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Auf dem Grund des Ozeans ist es immer blau


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Auf dem Grund des Ozeans ist es immer blau

Ich sitze auf grauem Gestein

und schmecke das Salz auf meinen Lippen.

Der Wind braust mir durchs braune Haar

und er flüstert mir die Worte ins Ohr,

die ich auf altes, knittriges Briefpapier schreibe.

 

Ich bin in Gedanken bei dir.

Erinnerungen tauchen in mir auf,

wie in Seenot geratene Matrosen

nach einem Schiffbruch an der Oberfläche

der tosenden See.

 

Ich halte kurz inne und

meine Hand glättet das weiße Segel in meinen Fingern.

Ich höre die Hilferufe der Gekenterten,

die zu ertrinken drohen.

Doch ich tauche ein in diese Welt.

 

Ich erinnere mich wieder.

Unsere drei Monate in jenem Sommer,

die unvergesslich für mich wurden.

Unvergesslich, unendlich

und nicht wiederholbar.

 

Ich sehe dich.

Wie deine blauen Augen

in der Mittagssonne glänzen

und wie winzig kleine Splitter

eines Saphierspiegels aussehen.

 

Allzu oft nur,

wär‘ ich in diesem Anblick versunken.

Versunken, gefallen und abgetaucht

bis zum Grund des Ozeans.

Wo es immer blau ist.

 

Und allzu oft nur,

hab ich davon geträumt,

mit dir zum Meer zu fahren.

Dort am Strand zu liegen – Arm in Arm –

und dem beruhigenden Klang der Wellen zu lauschen.

 

Und ja – ich lausche ihm nun.

Diesem Klang des Kommens und Gehens.

Des Gebens und Nehmens.

Des Morgens und Gesterns.

Und des Erinnerns und Vergessens.

 

Doch du bist nicht hier.

Ich sitze allein auf diesem Fels

und schreibe meine Erinnerungen

auf das alte, knittrige Briefpapier,

das ich versucht habe zu glätten.

 

Aber altes, knittriges Papier

kann man nicht glätten.

Denn alte, verwelkte Blumen

können auch nicht erneut erblühen.

Darum stehe ich auf.

 

Ich zerknete den Brief zu einem Ball

und klemme ihn in eine Felsspalte.

Die Flut wird ihn holen kommen,

wird die Tinte zerfließen lassen,

und das Gelebte in sich aufnehmen.

 

Sie wird die Erinnerungen hinfort spülen.

Hinfort, hinaus in das offene Meer.

Immer weiter, immer tiefer.

Sachte werden sich Schichten über sie legen,

bis sie sich auf dem Grund niedertun.

 

Die Gezeiten werden alle Wunden heilen,

werden ihr nasses Pflaster auf sie legen.

Sie werden jeden Tropfen meiner Tränen trocknen,

werden dich – oh Liebling – mit einer feuchten Umarmung

bei sich willkommen heißen.

 

Ich stehe auf grauem Gestein,

und schmecke altes, knittriges Papier auf meinen Lippen.

Der Wind braust mir durchs braue Haar,

und er flüstert mir diese Worte ins Ohr:

 

Nichts hält ewig.

Das Einzige, was bleibt:

Auf dem Grund des Ozeans ist es immer blau.

 

 

© Diana Tauhwetter 2021

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Hallo Diana, 

es ist ungewöhnlich, dass ein so junger Mensch, wie du einer bist, so gut schreibt. 

Wüsste ich nicht, dass du so jung bist, würde mich nicht wundern, dass du von Schreiben auf Papier schreibst. Und solche Erinnerungen. 

Ich vermute, du studierst Germanistik. 

Was du erzählst klingt so echt, so glaubwürdig, dass ich es einfach glauben muss.

Ich habe dein Gedicht sehr aufmerksam, langsam gelesen. 

In der vorletzten Strophe fehlt ein N. 

Es ist klar, dass du in diese blauen Augen unsterblich verliebt bist. 

