Klösterlich Unpassendes
Wir machen uns die Bedingung der Keuschheit zu eigen und versuchen, nicht nur Frauen fern zu bleiben, sondern – abgesehen davon – auch unsere fleischlichen Begierden im Zaum zu halten. Durch Zufall entdecken wir Einen von uns, als er – aufgescheucht durch etwas Krawall– splitterfasernackt aus seiner Zelle kommt. Er müsse sich – so sagt er – an die eigene Körperlichkeit gewöhnen. Das verstehen wir, so fremd es uns im ersten Augenblick auch ist, als durchaus vernünftig.
Trotz aller Abschirmung nach außen geht die Erinnerung an unser früheres weltliches Leben nicht ganz verloren. Wir sind den Sitten und Gebräuchen unserer abendländischen Kultur verhaftet. So denken wir sogar im Noviziat nicht nur an Weihnachten und den Stefanietag, sondern auch an Silvester. Auch die uns vorgesetzten Oberen wissen Bescheid über dieses weltliche Fest und wollen uns Neuzugänge daran teilhaben lassen. Uns wird zwar nicht erlaubt, öffentliche Festivitäten zu besuchen, denn das würde den Klosterregeln widersprechen. Auch gemeinsam mit ihnen dürfen wir nicht feiern, aber sie gestatten, dass wir drei Novizen diese außergewöhnliche Nacht unter uns festlich begehen dürfen. Für diesen Zweck spendieren sie uns eine Flasche Rotwein, die – ohne vielsagendes Etikett – offensichtlich aus einem unserer klösterlichen Weingärten stammt.
Wir kommen recht selten mit Alkohol, insbesondere Wein, in Kontakt, also freuen wir uns besonders. Da keiner von uns richtig weiß, wie andere bei öffentlichen Veranstaltungen den Jahresausklang begehen, öffnen wir einfach die Flasche mit dem verlockenden Nass. Wir befüllen damit Wassergläser – nach echten Weingläsern suchen wir gar nicht erst – mit dem für uns ungewohnten Getränk, prosten uns zu und widmen uns dem Knabbergebäck, welches wir auch zum Feiern erhalten haben. Wir unterhalten uns prächtig über unseren ehemaligen Präfekten, Pater Ludwig, dem wir als Gymnasiasten unterstellt waren. Von ihm wissen wir nämlich, dass er dem irdischen Leben weder fremd noch abgeneigt war und mittlerweile aus dem Orden ausgetreten ist.
Liegt es daran, dass die Wassergläser so groß sind, oder dass ich mir einfach öfter einschenke? Die berauschende Wirkung zeigt sich besonders bei mir recht bald. Noch lalle ich zwar nicht, aber meine Aussprache ist nicht so deutlich wie sonst. Ich kichere viel und werfe mit den kleinen Brezen nach meinen Mitbrüdern oder Confratres, wie sie auf Lateinisch heißen. Das stört die nicht, sie schießen vielmehr zurück. Ans Aufhören denkt keiner von uns. Was ist denn schon ein Doppelliter Wein für drei Personen? Die Flasche ist noch nicht zu Ende getrunken, als mich ein komisches Gefühl überkommt, welches mich vom gemeinsamen Tisch vertreibt. Ich eile mit wehendem Skapulier, das mir wie allen anderen hinten und vorne bodenlang über den Habit hängt, Richtung WC.
Unpassendes.mp4
Wir machen uns die Bedingung der Keuschheit zu eigen und versuchen, nicht nur Frauen fern zu bleiben, sondern – abgesehen davon – auch unsere fleischlichen Begierden im Zaum zu halten. Durch Zufall entdecken wir Einen von uns, als er – aufgescheucht durch etwas Krawall– splitterfasernackt aus seiner Zelle kommt. Er müsse sich – so sagt er – an die eigene Körperlichkeit gewöhnen. Das verstehen wir, so fremd es uns im ersten Augenblick auch ist, als durchaus vernünftig.
Trotz aller Abschirmung nach außen geht die Erinnerung an unser früheres weltliches Leben nicht ganz verloren. Wir sind den Sitten und Gebräuchen unserer abendländischen Kultur verhaftet. So denken wir sogar im Noviziat nicht nur an Weihnachten und den Stefanietag, sondern auch an Silvester. Auch die uns vorgesetzten Oberen wissen Bescheid über dieses weltliche Fest und wollen uns Neuzugänge daran teilhaben lassen. Uns wird zwar nicht erlaubt, öffentliche Festivitäten zu besuchen, denn das würde den Klosterregeln widersprechen. Auch gemeinsam mit ihnen dürfen wir nicht feiern, aber sie gestatten, dass wir drei Novizen diese außergewöhnliche Nacht unter uns festlich begehen dürfen. Für diesen Zweck spendieren sie uns eine Flasche Rotwein, die – ohne vielsagendes Etikett – offensichtlich aus einem unserer klösterlichen Weingärten stammt.
Wir kommen recht selten mit Alkohol, insbesondere Wein, in Kontakt, also freuen wir uns besonders. Da keiner von uns richtig weiß, wie andere bei öffentlichen Veranstaltungen den Jahresausklang begehen, öffnen wir einfach die Flasche mit dem verlockenden Nass. Wir befüllen damit Wassergläser – nach echten Weingläsern suchen wir gar nicht erst – mit dem für uns ungewohnten Getränk, prosten uns zu und widmen uns dem Knabbergebäck, welches wir auch zum Feiern erhalten haben. Wir unterhalten uns prächtig über unseren ehemaligen Präfekten, Pater Ludwig, dem wir als Gymnasiasten unterstellt waren. Von ihm wissen wir nämlich, dass er dem irdischen Leben weder fremd noch abgeneigt war und mittlerweile aus dem Orden ausgetreten ist.
Liegt es daran, dass die Wassergläser so groß sind, oder dass ich mir einfach öfter einschenke? Die berauschende Wirkung zeigt sich besonders bei mir recht bald. Noch lalle ich zwar nicht, aber meine Aussprache ist nicht so deutlich wie sonst. Ich kichere viel und werfe mit den kleinen Brezen nach meinen Mitbrüdern oder Confratres, wie sie auf Lateinisch heißen. Das stört die nicht, sie schießen vielmehr zurück. Ans Aufhören denkt keiner von uns. Was ist denn schon ein Doppelliter Wein für drei Personen? Die Flasche ist noch nicht zu Ende getrunken, als mich ein komisches Gefühl überkommt, welches mich vom gemeinsamen Tisch vertreibt. Ich eile mit wehendem Skapulier, das mir wie allen anderen hinten und vorne bodenlang über den Habit hängt, Richtung WC.
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