Hallo! Beteigeuze
Ich weiß nicht, ob man mit derlei Begriffsgestaltungen wirklich weiterkommt. Wahrscheinlich hat man diese Erweiterung gerade der Kunst wegen vorgenommen,
Das sehe ich wohl auch so. Welcher "man" hat "vorgenommen"? Kunst-Experten, denke ich. Von woher beziehen die ihre Legitimation? Sie haben ihre Position inne, an der Schnittstelle zwischen "Produzent" und "Verbraucher".
Mir persönlich ist es ziemlich egal, wie andere mich dabei einordnen. Ich selbst empfinde mich als Philosoph und Poet.
Ähm, ja! Verstehe. Ich sehe mich selbst auch als Poet. Mich als Philosophen zu empfinden, traue ich mich nicht.. :roll:
Hans Carl Artmann sagt in der "Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes", daß man Dichter sein könne, ohne jemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Ich selbst sehe das ähnlich. jedoch ohne Proklamationen und großes Bahai! Bei Artmann trat mir eben eine eigene, unausgesprochene Empfindung zum ersten Mal in Worte gefaßt entgegen. Womöglich gibt es einen "poetischen Bewußtseins-Zustand"... das laß ich mal offen..
Auch der Begriff "Leidenschaft" ist für mich bereits problematisch, auch wenn ich mühelos darüber hinwegsehe, wenn mir jemand von "Begeisterung" und "Leidenschaft" spricht, "ich weiß ja, was gemeint ist". Leidenschaft und Begeisterung sind für mich die Kehrseite von "Verzweiflung". Weil sich für mich darin ein Lebenswille ausspricht, der bis hin zum Trotz "jetzt erst recht!" kulminieren kann. Doch auch dann, wenn es dem Menschen gelingt, Frieden zu finden, wird Poesie sein.
Mein Leiden an der Welt, wie sie nun einmal ist, kreist oft über dem Graben, der das "Arbeits- und Verantwortungs-Bewußtsein" vom "Poetischen Bewußtsein" trennt. Das ist bis in unsere Zeit ein Eiserner Vorhang, dort, wo gerade nur noch Extreme wahrgenommen und dann artikuliert werden.
Poesie "arbeitet nicht"! Sie ist daher Privileg, ja Verbrechen, und Non-Sens! Verantwortungslos. Dort, wo sich Dichtung "bezahlt macht", "arbeitet sie"! Sie wird Wirtschaftsfaktor und legitimiert sich zumindest ein Stück weit. Diese Gedanken denken in mir, auch wenn sie mitnichten meine eigenen sind, und ich beobachte sie dabei...
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Es scheint, daß die philosophisch, poetische Anlage früh durchbricht, bei etlichen mir bekannten Menschen geschah und geschieht dies in diesem Alter. Etwa um die "12".. Bei mir war es ein Zenbuch im Bücherschrank meiner Mutter. Dieses Buch "leuchtete" nicht. Der weinrote Stoffeinband war schon ganz blaß geworden, und ein tristes Grau hatte sich mit dem schönen Dunkelrot vermischt.
Erst beim fünften klammheimlichen Hervorholen bemerkte ich, daß ein japanisches Schriftzeichen in Gold auf der Vorderseite eingeprägt war. Im Buch drin stand zu lesen, daß dies das Zeichen für japanisch "Mu" sei, was in etwa mit "Nichts", "Leere" übersetzt werden könne... "Bücher können zu einem sprechen, wenn niemand da ist, der mit einem spricht!" sagte lange später einmal ein guter Freund zu mir. Und ich ließ mir erzählen. Auch wenn ich so vieles nicht verstand.
Zu dieser Zeit lernte ich, Worte und Inhalte und Begriffe und vieles mehr, .. in Offenheit in mich aufzunehmen. Geteilt zu sein, - in die Hoffnung, unterwegs eines Tages besser zu verstehn, - und in den Schmerz, vielleicht nie zu verstehn.
Das ist eigentlich bis heute so geblieben. Es ging ja nie um "Begriffe", es ging um das Leben selbst. Sogar Kant ging es um das Leben selbst, wenn er "dem Ding an sich" entschlußfreudig entsagt.
