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Geographie

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Erste Lektion
 
Du sagst, du weißt nicht, wo wir stehen
Ich zeichne dir eine Karte antworte ich
 
Ein unauslotbarer Ozean liegt nun zwischen uns

Wellen der Wut tarnen Unterströmungen schaler Zärtlichkeit


- wäre unsere Liebe Sekt, ich hätte ihn bereits gestern weggeschüttet -

 

Vor einer Million Jahren lag hier ein blühendes Tal


- das war, als meine Adern noch von der Wärme deines Blutes glühten -


aber du hast meine Septembersehnsucht verraten

 

Ein Tsunami des Hasses überspülte dann meine Strände


ertränkte die herbstlichen Bäume und ihre hoffnungsvollen Früchte


bis mein Wald, einst fruchtbar, zum Fossil erstarrte

 

Ich weiß, der Grund dieser See besteht aus Kohle


und frage mich manchmal, ob er noch brennt


doch ich kann nicht den Mut aufbringen hinabzutauchen

 

und so hänge ich an dieser Klippe


zum Sprung gespannt


eingefroren

 
Zweite Lektion
 
Und wie passe ich ins Bild? fragst du
und ich sage Äußerst periphär, mein Lieber
 
Du bewohnst ein einsames Inselchen in dieser riesigen See

eins, dessen Strände von Salzwasser beleckt werden


wie Eiskrem von gierigen Zungen

 

Wanderdünen dehnen sich in deiner windgepeitschten Brust


nur kannibalistische Schlangen überleben dort


ihre gespaltenen Zungen erschnüffeln die Spur deiner Furcht

 

Während sie deinen Kern anfressen, steigt der Ozean


es lebt, dieses Meer, es denkt und kennt keine Gnade


es ist entschlossen zu zerstören

 

Du schaufelst Dreck und häufst ihn um dich an


doch diese Mauern werden nicht halten


du baust aus Sand

 

Siehst du diesen winzigen Klecks am Rand der Karte?


Dort stehst du


verängstigt

 
Dritte Lektion
 
Du siehst kein Meer, auch keine Insel, sagst du
und ich erwidere Wir schauen nicht dieselbe Seite an
 
Meine Haselaugen sind Prismen, deine Unsterne ein Schleier

- einst glaubte ich, sie leuchteten vor Zärtlichkeit -


es muss eine optische Täuschung gewesen sein

 

Du und ich waren niemals auf gleicher Augenhöhe - ich sehe es jetzt -


du bestandest darauf mein Kleid als Blau zu bezeichnen


obwohl ich doch immer nur Lila trug

 

Deine billigen Zaubersprüche haben sich abgenutzt


das Feuer ist erloschen


nur noch Wasser befindet sich hier

 

Ich reiße meine Hände los von der Klippe


und drehe mich nicht um nach der Flut


die deinen Pseudobau verschlingt



Diese Karte ist nutzlos
ich knülle sie zusammen und werfe sie weg
und zerstreue das Wir in alle Winde
 
Hallo Tintendrache,^^
 
mir gefällt die Wortwahl in deinem Werk. Allerdings mag ich ohnehin gerne Gedichte, die vom Meer handeln oder jenes als Metapher nutzen.^^
Hier ist mir eine Wiederholung aufgefallen:
Du bewohnst ein einsames Inselchen in dieser riesigen See
eins, dessen Strände von Salzwasser beleckt werden
wie Eiskrem von gierigen Zungen geleckt wird
 
Ansonsten schön zu lesen. Ich würde es allerdings eher bei der Prosa einordnen als bei der Lyrik.
 
lg David :wink:
 
erst einmal vielen Dank, dass du dich überhaupt durch mein Epos gekämpft hast. Ist doch ziemlich lang geworden, ich hoffe, nicht zu lang.
 
Die Wiederholung war eigentlich beabsichtigt, aber ich werde mir überlegen, sie wegzulassen. "wie Eiskrem von gierigen Zungen" wäre vielleicht eine Alternative.
 
Was deine Bemerkung zur Einordnung angeht, empfinde ich das natürlich anders. Für mich sind es ungebundene Verse. Ich glaube mich zu erinnern, dass du eher für gebundene Verse bist, mit Reim und Metrum. Ehrlich gesagt, das ist nicht meine Priorität beim Schreiben. Ich spiele zwar ganz gerne damit herum, aber meist kommt höchstens mittelmäßiges Zeug dabei heraus, wenn ich versuche zu reimen. Da reime ich lieber gar nicht als schlecht...
 
LG,
Tintendrache
 
Wow, lieber Tintendrache, das ist eine tolle Trilogie!
Sehr gekonnt, toll in Bilder gefasst, hast Du hier die Geographie der Liebe, oder vielmehr der Trennung ... steckt ne Menge drin!
gefällt mir wirklich sehr gut.
Wobei mir der Akzent doch etwas anders gesetzt ist, als bei meinem "abschied".
Dennoch ... im Grunde das gleiche Thema, ja.
 
Sehr gern gelesen!
 
LG, Mary Lou
 
Danke schön, Mary Lou, freut mich, dass es dir gefallen hat. Ja, der Akzent liegt hier eher auf dem Loslassen... trotzdem hat mich dein Gedicht stimmungsmäßig sehr an dieses erinnert.
 
LG,
Tintendrache
 
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