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Feedback jeder Art Der Chamäleon: Mein Vater

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Wiedersehensfreude
 
Audio Edition
 
Im Gegensatz zum Abnabelungsprozess von meiner  Mutter beschäftige ich mich jetzt mit der seit Jahren nicht mehr vorhandenen Beziehung zu meinem Vater. Die habe ich – trotz anfänglicher Versuche von seiner Seite – konsequent vermieden. In der Reflexion beginne ich, meine Haltung zu den Eltern zu überdenken.
Beim Vater bin ich mir komplett im Ungewissen, wie er, der Sechzigjährige, es auffassen wird, wenn ich ihn nach neun Jahren Funkstille kontaktiere. Obwohl er nicht einmal ahnt, in welcher Situation ich mich, fernab von seinen Lebensumständen, befinde, entschließe ich mich, meinen im Stillen gefassten Plan ganz rasch in die Tat umzusetzen. Ich weiß, wo er wohnt, und besuche ihn mit Absicht unangemeldet. Die Haustür ist offen und so muss ich nur an der Wohnungstür läuten. Seine Überraschung ist umso unmittelbarer und größer. Ich gebärde mich nicht sehr freundlich, als ich ihm die Hand reiche. Zu mehr langt meine angespannte Stimmung nicht.
Ich bemerke, dass mein Vater einen kleinen Schwips hat. Das beschäftigt mich und ist nicht gerade förderlich, unser Wiedersehen nach so langer Zeit passend zu gestalten. Ich sehe ihm die Verblüffung an, die mein    unvorhergesehener Besuch bei ihm auslöst. Aber offensichtlich freut er sich sehr, dass ich aufgetaucht bin.
Ich berichte ihm von Ereignissen, die mir in den vergangenen Jahren seit seinem Abschied von uns widerfahren sind. Ich erzähle ihm, dass ich im Internat der Serviten, diesem katholischen Marien-Orden, bin und das Gymnasium frequentiere. Ich schildere ihm die vielen Aktivitäten, die ich derzeit entwickle und die mir sehr gefallen, aber auch die Kopfschmerzen, die mich derzeit wieder plagen.
Interessiert hört er zu und beginnt, auch von sich zu erzählen. Er spricht nicht von den Gründen, weswegen er meine Mutter verlassen hat, er spricht viel mehr von den Schwierigkeiten, sich als Invalide durchs Leben zu  schlagen. Aber es taucht Leuchten in seinen Augen auf, als er mir anvertraut, er hätte eine Frau kennen gelernt und plane, Luise – wie sie heißt –  auch bald zu heiraten. Ich muss mich mit dieser Ankündigung erst vertraut machen.

Anhang anzeigen Wiedersehen_Vater.mp4
 
Lieber @Dionysos von Enno,
Deine Zustimmung freut mich sehr und meine Erlebnisse teile ich gerne. So bin ich froh, dass ich noch einige solcher Episoden zu bieten habe. Zum Gesprochenen: mit meinen 80 Jahren treffe ich nicht mehr so viele Leute und spreche daher nicht so viel. Umso mehr bin ich angenehm überrascht, dass Du tatsächlich zuhörst und sogar meinen Dialekt 'wunderbar' findest. Natürlich lachst Du sicher spitzbübisch, wenn ich Dir sage, dass mir gar nicht bewusst war, dass ich ein für Dich, für Euch ungewöhnliches Idiom spreche. Haha!
Lieber @Carlos,
Der heutige Titel ist mir 'durchgerutscht'. Ich wollte 'Vater' oder 'Wiedersehensfreude' nehmen. Dann bot sich unwillkürlich 'Der Chamäleon: Mein Vater' an.
Dazu: 'Der Chamäleon' ist der Titel meiner Autobiografie und 'Der Chamäleon' heißt deswegen so, weil ich - aus gutem Grund - dabei mich selber gemeint habe.
Liebe Grüße und danke für Eure Aufmerksamkeiten auf meine Episoden.
 
Lieber Egon, so empfindet jeder das Leben aus seiner Sicht heraus anders. Während der Eine die Vergangenheit aufarbeitet, plant der Andere seine Zukunft und lässt die Vergangenheit hinter sich. Jeder muss seinen Weg finden, mit dem Erlebten umzugehen. 
Danke für die interessante Beschreibung, der ich gut folgen konnte.
 
Lieben Gruß Darkjuls
 
Liebe Darkjuls,
ich freu mich riesig, dass Du Gefallen gefunden an dieser Episode aus meinem Leben. Ich hoffe, Du lässt es Dir nicht verdrießen, auch die künftigen anzuhören oder zu lesen.
Liebe Grüße Egon
 
Er spricht nicht von den Gründen, weswegen er meine Mutter verlassen hat, er spricht viel mehr von den Schwierigkeiten, sich als Invalide durchs Leben zu  schlagen.
Lieber Egon
vom Sohn sind noch Fragen offen, er hat sich sicher etwas mehr von dem Gespräch erhofft. Der Vater erzählt nur von sich, hört sich die Probleme (Kopfschmerzen) vom Sohn allerdings genau an. Also ist schon Interesse am Sohn vorhanden. Auch dieser Episode habe ich wieder sehr gerne gelesen und gelauscht.
Liebe Grüße
Josina
 
Liebe Josina,
danke für Dein so positives  Feedback, für mich bringt das Lust auf mehr.
Im Nachhinein betrachtet wollte mein Vater nicht in der Vergangenheit wühlen, wo er doch nicht wusste, wie ich zu meiner Mutter, seiner Ex-Frau stehe. Im Gegenteil: er hatte so viel Vertrauen zu mir, um mir von seiner neuen Liebe zu erzählen. Dieses Gespräch war die Basis für eine unbeschwertere Beziehung zwischen uns Beiden.
 
Hallo Egon,
Danke, dass Du soviel von Dir preisgibst. Es ist mit Vätern und Söhnen nicht unkompliziert, wenn das Leben es mit Dir gut meint , kommt man spätestens über die Enkelkinder wieder zusammen. Mit noch mehr Glück sehr viel früher. Und dafür bin ich jeden Tag dankbar. Toll geschrieben. Servas. Kurt
 
Hallo Kurt,
ich freue mich und danke Dir für Dein positives Kommentar.
Freilich, wenn wir auf meine Tochter warten hätten müssen, wären wir wohl zu spät gekommen. Einziges  Treffen zwischen meiner 8-jährigen Tochter, wohnhaft mit mir in Wien, und ihm in einem Tiroler Krankenhaus dauerte etwa eine Stunde. 
Ich schätze es, dass wir dieses Gespräch hatten, auf dem wir aufbauen konnten.
Liebe Grüße Egon
 
Lieber Egon,
 
was ist gut am Älterwerden - man wird reifer und weiser
und somit ändert sich ab un zu die Sicht auf die "Dinge" so, wie bei dir auf die Eltern resp.Vater. Und das ist gut so!
Ich finde es wichtig für den Seelenfrieden -
 
 
LG Sternwanderer
 
 
Liebe Sternwanderer,
ja, die Erfahrung, die man mit der Zeit erwirbt, macht reifer und ein bisschen weiser. Aufgrund meiner Situation von damals konnte ich meine Tochter in einer fast gleichen Situation besser begreifen. Trotzdem fühlte ich - wie offensichtlich mein Vater - die Schmerzen der Entfremdung bis zur Wiederversöhnung sehr.
Liebe Grüße Egon
 
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