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"Die Naivität meines Schreibens litt unter den vielen Informationen, die ich gar nicht mehr bewältigen konnte.
Das finde ich in diesem Zusammenhang sehr interessant. Besonders, da es mir ganz und gar nicht so geht. Ich wüsste gerne, woher ein solcher Unterschied kommen kann. Möglicherweise liegt es daran, wie man damit umgeht?
Oh, das hat erstens biographische Ursachen
Da spielte bei mir die kleinbürgerliche Herkunft mit hinein. Ich erwachte zu mir selbst unter den Bedingungen eines Milieus, in dem sich der Mensch unentwegt als "gespalten" erlebt. In "Schuld" und "Verpflichtung", in "ehrlich" und "unehrlich", in "faul" und "fleißig", und fast immer wörtlich auch in "Dienst" und "Schnaps". In "schlecht" und "gut". Wo die Empfindung des "angenehmen", wenn man sie hatte, einem selbst verdächtig vorkam. Und jedes Unangenehme als Vorbote einer charakterlichen Stärkung interpretiert wird. Auch war ich offenbar ein wenig "aus der Art geschlagen". Mit Herkunfts-Milieu meine ich nicht allein "Eltern", sondern ein Selbstverständnis, was die persönliche Aneignung und Zurückweisung vorzufindender Wirklichkeiten determiniert. Mancher fühlt sich heimisch darin und schlägt Wurzeln. Nicht aber jeder..
Eine Seele, die so geprägt ist, braucht lange, um sich freizudenken. Wer konditioniert ist, daß jedes Gespräch schnell in "Anklage" versus "Rechtfertigung" mündet, wo es gilt, zeitig, wie beim Schach, rasch die Position der "Anklage" einzunehmen, um den Anderen, der als "Konkurrenten" erlebt wird, in die Defensive zu nötigen, weiß in einsamen Stunden wenig mit sich anzufangen. Und ein Disput, der von "Balz" und hohem Blutdruck geprägt ist, ist der Sache nicht dienlich und führt den Menschen in uns nicht weit. So blieb ich in meinen geistigen Bedürfnissen oft allein. Klar wollte auch ich gefallen, schlug gern wie ein Pfau mein Rad. Doch ich empfand Gespräch, Musizieren als ernsthaftes Spiel. Dinge, die sich lebendig entfalten sollten.
Ehe ich viel herumlabere: Ich war in meiner Jugend bezüglich der Entwicklung meines Intellekts gelähmt. Drohungen wie: "Du hast zwei linke Hände, für dich gilt: Abitur oder Tod", .."Dein Leben endet kläglich unter der Brücke, warte nur ab!" wurden mir so tief in die Seele gebrannt, daß Schule ein endloser Leidensweg für mich war, und meine Seele reagierte mit Schlaf und Apathie, immer mehr, bis ich nicht einmal mehr vieren und fünfen, nur noch sechsen schrieb...
Bücher, die nichts mit der Schule zu tun hatten, waren mir, mal offen, mal unausgesprochen quasi "verboten". Seltsamerweise glaubte ich den Zensuren, Eltern, Schulpsychologen, Lehrern nicht, in einer machtvollen inneren Entschlossenheit. Doch ich konnte nur behalten, was mich interessierte. Wenn was im Unterricht drankam, was ich selber zuvor spannend fand, verlor ich den Bezug. Ein regelrechter "pawlowscher Effekt"..
zweitens
Später, auf dem sog. zweiten Bildungsweg holte ich fast wie in einer zweiten Kindheit nicht nur intellektuell vieles nach, sondern auch das berauschende Erlebnis, Lernen als Spiel zu erleben, und gute Noten "wurden eingefahren" wie eine hohe Punktzahl beim Dartspielen.
Als ich dann Geschichte und Germanistik studierte, fing ich angesichts der Fülle des Lernstoffes in Faszination und Begeisterung zu brennen an. Nach und nach kam ich mit dem Verarbeiten der anzulesenden und eigenständig angelesenen Informationen nicht mehr nach.