 

🐣

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Hallo Carlos,

vielen, vielen Dank für das nette Feedback. Es freut mich ungemein, dass meine Worte etwas in Menschen bewegen.

Ich studiere keine Germanistik, habe mich aber in der Schule für Lyrik interessiert. Eigene Gedichte schreibe ich erst seit Kurzem. Seit der Begegnung mit einem bestimmten Menschen in meinem Leben habe ich das Dichten für mich entdeckt. Es ist meine Art, mit einer unerfüllten Liebe umzugehen und den Schmerz zu lindern. Und ja, diese blauen Augen sind von jenem Menschen, den ich sehr geliebt habe, der mich jedoch mit seinen Worten sehr verletzt hat. Vor allem damit, dass ihn ein Gedicht von mir vollkommen kalt gelassen hat. Insofern freut es mich wirklich, wenn ich andere Menschen mit meinen Worten berühren kann.

Und stimmt: es fehlt ein N. 🙂

 

Liebe Grüße,

Diana

 

 

 

 

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vor 2 Stunden schrieb Diana Tauhwetter:

Die Gezeiten werden alle Wunden heilen,

werden ihr nasses Pflaster auf sie legen.

Sie werden jeden Tropfen meiner Tränen trocknen,

werden dich – oh Liebling – mit einer feuchten Umarmung

bei sich willkommen heißen.

Liebe Diana, Du beschreibst Deine Gefühle so hingebungsvoll, dass der Leser sie in sich aufnehmen und dadurch ebenfalls erspüren kann. Es scheint, als sei das LI zwei Male versunken, einmal in den blauen Augen und einmal in der Anziehungskraft des Meeres. 

 

Alles Liebe Darkjuls

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Hi Diana,

lange Gedichte haben für mich oft den Beigeschmack der Langatmigkeit. Hier beschreibst du einen spannenden inneren Verarbeitungsprozess der sich wie eine Geschichte am Meer liest. und mich bis zum Schluss auf den blauen Grund mitgenommen hat. Vermutlich muss man an der Schale des Schmerzes genippt haben, um so authentisch und mitreißend zu schreiben. Ein Schreiben aus der inneren Mitte heraus. Mir gefällt der Tenor des Gedichtes, das den gesamten Prozess des lyrische Ichs beschreibt, welches sich nicht in der traurigen Sackgasse einer Schmerztriefigkeit einrichtet und sich damit abfindet. Da darf es auch schon mal etwas länger dauern, und am Meer lässt es sich ohnehin gut aushalten. Es hat sich gelohnt.

gerne gelesen, Amadea   

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Hallo Diana,

 

ich lese so lange Gedichte eher selten, doch nach der zweiten Strophe wollte ich wissen wie das Fazit des Lyrichs ausfällt.

 

 

vor 10 Stunden schrieb Diana Tauhwetter:

Nichts hält ewig.

Das Einzige, was bleibt:

Auf dem Grund des Ozeans ist es immer blau.

 

 

Exakt!

 

 

LG Sternwanderer

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Hallo Diana,

 

Ist das bewusst eine Langgedicht-Form (wenn man das überhaupt "Form" nennen kann)? Ich habe mich in letzter Zeit so ein bisschen in diesen Stil verliebt, also so ein Mittelding zwischen Prosa mit Zeilenumbrüchen und Lyrik, wo der Text also nicht so verdichtet ist, ich nenne es für mich "geschwätziger". 

 

Dadurch kann auch so eine Sogwirkung entstehen, wie ich sie hier empfunden habe. Mir ging es so ähnlich wie Sternwanderer, die meinte:

Zitat

Ich lese so lange Gedichte eher selten, doch nach der zweiten Strophe wollte ich wissen wie das Fazit des Lyrichs ausfällt.

 

Auch zum Thema der unglücklichen Liebe passt dieses (verwirrte) Gedankenkreisen der/des Verlassenen,  das im Text manchmal auch einfach in Groschenromanworthülsen Ausdruck findet.

