmert,
er will ihn finden, doch die Stadt ist ganz zertrümmert.
Dann plötzlich heult er laut, er hat ihn aufgefunden,
Kleine Semantische Nuance anlässlich "auffinden":
Der letzte Vers deines Gedichtes lässt es für uns interpretatorisch ja recht offen, ob der Junge nun lebendig ist oder nicht.
Dieser Vers hier besiegelt sein Schicksal aber eigentlich, womit wir diesen Interpretationsfreiraum nicht mehr haben.
Denn "auffinden" können wir in der Regel nur Tote, die Lebenden werden gefunden.
Es war sicher eine sehr bewusste Entscheidung, hier auffinden zu nutzen und den Vers nicht um das "gefunden" herum zu bauen, aber ein klein wenig ist es auch schade, dass der kleine Hoffnungsschimmer, den das Ende eigentlich lassen könnte, hier von vornherein erstickt ist.
er kriecht zu ihm und leckt ihm zärtlich seine Wunden.
Metrisch ungenau sind hier die beiden "ihm", sie müssten hier unterschiedlich betont werden.
Die übliche Betonung bei "kriecht zu ihm" wäre auch eher XXx
Statt "zu ihm" wäre hier vielleicht ein "heran" möglich.
Das war mein Senf 🙂
Gern gelesen!
LG Chris