Was ist Kunst?
Ich weiß es nicht.
Aber ich denke:
Kunst ist,
Was keinem übergeordneten Ziele Dient,
Sondern nur um seinerselbst Willen
Existiert.
Hi Hase,
auch ich will dem Forum meine Kunstauffassung natürlich nicht vorenthalten, wobei ich eher benennen könnte, was keine Kunst für mich ist.
Im Rahmen seiner Möglichkeiten stellt Kunst für mich Kommunikation dar. Das fängt beim dreijährigen an, und hört beim greisen, dementen Hobbymaler auf und geschieht natürlich auch im kunsttherapeutischen/ meditativen Sinne, d.h. im inneren Dialog mit sich selbst. Die Sprache der Kunst gilt es zu entwickeln und zu verfeinern. Somit ist Kunst auch ein Entwicklungsprozess, der seine Befreiung sucht.
Joseph Beuys hat sich als Kind seiner Zeit sehr provokativ mit dem Kunstbegriff auseinandergesetzt, um ihn von seinem elitären Elfenbeinsockel zu stoßen. Er sah in jedem Menschen einen potentiellen Künstler. - Neben der philosophischen Betrachtung unterstelle ich ihm aber auch Marketing Aspekte, die auf seine Kunst aufmerksam machen sollten.
Mein Denken deckt sich nicht hundert prozentig mit seiner Auffassung, denn für mich trifft die Mär vom "Künstlertum eines jeden Menschen" nur solange zu, soweit dieser auch etwas zu sagen hat, oder soweit er sich in der "Kunst des Lesens" versteht. In diesem Kontext muss Kunst auch immer politisch bzw. als Sozialverhalten verstanden werden und dient sehr wohl einem übergeordneten Ziel. Hier wäre mir dein Begriff etwas zu eng gefasst wenn du in S2Z3-5 schreibst: "Was keinem übergeordneten Ziele dient, sondern nur um seiner selbst Willen existiert."
Wenn Kunst etwas zu sagen hat, hilft es z.B. verkrustetes Denken aufzubrechen und es hilft der Menschheit beim Überleben. Kunst ist neugierig, sie spiegelt und zitiert in ihrer Gesamtheit nicht weniger als das Denken seiner Epoche, und versucht stets durch seinen Anspruch auf Einzigartigkeit Neuland zu betreten, um die Grenzen des eigenen Denkens zu sprengen. Aktuell kommt der Kunst in meinen Augen eine besondere Aufgabe zu.
Es gibt Anthropologen, welche eine "Überlegenheit" des Homo sapiens hinsichtlich des Neandertales u.a. auf den Umgang mit Kunst zurückführen. Auf der Kunstebene können beispielsweise in Dürrezeiten Denkprozesse abstrahiert, visualisiert und angeregt werden, welche im reinen Jagdfieber untergehen. Die der Kunst innewohnende Ästhetik dient der inhaltlichen Anpreisung und der Erhöhung der Aufnahmebereitschaft für eine Idee bzw. Botschaft. Kunst hilft, um bei einer Problemlösung auf andere Ebenen zu gelangen. Dann kann die gesamte Gruppe auf einer neuen Ebene ihren Gewohnheiten nachgehen und neue Jagdgründe erschließen. Kunst spricht auf allen Sinneskanälen zu uns.
Das aktuelle chinesische Regime richtet sich z.Zt. vermehrt gegen die Kunstschaffenden. Nicht weil es deren schöne bunte Bilder oder Klänge fürchtete, sondern die unberechenbare Kraft befreiten Denkens. Hierin offenbart sich uns die Angst vor der fehlenden Daseinsberechtigung einer Führungselite. Es geht nicht um die Sorge und das Wohlergehen eines Volkes. Ein Infragestellen oder eine Kritik durch die Sprache der Kunst kann spätestens dann nicht mehr toleriert werden, wenn es nicht zur Staatsräson oder zur Ideologie eines totalitären Systems passt, weil die Kunst in ihrer grenznahen Existenz gnadenlos entlarven und genau hinschauen kann. Im Dritten Reich war es nicht anderes. Kunst kann auch irren, suchen, experimentieren, spielen und den Mächtigen bedrohen.
Deine obige Kunst-Auffassung würde das reproduzierende Kunsthandwerk, das Werkeln im Hobbyraum und das Herstellen einer pompösen Deko in den Kunstbegriff mit einbeziehen. Natürlich ist es eine Kunst, ein Schiff in einer Flasche zu bauen, keine Frage. Aber in meinen Augen stellt sich uns dadurch noch lange keine Kunst dar, wenn es dem Betrachter nur ein Staunen entlocken will, oder wenn ein wohlfeiles Gedicht geschrieben wird, was sich uns durch eine besonders hübsch gereimte Form nahezu aufdrängt.
Was hohl und nichtssagend ist, bleibt hohl und nichtssagend, selbst wenn wir es hundert mal lesen. Es hat nichts zu sagen - es ist banal und eben keine Kunst.
Im erweiterten Sinne ist es an dieser Stelle vielleicht eine Kunst, wie wir das Werk aufnehmen und interpretieren - d.h. was wir herauszulesen imstande sind. Denn auch der Rezipient ist ein Künstler. Das zeigt sich z.B. bei einem Haiku, welches sich in der künstlerischen Darstellung komplett zu entziehen weiß und konsequent in den Hintergrund stellt. Der Nachhall und die Wirkung vollzieht sich alleinig in der Betrachtung, quasi beim Malen des eigenen inneren Bildes. Ein Herr Goethe hätte sich uns dagegen z.B. als "Künstler" nahezubringen gewusst, wir hätten sein Werk bewundert, seine Sprachwahl, seine Wortgewalt und seine Gedanken. Hier ist schließlich das betrachtete Objekt das Kunstwerk.
Mir gefällt an dem Gedicht, dass das Nicht- Wissen vorangestellt wird, und dass wir keine Belehrung über das wahre Wesen der Kunst erfahren müssen.
Allen Beiträgen entnehme ich, dass sich keiner dem Kunstbegriff mit einer abschließenden Definition nähert, und das ist auch gut so. Ähnlich dürfte es um die Begriffe Freiheit, Liebe oder Frieden bestellt sein.
Als Anregung habe ich dein Gedicht gerne gelesen und hier (vllt. ein wenig zu lang) drüber nachgedacht.
L.G.Amadea