 

Aber da sind auch anspruchsvolle Stellen, zB wo eigentlich das Papier geglättet wird.

vor 13 Stunden schrieb Diana Tauhwetter:

Ich halte kurz inne und

meine Hand glättet das weiße Segel in meinen Fingern.

 

Und überhaupt ist die Zwanghaftigkeit des Glätten-wollens an sich sehr spannend, bevor sich das LI schließlich entscheidet, es aufzugeben und eine Papierball formt.  

 

Auch diese "falschen" Wahrnehmungen oder Erwartungen könnten als Zeichen der seelischen Ausnahmesituation des LI zu deuten sein.

 

Wie etwa die Gezeiten: Ein schönes, unverbrauchtes Bild sind die "nassen Pflaster", aber dann sollen sie die Tränen "trocknen"!:

 

vor 13 Stunden schrieb Diana Tauhwetter:

Die Gezeiten werden alle Wunden heilen,

werden ihr nasses Pflaster auf sie legen.

Sie werden jeden Tropfen meiner Tränen trocknen,

 

oder auch das Ende: 

 

Zitat

Nichts hält ewig.

Das Einzige, was bleibt:

Auf dem Grund des Ozeans ist es immer blau.

 

 

Klingt tröstlich irgendwie. ABER: Zum Grund des Ozean dringt das Licht nicht mehr durch, und wo keine Licht mehr hinkommt, ist es dunkelschwarz 🙂. Ich denke aber, für das LI stimmt diese Aussage ganz genau so, denn für das LI trägt die Farbe Blau (wie die Augen des LD) nun die Bedeutung eines lebensfeindlichen Ozeangrundes. Für mein Gefühl ist das ein höchst raffiniertes Ende, von dem man sich nicht täuschen lassen sollte, oder? 

 

🤍

loop

 

 

 

 

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Hallo zusammen,

vielen, lieben Dank für die Kommentare und Reaktionen! Ich bin für jedes Feedback dankbar, denn ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es so viele lesen würden. Ganz besonders freut mich, dass die Zeilen individuell interpretiert wurden. Beim Schreiben habe ich mir ehrlich gesagt kaum Gedanken über die Interpretationsspielräume der Metaphern gemacht. Ich wollte nur Bilder finden, die mit dem Meer zu tun haben. Die Idee, dass der Grund des Meeres eigentlich schwarz ist, und stellvertretend für die blauen Augen des LD steht, finde ich super! Auch dass der lebensfeindliche Ozeangrund ein Symbol für das LD ist - wirklich klasse! Danke!

 

Der Titel lautet übrigens wie eine Zeile im Song "Waves" von Portugal The Man. Als ich gestern das Lied gehört habe, überkam es mich ganz einfach und ich musste etwas zu dieser wunderbaren Zeile schreiben.

 

Liebe Grüße,

Diana

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Am 20.9.2021 um 18:47 schrieb Diana Tauhwetter:

Beim Schreiben habe ich mir ehrlich gesagt kaum Gedanken über die Interpretationsspielräume der Metaphern gemacht. Ich wollte nur Bilder finden, die mit dem Meer zu tun haben. Die Idee, dass der Grund des Meeres eigentlich schwarz ist, und stellvertretend für die blauen Augen des LD steht, finde ich super! Auch dass der lebensfeindliche Ozeangrund ein Symbol für das LD ist - wirklich klasse! Danke!

 

 

Das freut mich! Da sieht man wieder, was das Unterbewusstsein beim Schreiben so alles ans Licht befördert! Es kann daher durchaus neue Perspektiven für das Schreiben eröffnen, wenn man eine gewissen Balance zwischen intuitiver Eingebung ("Ich  wollte nur Bilder finden, die mit dem Meer zu tun haben") und Gestaltungswillen sucht und findet, dann kann etwas entstehen, das nicht nur zufällig, anstatt objektiv falsch, tiefsinnig ist und sich absichtlich abseits des Üblichen oder bloßer Versatzlyrik bewegt. 

 

🤍

loop

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