Fragte mich nach intensiven Grammatik-Repetitorien und Linguistik-Exerzitien, ob "viehles" nun mit oder ohne "h" geschrieben wird, und dachte, Besteller und Bestseller waren homophon, bis ich das "s" bemerkte.. Das kam wohl daher, daß ich unterbewußt jedes Wort in Segmente zerlegt, auf Suffixe, Präfixe, Infixe untersuchte, auf seine Stellung im Satz, den Text auf Textsorte überprüfte und klassifizierte, und unter Umständen noch einer geschichtlichen Epoche und deren Philosophie hin einordnete. Dazu die ganze "weiterführende" Sekundärliteratur plus Autoren-Biographien.
Normalerweise ist das ja so: Wir haben eine Frage, und erarbeiten uns die Antwort. In der Schule lernen wir Antworten, aber die Zeit reicht eben nicht aus, als daß dort jeder Fragen stellen könnte. Außerdem gibt es in der Schule dumme Fragen, und gute Fragen. Vielleicht sagt auch mal ein Lehrer oder Professor: “Es gibt keine wirklich dummen Fragen!” Dieser Mann fühlt sich dann wahrscheinlich nicht sehr wohl im Lehrbetrieb, oder er ist sehr mächtig, oder will sich einfach wichtig machen.
Wie aber gelangt man zu Fragen? Bestimmt nicht durch die Schule, oder durch die Lehre, oder durch ein Universitäts-Studium. Zu Fragen gelange ich, wenn zum Beispiel mein Opa stirbt, wenn ich braungebrannt in der sommerlichen Abendsonne sitze, wenn ich Erdbeeren ernte oder Unkraut jäte. Wenn ich meinen ersten Pornofilm gesehen habe. Wenn ich zum ersten Mal ein Auto gefahren habe. Wenn ich Brot backe oder ein Pferd reite und pflege. Zu Fragen gelange ich, wenn ich zum ersten Mal geliebt werde, und wenn ich zum ersten Mal nicht mehr geliebt werde. Oder wenn ich mich geprügelt habe, oder einer wundervollen Musik gelauscht habe. Und natürlich auch nach dem Schulunterricht und einer guten Vorlesung auf der Universität. Eben!, unter vielem anderen!
Echte Fragen werden "gestillt", nicht einfach nur beantwortet..
Was ich an Dichtungstheorie lese, kommt meist von den Dichtern selbst. Ab und an ist Sekundärliteratur aber doch interessant, sofern sie sich auf die poetologischen Ansätze des jeweiligen Dichters selbst beziehen. Theorien zur Dichtung, die irgendwelche Germanisten verfassen, ohne selbst je Gedichte geschrieben zu haben, interessieren mich im Allgemeinen gar nicht. Was mich an den poetologischen Schriften der Dichter selbst interessiert, ist das Begreifen, wie sie selbst Welt und Sprache einordneten.
Wenn Du so schreibst, dann möchte ich Dich darum bitten, mir entsprechende Werke zu empfehlen, die mir etwas den Symbolismus erschließen könnten. Leider sind meine Französisch-Kenntnisse nur rudimentär, das schränkt mich ein. (Ebenso, wie mir das Alt-Griechische entgeht..)
Romano Guardinis Abhandlungen über Hölderlin, über Rilkes Deutung des Daseins, die mir empfohlen wurden, sagten mir sehr zu, Bücher, mit denen man reden kann.
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Soziale Interaktivität in all ihren Problematiken, Politik, Soziologie und Psychologie berühren mich. Und die Frage nach den Grenzen der zwischenmenschlichen Beziehungen (Extreme: Autodidaktik versus konventionellem Wissenschafts-Diskurs, Freie Liebe versus Notgemeinschaft). Einsamkeit und Individualisierung, Freiheit. Und meine lebenslange Suche nach Dialog, Brüderlichkeit. Das Leiden um des Überlebenmüssens, Sich verstecken in Gemeinschaft und Clans-Strukturen, Ausgrenzung, die Frage nach welcher Gerechtigkeit und nach dem Schicksal.
Die Stimme der Demagogik, und alle übelsten Schattenseiten der Poesie, die ausgesuchtesten Beschimpfungen, und die schleichenden zwischenmenschlichen Gifte, die Entwertung und Umdeutung der Worte beschäftigen mich schon ein Leben lang. Dort, wo ich wachse, wo ich gar erwachsen geworden bin, fühle ich mich vom Zynismus jeglicher Art angesprochen. Und empfinde einen "Auftrag", das "innere spielende Kind" in mir selbst, und im Menschen zu verteidigen, den Kern der Menschenwürde. Ich selbst "trage" mir dies "auf". In Freiheit.
