Liebe Julie, lieber Jan und alle anderen, die sich vielleicht mit "Menschenkein" beschäftigt haben.
Als ich angefangen habe, Gedichte zu verfassen, war mein Bestreben, alles so eindeutig wie möglich auszusagen, um keine Unklarheiten aufkommen zu lassen. Erst später habe ich gelernt, dass die Beschränkung auf Andeutungen viel reizvoller ist, weil sie dem Leser viel mehr Möglichkeiten zu eigenen Interpretationen offen hält und damit zu einer Bereicherung über die zugrunde liegende Intension hinaus beitragen kann. Eure Kommentare bezeugen das. Die Kunst ist es allerdings die richtige Balance zu finden, und so wird ein Gedicht immer auch zu einem Abenteuer für mich selbst.
In diesem Gedicht verarbeite ich meine Kindheit, die ich in einem Waisenhaus verbracht habe. Meine Mutter war gestorben, als ich noch ganz klein war. Meinem Vater blieb damals keine Wahl als meine Schwester und mich in das Heim abzugeben. Von den dort verbrachten Jahren ist der Moment, den ich beschreibe, die einzige Erinnerung, die ich habe: Der Blick aus einem vergitterten Fenster im Obergeschoss auf die Straße, von wo mein Vater mir noch einmal zuwinkt und dann geht. Ein Schmerz, der den gesamten Körper in wilden Tränen erbeben ließ. Wir waren zwar versorgt, aber ich kann mich dort an keinen Menschen auch nur ansatzweise erinnern, nicht einmal an meine Schwester. In meiner Wahrnehmung war keine Seele für mich da. Ich habe in dieser ganzen Zeit nie ein Wort gesprochen. Zu sprechen habe ich erst gelernt, nachdem mein Vater wieder geheiratet hatte, und wir entlassen wurden. Die Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit im Umgang mit der Sprache, wie sie jeder hat, habe ich daraufhin nie erreicht. Jedes Gefühl, dass ich ausdrücken will, muss den Umweg über das Bewusstsein, den Verstand gehen, bevor ich es in Worte gießen kann. Darunter leidet dann die Spontaneität, und zufällige Glücksmomente gehen oft ungenutzt an mir vorüber. In (subjektiven?) Drucksituationen bin ich auch heute noch oft sprachlos.
Vielen Dank für Eure Beiträge.
Liebe Grüße,
Athmos