Hallo nochmal!
Gleich zu Anfang starte ich mal eine Metrikanneliese. Aber nicht aus dem Grund, um zu meckern, man müsse hier eine einheitliche Struktur über das Werk legen, sondern einfach nur für mich, weil ich Bild- und Rhythmusgeschehen im Zusammenhang sehen und darlegen möchte.
Strophe 1:
xXxXxXxXxX (Reim a) 5-hebiger Jambus, männliche Kadenz
XxXxXxXx (kein Reim) 4-hebiger Trochäus, weibliche Kadenz
xXxXxXxX (Reim b) 4-hebiger Jambus, männliche Kadenz
xXxXxxXxXxXxX (Reim a) 2x Jambus, 1x Anapäst, 3x Jambus = 6-hebig, männliche Kadenz
XxXxXxXxXxX (kein Reim) 6-hebiger Trochäus, männliche Kadenz
XxXxXxXxX (Reim b) 5-hebiger Trochäus, männliche Kadenz
Strophe 2
XxXxXxXxX (Reim a) 5-hebiger Trochäus, männliche Kadenz
XxXxXxXx (Reim b) 4-hebiger Trochäus, weibliche Kadenz
XxXxXxXx (Reim c) 4-hebiger Trochäus, weibliche Kadenz
xXxXxXxXxXxX (Reim a) 6-hebiger Jambus, männliche Kadenz
XxXxXxXxXx (Reim b) 5-hebiger Trochäus, weibliche Kadenz
xXxXxXxXx (Reim c) 4-hebiger Jambus, weibliche Kadenz
Strophe 3
xXxXxXxXxX (Reim a) 5-hebiger Jambus, männliche Kadenz
xXxX (kein Reim) 2-hebiger Jambus, männliche Kadenz
xXxXxXxX (kein Reim) 4-hebiger Jambus, männliche Kadenz
xXxXxXxX (Reim b) 4-hebiger Jambus, männliche Kadenz
Strophe 4
xXxXxXxX (Reim a) 4-hebiger Jambus, männliche Kadenz
xXxXxXxX (Reim b) 4-hebiger Jambus, männliche Kadenz
xXxXxXxX (Reim a) 4-hebiger Jambus, männliche Kadenz
XxXxX (Reim b) 3-hebiger Trochäus, männliche Kadenz
xXxXxXxXxXx (kein Reim) 5-hebiger Jambus, weibliche Kadenz
So, nachdem nun die alterwürdigen Dinosaurier, Jambus, Trochäus und Triceratops 🙂 ausreichend Erwähnung gefunden haben, die Frage, was uns ihr buntgemischtes Treiben verrät. Der böse Tyrannometrix Rex würde behaupten, hie und da wären zu viele Silben abgebissen oder doch zu wenige zwischen seine Zähne gekommen. Ich denke aber, seine viel zu kurzen Greifarme sind ein Hinweis dafür, dass nicht alles, was an ihm zu sehen ist, nützlich sein muss.
Es gibt also Werke, da könnte man es kritisieren wollen. Hier empfinde ich, musst Du selbst entscheiden. Ich denke nämlich, der Aufbau trägt den Inhalt und ist dabei konsequent nicht symmetrisch gehalten, ohne aber dabei eine Melodie aus dem Auge (mit dem man ja bekanntermaßen Melodien hört ;-)) zu verlieren.
Was Deinen eigenen Einwand zu den Sternen in der 3. Strophe betrifft, so fände ich Sehnsucht auch unpassend, denn die Sterne stehen für mich schon als Symbol für Sehnsucht. Ich weiß nicht, ob Du es bewusst so schriebst, aber wenn nicht, ist es umso erstaunlicher, wie sehr Poe etwas gesehen hat, was ich hier in Deinem Gedicht wiederfinde. In seinem Gedicht Evening Star verpönt er sozusagen der Romantiker lieb gewordenen Mond und degradiert ihn zur Tristesse, zur Sehnsucht des Gewöhnlichen. Viel lieber wollte er zu diesem Stern, der so weit weg ist, der unerreichbar scheint, die Phantasie erregt. So beginnst auch Du hier mit dem Mond und lässt in dieser Eingangsstrophe Worte wie „Fluch, finstre Stille, keine Kunde“ anklingen. In der 2. Strophe setzt Du es fort, in dem Du die Sterne erwähnst, aber deren Glanz entschwunden ist, und nun kommen Worte wie „fürchte, blind weitertreiben“ und der Wunsch, inmitten dem Sternenlicht sein zu können, das entschwunden ist.
Folglich hast Du recht, dass die 3. Strophe einen Bruch darstellt, bzw. geht sie eigentlich zunächst konsequent weiter. Hier steht nämlich die dichterische Entscheidung an, die Sache zum Positiven weiterzuspinnen oder zum Negativen (oder vermeintlichen, je nach Standpunkt). Du entscheidest Dich für die zweite Variante, wohl im Bestreben, die Melancholie der Sache hervorzuheben. Da passen dann die Sterne wahrlich nicht hinein, zu denen man doch eigentlich wollte. Und genau deshalb passt auch Sehnsucht nicht. Ich verstehe zwar, wie Du es meinst, aber ich sehe es so:
Du willst sagen, die Sterne hat LyrIch (noch) nicht erreicht oder es mangelt an Mut dafür, daher muss/will LyrIch sich in süß-schmerzende Sehnsucht einhüllen. Soweit passend. Bleibe ich aber im Sternensymbol, wo sie, die Sterne, die Sehnsucht verkörpern bzw. deren Gegenstand sind, fände ich das Wort Sehnsucht als zu plump, weil zu direkt eingeworfen. Viel schöner wäre hier ein Bildbezug, der dieses Gefühl im Zusammenhang mit den Sternen einfängt. Dazu müsste man evtl. die komplette Strophe anders formen.
Das ergäbe dann auch den runden Übergang zur letzten Strophe: ein Wunsch bleibt zurück, ein Blick ist klargetrübt (also: durch Klarheit getrübt), LyrIch verliert sich … um am Ende die Augen als die Sterne zu offenbaren, die derart bedeutend für LyrIch sind, dass er sie als sein Universum zu erkennen gibt, seinen Sinn, seine (Über-)Welt.
Die Und’se sehe ich dabei als gar nicht störend oder ins Gewicht fallend.
Soviel von meinen Gedanken für heute.
LG
Beteigeuze