Dort, wo ich Poet bin, ist mir die Welt auch manchmal ein Kampf von Ungeheuern und Dämonen und übermächtigen Göttern, denen der Mensch selbst immer unterlegen ist. Und, da denke ich mir oft, allein das menschliche Mühen um ein dynamisches Gleichgewicht im Ergründen der Gedankenwelten, die immer größer sind, als er selbst, könnte zu Weisheit führen. Tolkiens "Mittelerde" ist der Mensch.
Dort, wo ich Realist bin, gehe ich davon aus, daß alle meine praktischen und mentalen Begabungen mäßig sind. Das muß ich mir zugestehen dürfen, nach fünfzig Lebensjahren. Das Wissen um die eigene Begrenztheit ist letztlich dem Selbstwertgefühl eher zuträglich. Gehe davon aus, daß der Einzelne gegenüber den institutionellen Gegebenheiten seiner jeweiligen Epoche (Gedanken von heute) relativ machtlos ist, denn sie sind die Rinde und Borke des Baumes. Dort aber, wo geträumt, gehofft und gesponnen wird, die noch unsortierten Gedanken blühn, spielend, ist das Kambium des Baums (Gedanken von übermorgen). Und ich bemühe mich, nach meinen möglichen Kräften die Zeit zu verstehen, der ich lebe, in all ihren neuen Entwicklungen, und wie sie ihre Hoffnungen und Ängste generiert, auch die Vorurteile und Moden. Realisten arbeiten mit dem Gewordenen. Poesie kann mit dem Ungewordenen, und mit dem Zeitlosen (Ewigkeit) in Berührung bringen.
Schau, Beteigeuze, mir sind junge Menschen bekannt, die lesen Wittgensteins Traktat wie ich einen Asterix, und dann nehmen sie sich Kants Kritiken vor, in einer Behaglichkeit, mit der ich Grimms Märchen las. Und so weiter, über Hegel, Adorno, Sartre, Heidegger, Steiner, Ken Wilber und etwas Marx.. Und finden anbei noch Gelegenheit und innere Freiheit, all dies zu vergleichen und darüber selbst weiterzudenken.
Darüber könnte ich vor "Neid" erblassen. Neid? Es ist mir auch eine Freude. Mir wurde erst spät bewußt, daß viele Menschen unter Neid ein wirklich antipathisches Gefühl, eine Wut empfinden können. Darum muß ich vorsichtig sein, wenn ich das Wort "Neid" benutze. Schlimmstenfalls tauchte in mir eine mit einer tüchtigen Portion Selbstmitleid gewürzte Neugierde auf das Leben Anderer auf, wenn sie an etwas teilhatten, von dem ich mir selber etwas für mich versprach. Doch nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, einem Anderen dafür zu grollen, daß er an einer Welt teilhat, und auch imstande ist, daran teilzuhaben, die mir selbst verschlossen ist, oder verschlossen scheint. Denn ich lebte und folgte meinen Neigungen, obgleich ich oft aneckte, und das ohne ein dickes Fell zu haben. Wenn ich "Neid" sagte, meinte ich eine komplett verunsicherte Neugierde, ob da draußen Menschen sind, die mich verstehn, ohne daß ich störe, und was ich alles falsch machen könnte, Störfaktor zu werden. Wenn ich "schlechtes Gewissen" sagte, meinte ich meinte Existenzangst. Noch heute merke ich, wie ich "Vokabeln lernen" muß, Wortbedeutungen tief ausloten muß, um überhaupt annähernd "sagen" zu können, was ich meine könnte ...
Doch auch Neugierde kann uns ja unterbewußt blenden, da wir stets geneigt sind, nach etwas zu forschen, was uns irgendwie abgeht, fehlt, und uns Unvollständig sein läßt. Mitgefühl und Empathie jedoch erfordern die Kunst des Zuhörens. Nicht allein
die Künste des Fragenstellens erschließen einem die Welt... soweit mal..
😳
Danke Dir für Dein Antworten!
Herzlich
Mischa